# taz.de -- Filmklassiker und Buch über Graffiti: Ganze Züge von der Writer's Bench aus gesehen
       
       > Als die ersten Graffiti durch die New Yorker Bronx rollten – und ihren
       > Weg fanden: HipHop-Pionier Fab 5 Freddy veröffentlicht seine Memoiren.
       > Der Film „Wild Style“ setzte dieser Szene ein Denkmal.
       
 (IMG) Bild: Lee Quiñones als "Zoro" in "Wild Style"
       
       Worte tanzen am Auge vorbei, das Bild ist verwackelt, die Leinwand ist die
       Außenwand einer U-Bahn, komplett besprüht. Mitte der 1970er sitzt Fab 5
       Freddy oft auf der „Writer’s Bench“, einer Sitzbank an der Haltestelle 149.
       Straße Ecke Grand Concourse in der New Yorker Bronx, wo die Linien 2, 4 und
       5 sich kreuzen und Anschluss an die S-Bahn IRT besteht. An diesem
       Verkehrsknoten checkt Freddy neue Graffiti aus. Die Bank ist Treffpunkt für
       Writer aus der ganzen Stadt, hier werden Informationen ausgetauscht,
       Verabredungen getroffen und Dispute gelöst.
       
       Fred Brathwaite wie Fab 5 Freddy bürgerlich heißt, sieht Schriftzüge mit
       Zahlen (KOOL 223), Silhouetten von Tieren, Marsmenschen, Sterne, Blitze und
       comicartige Backdrops. Besonders angetan haben es ihm Werke eines Writers
       mit dem Kürzel „LEE“. Vor allem dessen Graffiti „HEAVEN IS LIFE“ und „EARTH
       IS HELL“, gemalt auf eine Hintergrundlandschaft mit Sonne und
       Prophetenfigur, verteilt auf zwei Waggons. Oft sieht Freddy die „Pieces“
       nur einmal, bevor die U-Bahnen im Depot gereinigt und neu lackiert werden.
       
       Um 1977 wird Freddy jenen LEE alias Lee Quiñones ausfindig machen. Er führt
       in der Lower East Side ein unscheinbares Leben. Als Sprayer ist Lee dazu
       übergegangen, riesige Wandbilder zu gestalten. Fab 5 Freddy überredet den
       scheuen Lee auch im Spielfilm „Wild Style“ (1981), in dem beide als
       Laiendarsteller mitwirken, mit der weißen Journalistin Virginia (Patti
       Astor) zu sprechen.
       
       ## Gut gealtert
       
       Ausgestattet mit einem üppigen Booklet und vielen Extras lässt sich „Wild
       Style“ als restaurierte Fassung nun im Format Blu-ray bestaunen. Wie gut
       dieser neorealistische Stadtwestern gealtert ist! In „Wild Style“ fährt
       Virginia auf der Suche nach authentischen jungen Graffitikünstlern in die
       Bronx. Als ihr Auto liegen bleibt, schiebt eine Traube von
       afroamerikanischen Jugendlichen die Karre der ängstlichen Reporterin an.
       
       Auch für Fab 5 Freddy ist die Fahrt nach Uptown in die Bronx in den 1970ern
       eine Expedition ins Ungewisse: Aufgewachsen ist er im Schwarzen
       Mittelklasseviertel Bed-Stuy in Brooklyn. Die Familie ist intakt, Eltern
       und Patenonkel, [1][Jazzdrummer Max Roach,] vermitteln ihm einen
       afrozentrischen Wertekanon. Schon als Kind besucht er gern die
       Stadtbibliothek, liest Comics, hört Radiomoderator:innen zu, die am
       Mikrofon eine Urform von Rap vollführen. Er zeichnet gern, begeistert sich
       für Super-8-Filmtechnik. Graffiti bringt Struktur in sein chaotisches
       Teenagerleben, er denkt meist an Konturen, Farben, Schattierungen.
       
       In den Augen des bürgerlichen Mainstreams gilt Brooklyn als „Ghetto“.
       Anders als in Brooklyn liegen in der Bronx ganze Straßenzüge in Trümmern,
       Autowracks werden nicht beseitigt, die Infrastruktur ist zerstört. Graffiti
       gilt als Ausdruck dieser Verelendung, eine symbolische Raumnahme von
       verlorenem Grund: Wir sind von der bestehenden Kultur nicht akzeptiert,
       also gründen wir selbst eine Kulturform.
       
       ## Der Multiplikator
       
       Als Multiplikator war Freddy mit Regisseur Charlie Ahearn am Drehbuch von
       [2][„Wild Style“] beteiligt, mit Blondie-Gitarrist Chris Stein hat er den
       Soundtrack eingespielt und die Breakdancer gecastet. Fab 5 Freddy heißt im
       Film Phade, Lee firmiert unter dem Namen Raymond, alle kennen seinen
       Tagnamen „Zoro“. Die besprühten U-Bahnen wirken heute wie bewegliche
       Höhlenmalereien.
       
       Die Dialoge in „Wild Style“ sind hölzern, aber super charmant. Drive
       entsteht vor allem durch die Musik, schon der live aufgenommene
       Amphitheater-HipHop-Jam im glorreichen Finale ist legendär. Die
       Dreharbeiten waren weitgehend improvisiert, das Budget beträgt gerade
       500.000 US-Dollar. Dazu beigetragen hat übrigens das ZDF, das den Film
       coproduziert hat. Ob der ZDF-Justiziar damals die Sachbeschädigungen und
       den Vandalismus von Graffiti, wie sie in „Wild Style“ vorkommen, bedachte?
       
       „Mich hat die Kühnheit von Graffiti enorm angezogen“, schreibt Fab 5 Freddy
       in seiner gerade erschienenen Autobiografie „Everybody’s Fly“. Entstanden
       mit dem Ghostwriter Mark Rozzo. Der Protagonist wird als versierter
       Erzähler inszeniert, ist mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattet
       und mit Empathie für seine Mitmenschen. Obwohl er die Hauptrolle spielt,
       wirkt er nie überpräsent, auch weniger bekannte Zeitgenoss:innen kommen zu
       Wort.
       
       ## Passender Rahmen
       
       „Everybody’s Fly“ gibt Graffiti in New York einen passenden Rahmen und
       räumt nebenbei mit einigen Mythen auf. Fab 5 Freddy liebt Punk genauso wie
       HipHop. „Everybody’s Fly“ ist ein Zitat aus dem Song „Rapture“ der New
       Yorker New-Wave-Band Blondie. Im Songtext von Sängerin Debbie Harry taucht
       er als Stichwortgeber auf: „Fab 5 Freddy told me everybody’s fly / DJ
       spinnin’, I said, ‚My, my‘ “.
       
       Im richtigen Leben ist Fab 5 Freddy gern in die „Paradise Garage“ gegangen,
       eine schwule Disko, deren Resident DJ Larry Levan genau wie die frühen
       HipHop-DJs das Plattenmixen zur eigenen Kunstform erhoben hat. Was der
       bildenden Kunst Mitte der 1970er gefehlt habe, so schreibt er, seien
       Rhythmus, Farbe, Dringlichkeit gewesen. Besprühte U-Bahnen seien wie ein
       rollendes Museum mit wechselnden Leinwänden.
       
       Züge waren in der afroamerikanischen Kultur immer Symbole für Mobilität und
       ein besseres Leben im Norden. In den 1970ern war dieses
       Aufstiegsversprechen passé, die gesellschaftliche Apathie nach der
       Aufbruchstimmung der Bürgerrechtsbewegung 1960er und dem Trauma des
       Vietnamkriegs sorgte im Alltag für Segregation. Angst vor Schwarzen
       Jugendlichen wurde damals von Medien und Politikern auch in New York
       geschürt: „Wir hatten es satt, ständig als jugendliche Straftäter
       abqualifiziert zu werden, wir waren keine Abweichler, wir waren Künstler.“
       
       ## Der Uptown-Sound
       
       Für Fab 5 Freddy sorgt die kinetische Energie des Sprühens für Freiraum. Er
       setzt sie mit dem sogenannten Uptown-Sound in Beziehung, einer
       Open-Air-Partyszene, die er ab Mitte der 1970er in der Bronx, aber auch in
       Brooklyn mitbekommen hatte. DJs mischen bestimmte Instrumentalpassagen von
       Funksongs, indem sie zwei identische Platten hin und her switchen, dadurch
       kreieren sie einen neuen Background, auf dem MCs am Mikrofon improvisieren,
       und Tänzer:innen auf der Tanzfläche die Breaks und Riffs mit
       Körperdrehungen nachahmen. Wenn sie zu mehreren in Choreografie vorgehen,
       setzt sich ein Zug in Bewegung: Breakdance.
       
       Als Fab 5 Freddy das erste „Whole Train“-Graffiti sieht, bohrt eine Frage
       in ihm: „Wie haben sie das bloß geschafft?“ Freddys eigener Stil ist noch
       rudimentär, „weichgezeichnete Buchstaben, nicht vollständig ausgemalt“.
       1980 wird er mit seinem „Art Soup“-Graffiti berühmt. Mit dem von Andy
       Warhol verewigten Dosensuppen der Marke Campbell bemalt er eine ganze
       U-Bahn und setzt den Slogan „Art Soup“ hinzu.
       
       Warum sind „Wild Style“ und „Everybody’s Fly“ bedeutsam: Weil der Film
       mindestens so klassisches Altertum ist wie „Die Odyssee“. Weil darin eine
       USA zum Vorschein kommt, wie sie AfD und BSW verabscheuen. Weil Fab 5
       Freddy an den gesellschaftlichen Zusammenhalt appelliert, in der
       fragmentierten Gegenwart leider keine Selbstverständlichkeit.
       
       7 Aug 2026
       
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