# taz.de -- Die Wunderkammer von Lothar Osterburg: Vom Bildrand kuckt das Mädchen mit dem Weinglas
       
       > Lothar Osterburg legt im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig einen
       > traumschönen Parcours durch die Kunstgeschichte – mit irritierendem
       > Maßstab.
       
 (IMG) Bild: Puppenhausartiges Museumsmodell im „Cabinet of Wonders. Lothar Osterburg back from Brooklyn“
       
       Es ist gewiss eine ganz eigene, schöne und gleichsam ambivalente Sache für
       Künstler:innen, die Einzelausstellung in einem renommierten Museum in der
       Stadt zu haben, aus der man kommt. Dort, wo die allerersten künstlerischen
       Schritte oft nicht recht goutiert wurden. Diese Erfahrung macht gerade
       Lothar Osterburg im Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig. Osterburg
       wurde 1961 just in Braunschweig geboren, lebt aber seit fast 40 Jahren in
       den USA. 2011 hatte er in einer Berliner Galerie einige Arbeiten gezeigt,
       erzählt er, nun sind viele, auch ganz neu entstandene in seiner
       niedersächsischen Heimatstadt zu bewundern.
       
       Ja, „bewundern“ ist hier die richtige Betrachtungshaltung, denn Osterburg
       knüpft in seinen Themen und Arbeitsweisen an die Kuriositätenkabinette und
       Wunderkammern alter dynastischer Sammlungen an, die, wie auch in
       Braunschweig, den Grundstein legten für staatliche Museen kunsthistorischer
       Ausrichtung.
       
       Im Zentrum der Ausstellung steht ein über zwei Meter langes Modell des
       Herzog Anton Ulrich Museums. Gefertigt ist es in farbigem Papiermaché aus
       alten Kunstdrucken und Landkarten. Die Fassadenfront kommt recht
       naturgetreu daher, allenfalls irritieren überdimensionale Autos – und ein
       U-Bahnabgang, dessen tiefer gelegenes Innenleben durch ein kleines
       Sichtfenster inspiziert werden kann.
       
       [1][Hier stand die U-Bahn New Yorks Pate], der Stadt, in der Osterburg
       lebt. Die Rückseite des Gebäudes ist zerklüftet und bietet Raum für
       biografische wie kunstgeschichtliche Spekulationen. Über jenes
       ornamentierte Bleiglasfenster etwa, das von außen zu sehen ist und, leicht
       geöffnet, Jan Vermeers „Das Mädchen mit dem Weinglas“ in den Bildrand
       rückt. Das um 1659 entstandene Gemälde ist eines der Highlights des
       Braunschweiger Hauses.
       
       Vom dornigen Weg, Künstler zu werden, erzählen weitere Raumfragmente mit
       den Materialschlachten zur „Mappenprüfung“ an der Kunsthochschule
       Braunschweig oder der (abgelehnten) Bewerbung zur Teilnahme an einer der
       „Herbstausstellungen“ norddeutscher Künstler:innen in Hannover.
       
       ## Roy Lichtenstein ist Auftraggeber
       
       Lothar Osterburg hatte aber auch Erfolg. Er konnte 1981 sein Kunststudium
       in Braunschweig aufnehmen, konzentrierte sich auf die Zeichnung und vor
       allem die Druckgrafik. Ein akademisches Austauschprogramm brachte ihn 1987
       nach San Francisco an die State University. Verschult sei es dort
       zugegangen, so Osterburg. Doch konnte er dort seine druckgrafischen
       Fähigkeiten in der Lithografiewerkstatt unter Beweis stellen, für niemand
       Geringeres [2][als Roy Lichtenstein] akquirierte er erste Aufträge.
       
       Osterburg avancierte zum Spezialisten für die Heliogravüre, ein
       historisches Tiefdruckverfahren, das ein Fotopositiv in eine Druckplatte
       übersetzt. Christian Boltanski oder John Baldessari wussten seine Dienste
       zu schätzen, die charakteristisch tiefschwarz mysteriöse Unschärfe der
       Heliogravüre wurde fortan zum Spezifikum von Osterburgs eigener Kunst. Die
       Druckgrafik spülte ihn später nach New York und seine Werkstätten, wo er
       für seinen Lebensunterhalt auch „Master Prints“ anfertigt. Sein
       favorisierter [3][Künstler wie Kunde sei William Kentridge].
       
       In der eigenen Grafik greift Osterburg auf kunsthistorische Topoi oder
       traumhafte Erinnerungen zurück. Es gibt eine Serie zu 30 seiner vormaligen
       Ateliers. Das erste war eine Dachkammer mit einer Fensterluke – oder doch
       zwei? – ganz in der Nähe des Museums. [4][Giovanni Battista Piranesis
       Architekturfantasien] der „Carceri“, vom Italiener stetig verdichtet und um
       irrwitzige Details erweitert, überarbeitete Osterburg neuerlich, fügte
       weitere Zugbrücken ins Nirgendwo zu.
       
       ## Der Turmbau zu Babel
       
       Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel, bekannt etwa durch Gemälde
       von Pieter Bruegel dem Älteren, war Anlass für ein Modell aus
       Miniaturbüchern, das, abfotografiert, zur Heliogravüre wurde – und zum
       Sinnbild für die Bereicherung jeder Kultur durch viele Sprachen. Bei
       Osterburg schwimmen Städte auch mal vor der Skyline Manhattans oder alles
       bewegt sich in seinen Mehrkanalvideos, musikalisch begleitet von seiner
       Ehefrau, der Komponistin Elizabeth Brown. Und immer wieder irritieren
       subtile Maßstabsverschiebungen, die hier nicht nur viele Facetten dieses
       Braunschweiger-New Yorker Künstlers, sondern auch der Kunstgeschichte
       entdecken lassen.
       
       9 Aug 2026
       
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