# taz.de -- Leipzig und Hybrider Krieg: Verunsicherung ist ihr Ziel. Haltet die Faszien im Flow!
> Ist Ruhe wieder erste Bürgerpflicht? Oder wie erklärt sich sonst die
> seltsam entspannte Stimmung trotz sich häufender Terroranschläge?
(IMG) Bild: „Du, lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit“: Wof Biermann in München, 1976
Eigentlich wollte ich mich mal wieder darüber aufregen, dass sich keiner
mehr über die richtigen Sachen aufregt. Zum Beispiel über das, was am
Mittwoch auf dem Leipziger Flughafen geschah und [1][was der Innenminister
„hybrides Anschlagsszenario“ nennt.] Aber ich bin verunsichert. Ist das
Ausbleiben von Hysterie richtig? Sind wir alle total anschlagsroutiniert
und gehen mittlerweile an einem Anschlag vorbei wie am Kackhaufen auf dem
Gehweg? „Ach, guck mal da, wieder so ein missglückter Anschlag, haha, wie
kann man so doof sein, hehe.“
Stell dir vor, es ist hybrides Anschlagsszenario und keiner geht hin? Ist
das vielleicht voll super, dass sich keiner so richtig aufregt? Ist es
richtig, sich nicht groß beeindruckt zu zeigen von einer Bombe, deren
Zünder versagt hat? Weil würden alle in Schnappatmung verfallen, würde es
nur dem Urheber in die Karten spielen?
Täuscht mich mein Eindruck, oder waren wir auch nach dem [2][tödlichen
Anschlag auf dem CSD] weniger aufgeregt, als es sich gehört? Waren wir
wirklich genug bestürzt über den Mord an der 65-jährigen Frau und Mutter
aus Polen, die mit ihrer Tochter nach Berlin gereist war? Oder gönnten wir
uns nur einen kurzen Schock, weil uns die Wahlumfragen in Sachsen-Anhalt
mehr Sorgen machen?
Kurz nach dem Drohnenfund in Leipzig gibt Sachsens Innenminister Schuster
Zuversicht: Die Sicherheitsvorkehrungen haben alle top funktioniert.
Experte 1 und 2 sekundieren relativ ähnlich. Dann aber Experte 3: Die
Abwehr von Drohnen in Deutschland ist nicht auf dem Stand der Dinge. Zack,
Verunsicherungshypertonie. Und plötzlich kommt raus, der [3][Busfahrer vom
Flughafen hat die Drohnenbombe] aus der Luft einfach mit dem Fuß
weggeschnippt. Oh. Mein. Gott. Steht das etwa so in den
Sicherheitsvorkehrungen für die Busfahrer an Flughäfen? Wie verunsichernd
wird es noch? Gibt es Tabletten gegen Verunsicherungshochdruck?
## Jeden Tag James Bond
Zack heißt es, der neue James-Bond-Darsteller wird bald bekannt gegeben.
Seit dem russischen Hybridkrieg ist aber ja eh jeden Tag James Bond und
also schießt auch schon ein dem Verunsicherungshochdruck geschuldeter
James-Bond-Gedanke in den Kopf: Könnte es sein, dass der Zünder an der
Drohne mit Absicht nicht zündete? Schafft ein missglückter Drohnenanschlag
nicht noch mehr Verunsicherung als ein geglückter?
Terror mit nicht ganz eindeutigem Motiv und wenig Schäden verursacht
zunächst weniger Aufregung, weniger Gegenwehr. Dafür umso mehr
Verunsicherung, die das Empör- und Wahlverhalten unterwandert. Die
Verunsicherung mit minimalem Einsatz maximal vergrößert: Für die einen sind
es unbewiesene Vorwürfe (längst ist „Russland war’s“ zu einem
Augenzwinkersatz für jene geworden, die glauben, die wahren Motive hinter
Attentaten würden versteckt) und für die anderen ist die zurückhaltende
Reaktionen der Regierung Beweis für ihre Schwäche.
Aber lassen wir uns davon nicht verunsichern: Die Verunsicherung ist
eigentlich eine Tugend intellektueller Redlichkeit. Man sollte immer
Zweifel haben an dem, was man so glaubt, denkt, mit Verve vertritt und
meint, was man anderswo an Meinung sich abgehört hat. Sonst rosten nämlich
die Gedanken wie die Knochen und das ist nicht gut für gar nichts, schon
gar nicht fürs Vorwärtskommen.
Gerade in Zeiten, in denen die Verunsicherung zu einer der mächtigsten
Kriegswaffen geworden ist, sollten wir die Verunsicherung behandeln wie
unsere Faszien: immer schön im Flow halten, dynamisch dehnen, auf dass die
Gedanken federn, schwingen und Verhärtungen lösen, die Beweglichkeit
verbessern. Ganz so wie schon der DDR-Dissident Wolf Biermann 1968 in
seinem populären Gedicht „Ermutigung“ nicht die Faszien meinte, als er
schrieb: „[4][Du, lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit].“
7 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kritische-Infrastruktur-in-Deutschland/!6202296
(DIR) [2] /Nach-dem-Anschlag-auf-den-CSD-Berlin/!6196819
(DIR) [3] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101376382/leipzig-busfahrer-soll-drohne-mit-fusstritt-gestoppt-haben.html
(DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=5C2YCNXkSkk
## AUTOREN
(DIR) Doris Akrap
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