# taz.de -- Linkes Modellprojekt in Rom: Bei „Spin Time“ soll das Licht ganz ausgehen
       
       > Eines der größten besetzten Wohnprojekte wird wegen eines Feuers
       > evakuiert. Sofort stürzt sich Italiens Rechte darauf, um es endgültig
       > dichtzumachen.
       
 (IMG) Bild: Menschen sitzen nach der Evakuierung auf der Straße
       
       Kein Auto rollt in diesen Tagen über die vierspurige Via Santa Croce in
       Gerusalemme. Die vierspurige Straße ist abgesperrt, auf dem Asphalt stehen
       Zelte, zwischen ihnen einige Plastikplanschbecken, in denen Kinder
       herumhüpfen und einander lachend nassspritzen.
       
       Doch hier steigt kein Stadtteilfest, das machen die müden Gesichter der
       zahlreichen Erwachsenen klar, die auf den Plastikstühlen und Bierbänken
       hocken. Sie sind nicht freiwillig auf der Straße. Sie wurden geräumt, am
       29. Juli. Rund 400 Menschen sind von der Räumung des „Spin Time“ betroffen,
       eines der größten besetzten Wohnprojekte in Rom.
       
       Zur Räumung kam es nach einem Brand in einem Technikraum, schnell gelöscht
       von den Bewohner*innen selbst. Doch angesichts der Rauchentwicklung
       ordnete die Feuerwehr die komplette Evakuierung an – bisher ohne Rückkehr.
       Denn umgehend verfügte die Staatsanwaltschaft die Beschlagnahmung des
       großen früheren Bürokomplexes, in dem bis zum Jahr 2010 eine Rentenkasse
       ihren Sitz hatte.
       
       ## Kein kampfloser Abzug
       
       An kampflosen Abzug aber denkt niemand unter den Besetzer*innen. Sie
       stammen aus Italien, aus Osteuropa, aus Afrika, aus Lateinamerika. Und alle
       wiederholen unisono den immer gleichen Satz: „Wir bleiben!“ Vorerst heißt
       das, vor dem Spin Time auszuharren, über dessen Eingang ein Transparent mit
       der Aufschrift „Eine andere Welt ist möglich und notwendig“ hängt.
       
       Das gelingt auch dank der Hilfe aus dem Stadtteil. Ein Pavillon mit dem
       großen Schild „Arbeit für Vereinigungen und Anwohner“ ist die Anlaufstelle
       für Leute, die mit anpacken wollen, an einem Tapeziertisch werden
       Lebensmittelspenden entgegengenommen, ein Team unentgeltlich tätiger
       Ärzt*innen ist vor Ort.
       
       Die Resonanz kommt nicht von ungefähr. Denn das Spin Time ist weit mehr als
       ein alternatives Wohnprojekt. In ihm ist ein Co-Working-Space ebenso zu
       Hause wie ein Büro für kostenfreie Rechtsberatung, es gibt gratis
       Hausaufgabenhilfe für Kinder, eine Osteria bietet gutes Essen für kleines
       Geld. Die in der Seenotrettung tätige NGO Mediterranea Saving Humans hat
       dort ebenso ihren Sitz wie die Redaktion der Monatszeitschrift Scomodo, bei
       der nur unter 30-Jährige mitwirken können.
       
       Der Meloni-Rechten allerdings ist das linke Modellprojekt seit je ein Dorn
       im Auge. Auf der Liste der Objekte, die der Innenminister gern räumen
       lassen würde, steht das Spin Time ganz oben. Doch [1][Bürgermeister Roberto
       Gualtieri] und seine linke Stadtregierung halten dagegen. Die Stadt Rom hat
       jetzt ihr Angebot erneuert, das Gebäude zu kaufen und dann mit den
       Besetzer*innen einen Nutzungsvertrag abzuschließen. Eigner ist die
       Immobiliengesellschaft InvestiRE, die wiederum der italienischen
       Finnat-Bank gehört.
       
       ## Populärer Vorstoß
       
       Jetzt laufen die Gespräche zwischen der Stadt und der
       Immobiliengesellschaft. Ob sie zu einem positiven Abschluss kommen, der das
       Spin Time retten würde, ist noch nicht abzusehen. Deutlich ist dagegen
       jetzt schon, dass der Vorstoß des Bürgermeisters populär ist. Jeden
       Nachmittag, jeden Abend finden sich dutzende Menschen ein, um ihre
       Solidarität zu bekunden. Unter ihnen sind immer wieder auch bekannte
       Gesichter wie zum Beispiel [2][Roberto Saviano], der mit seinem Buch über
       die Camorra weltberühmt wurde.
       
       Die Rechte dagegen sieht die Gelegenheit gekommen, mit der brandbedingten
       Räumung das Spin Time endgültig zu versenken. Da sei eine
       „Millionenoperation“ im Gange, die nicht „von ein paar Vertretern der
       Linken oder parteiischen Intellektuellen“ entschieden werden könne, wettert
       die Meloni-Partei Fratelli d’Italia in einem Kommuniqué. Sie droht auch
       noch mit einer Klage gegen Bürgermeister Gualtieri, wenn der an seinem Plan
       zum Ankauf festhalten sollte. Und auch der Forza-Italia-Politiker Maurizio
       Gasparri poltert, die Linke wolle „die Illegalität zur Regel machen“.
       
       Ganz anders sieht das Roberto Saviano. Er nennt das Spin Time einen
       „Stützpunkt der Demokratie“.
       
       8 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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