# taz.de -- Rennradfahren in der Hitze: Ist das unsolidarisch?
       
       > Während andere vor dem Ventilator sitzen, springe ich bei Hitze aufs Rad.
       > Und riskiere damit, als Notfall im überlasteten Krankenhaus zu landen.
       
 (IMG) Bild: 33 Grad im Schatten und 100 Kilometer Strecke
       
       Es ist so heiß, dass Brandenburgs Dörfer noch ausgestorbener wirken als
       sonst. Die Menschen harren wahrscheinlich drinnen vor Ventilatoren aus, mit
       verschlossenen Jalousien und zitronigen Kaltgetränken. Es sind 33 Grad im
       Schatten und ich sitze auf meinem Rennrad. Vor uns liegen knapp 100
       Kilometer. Schlau ist diese Tour nicht, aber schon lange geplant.
       
       Ich weiß, wie gefährlich es sein kann, sich bei Hitze anzustrengen.
       [1][Wenn es heiß ist, hat der Körper ohnehin schon damit zu tun, sich zu
       kühlen]. Wir schwitzen, die Blutgefäße weiten sich, damit mehr Wärme über
       die Haut abgegeben werden kann. Gleichzeitig pumpt das Herz etwas
       schneller, damit der Blutdruck stabil bleibt. Wer zusätzlich Sport macht,
       fordert den Körper also einmal mehr heraus.
       
       Das zu machen, sei ziemlich unsolidarisch, sagte mir ein Experte für
       Hitzeschutz in Städten, mit dem ich für einen anderen Text gesprochen habe.
       Ihn rege es jedes Mal auf, wenn er eine fitte junge Person bei Hitze mit
       tomatenrotem Kopf joggen sehen würde. [2][Denn auch ein gesunder Mensch
       könne sich überschätzen] und sei dann auf medizinische Hilfe angewiesen.
       Die bräuchten aber schon alte und kranke Menschen an heißen Tagen.
       
       Auf dem Rennrad denke ich an seine Worte. Ich bin jung, ich bin gesund –
       bin ich vielleicht auch unsolidarisch?
       
       Meine [3][Sicherheitsvorkehrung gegen die Hitze] ist ein nasses Halstuch,
       das ich unterwegs immer wieder mit Wasser tränke, damit es meinen Nacken
       kühlt. Auch in die Ritzen meines Helms spritze ich regelmäßig Wasser aus
       der Trinkflasche. Vielleicht sind diese Abkühlungsmaßnahmen schon ein
       Zeichen, dass man lieber nicht aufs Rad steigen sollte.
       
       Der Experte hat natürlich recht, Krankenhäuser kommen bei Hitzewellen an
       ihre Grenzen. In die Notaufnahmen werden Patient:innen mit Überhitzung
       oder Dehydrierung eingeliefert. Auch auf den Bettenstationen liegen kranke
       Menschen, die schlecht mit der Hitze zurechtkommen – flächendeckende
       Klimaanlagen gibt es in kaum einem deutschen Krankenhaus. Meistens werden
       nur die Operationssäle und Notaufnahmen gekühlt. Auch Pflegekräfte und
       Ärzt:innen leiden unter der Hitze und müssen gleichzeitig mehr Menschen
       versorgen.
       
       In Stuttgart, wo die Hitzewelle im Juni besonders brutal war, wurden in ein
       Krankenhaus innerhalb von 24 Stunden 150 hitzebedingte Notfälle
       eingeliefert. Auch ein 40-jähriger Mann, der beim Joggen kollabiert ist und
       auf der Intensivstation behandelt werden musste.
       
       ## Bei 40 Grad kommt das Rad ins Auto
       
       Nach 70 Kilometern sind unsere Trinkflaschen leer. Auf der Suche nach
       Wasser halten wir an der Dorfkneipe. Drinnen brennt kein Licht, aber als
       wir um die Ecke in den Gastraum laufen, starren uns 50 Augen aus dem
       Dunkeln entgegen. Verständnislos haftet ihr Blick an unseren verschwitzten
       Gesichtern statt auf den Spielkarten. Zigarettenqualm wabert durch den
       Raum. Wie von einem anderen Planeten kommen wir uns vor mit unseren Helmen,
       den verspiegelten Brillen und nassen Trikots.
       
       „Ick kann mir Schöneres vorstellen bei dem Wetter“, sagt der Wirt und lacht
       uns aus, bevor er uns den großen Wasserhahn zeigt, an dem wir die Flaschen
       schneller auffüllen können.
       
       Ihr habt ja alle recht, denke ich mir. Als wir zwei Tage später
       zurückfahren wollen, sind es über 40 Grad. Also lade ich mein Rad ins Auto
       und lasse mich in die Stadt fahren.
       
       7 Aug 2026
       
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