# taz.de -- CSD in Sachsen-Anhalt: Wo Queers ständig im Feuer stehen
       
       > In der Kleinstadt Sangerhausen fand zum ersten Mal ein CSD statt. 200
       > Menschen feierten ein Fest der Liebe – auch wenn der Hass im Ort präsent
       > war.
       
 (IMG) Bild: Bei der Kommunalwahl 2024 ist die queerfeindliche AfD stärkste Partei geworden in Sangerhausen
       
       Gerald Vetter ist CSD-Profi. Leipzig, Halle, Dresden, der 66-Jährige war
       schon bei so einigen queeren Paraden. „Um den Sohn zu unterstützen“, sagt
       der Rentner aus Eisleben. „Der Sohn ist mit einem Mann verheiratet.“
       
       Solche Unterstützung kostet zuweilen Schweiß. Vater Vetter,
       Regenbogenarmband, selbst kreierte Regenbogenkappe, sitzt am
       Samstagnachmittag mit seiner Frau Angela vor der Marienkirche in
       Sangerhausen, Sachsen-Anhalt – bei 38 Grad. Und auch politisch steigt die
       Temperatur hier und steigt und steigt.
       
       Bei der [1][Kommunalwahl 2024] ist die queerfeindliche AfD stärkste Partei
       geworden in Sangerhausen, bei den Wahlen im September könnte dasselbe auf
       Landesebene passieren. Drüben an der Thälmann-Straße demonstriert heute die
       „Heimat“, Nachfolgepartei der NPD, gegen den ersten „CSD Mansfeld-Südharz“
       hier in Sangerhausen.
       
       Queere Feste stehen unter Druck. 2025 haben [2][Rechtsextreme die
       Kundgebung „Bad Freienwalde bleibt bunt“ in Brandenburg angegriffen]. 2024
       kamen gegen den CSD Bautzen 700 Neonazis zusammen, in Görlitz skandierten
       sie: „HIV, hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch!“
       
       ## Hass gegen Liebe
       
       „CSDler ins Gas“ hat in der Nacht noch jemand auf Klohäuschen hier am
       Sangerhausener Marienplatz geschrieben. Drüben an der Kirchenmauer stützen
       sich drei KZ-Häftlinge aus Stein aufeinander, „Zur Mahnung“, steht auf dem
       Denkmal aus den Fünfzigerjahren.
       
       Gerald Vetter schüttelt den Kopf. „Man kann nur versuchen, anderen ins
       Gewissen zu reden. Und man kann versuchen, sie zu animieren, wählen zu
       gehen.“ Aber eben nicht die Rechten. Vor dem Ruhestand hat Vetter in einem
       Callcenter gearbeitet. Er nimmt einen Schluck Spezi.
       
       Ein Foto? Gerald Vetter sieht ernst seine Frau an. Nicht leicht, Gesicht zu
       zeigen in dieser Zeit, doch Mutter Vetter sagt: „Ich steh’ dazu“, nimmt den
       Sohn im Regenbogenkleid in den Arm und lächelt in die Kamera. Die
       63-Jährige arbeitet im Kinder- und Jugendhaus in Eisleben, auf ihrem
       T-Shirt steht: „Just love your life“.
       
       Vorne auf der Bühne rappt eine junge Mutter gegen die Hitze an, über Liebe
       und die Frage, wen man da eigentlich sieht, wenn man in den Spiegel schaut.
       Eine der vielen Polizist:innen hier macht begeistert ein Foto.
       Jugendliche mit ledernen Hundemasken laufen über den glühend heißen Platz
       und zwei aufgeblasene Einhörner. Vereine haben um die Kirche herum Stände
       aufgebaut, die FDP neben den Linken, die Grünen neben der islamischen
       Gemeinde, die salziges Gebäck mitgebracht hat.
       
       ## Nazis bringen Kohle
       
       Fiona Harms steigt nun auf die Bühne, sie hat den CSD mitorganisiert:
       „Schaut euch um, das ist doch unglaublich!“, ruft Harms freudig den 200
       Applaudieren zu. Vor drei Jahren ist die Transfrau aus Nordfriesland
       hergezogen, aus privaten Gründen, wie sie sagt. Anfangs sei sie ein wenig
       ängstlich gewesen ob der politischen Lage, sagt sie, sei dann aber ganz
       herzlich aufgenommen worden. Sangerhausen, das sind Rosenbüsche und die
       riesige Abraumhalde des Sangerhäuser Reviers. Bis 1990 wurde hier
       Kupferschiefer abgebaut. Heute leben hier 25.000 Einwohner:innen, in vielen
       Biografien gibt es Brüche.
       
       „Viele versuchen, mit Ablehnung und Hass an die Macht zu kommen“, sagt
       Harms, Strohhut, rotes Kleid. „Wir stehen dagegen, denn es ist so wichtig,
       dass es Lachen gibt und ein Miteinander.“ Beifall. Dann wirft Harms ihren
       Arm in Richtung der rechten Gegenkundgebung. „Für jede Stunde, die die
       Heimat dort steht“, spende sie persönlich zehn Euro an die queere Jugend.
       „Bleibt also ruhig“, ruft sie den Nazis zu.
       
       Am Ende muss Harms nur zehn Euro spenden, länger als eine Stunde hält es
       die Handvoll Neonazis – „gegen einen kranken Zeitgeist“ – nicht aus an der
       glühenden Thälmann-Straße. Doch selbst, wenn am Montag dann die
       Temperaturen fallen sollten, Queers leben hier in Sachsen-Anhalt im Feuer.
       „Sicher und in Ruhe bei Rewe einkaufen können“, sagt Harms später am Rand
       des Festes, das wäre doch was.
       
       Eine richtige Demo, das wäre was, sagt Raven, 23, auf dem Grasstück hinter
       der Kirche. Doch eine Versammlung um den Marienplatz herum, wo sich alle im
       Blick haben, schien sicherer.
       
       ## Gehen oder bleiben?
       
       Raven trägt die gelb-weiß-lila-schwarze Flagge der Nichtbinären um die
       Schultern und ist in Sangerhausen geboren. Heute hat Raven die Schwestern
       Ilay und Mila aus Eisleben eingeladen und Chris, um den ersten CSD in der
       Heimatstadt zu feiern. „Wir sind hier, um für unsere Rechte zu kämpfen und
       die Community zu unterstützen“, sagt Ilay, 25. Ihre Klarnamen wollen alle
       vier nicht sagen, um sicherzugehen.
       
       Reicht es Raven nicht manchmal mit der ständigen Bedrohung? Wie wird das
       erst nach der Landtagswahl? Ist Wegziehen keine Option? Schließlich
       überlegen das gerade viele. „Nee“, sagt Raven. „Meine Nichte lebt hier,
       meine Familie ist hier.“ Außerdem, wirft Ilay ein, reiche ja wohl ein
       „totaler Ossi-Verräter“ in der Clique. Alle lachen, bis auf Chris, der
       mittlerweile in Darmstadt lebt.
       
       28 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kommunalwahlen-in-Ostdeutschland/!6016549
 (DIR) [2] /Neonazi-Angriff-in-Bad-Freienwalde/!6094115
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Hunglinger
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Schwerpunkt Neonazis
 (DIR) Diversity
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Christopher Street Day
 (DIR) Pride Parade
 (DIR) Kolumne Prinzip Hoffnung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) CSD in Sachsen-Anhalt: „Polizeipräsenz, weil man uns schützen muss“
       
       Auch beim Naumburger CSD ist Sicherheit ein Thema. Die Polizei läuft hier
       schon seit Jahren mit – weil früher Rechte Jagd auf Teilnehmende gemacht
       haben.
       
 (DIR) Christopher Street Day: Gibt es zu viele freischwingende Schwänze auf dem CSD?
       
       Am Samstag strömen wieder Hunderttausende zum CSD, dabei werden auch viele
       Geschlechtsteile ausgehängt. Ist das übergriffig – oder befreiend?
       
 (DIR) CSD in Wittenberg: Dem Rechtsruck entgegen
       
       Erneut ziehen Queers beim CSD durch Wittenberg. Eine rechte Gegendemo gibt
       es dieses Jahr nicht. Die anstehende Wahl gibt dennoch genug Anlass zur
       Sorge.
       
 (DIR) Pride Parade in Berlin-Marzahn: „Sichtbarkeit ist Widerstand“
       
       Letztes Jahr hatten Rechtsextreme gegen sie mobilisiert: Die Marzahn-Pride
       findet nun zum siebten Mal statt, bislang ohne angekündigten Gegenprotest.
       
 (DIR) Queere Sichtbarkeit im Pride Month: Jeder CSD ist auch eine Demonstration
       
       In Deutschland gibt es immer mehr Christopher Street Days. Das ist
       bemerkenswert. Denn niemand organisiert einen CSD, weil es besonders bequem
       wäre.