# taz.de -- Nach Verlegung von Gaza-Veranstaltung: Ist die humanitäre Hilfe in Gaza neutral genug?
> Eine Veranstaltung an der Uniklinik Köln wurde aus Neutralitätsgründen
> abgesagt. Jetzt fand sie an der benachbarten Uni statt. Wie neutral war
> sie?
(IMG) Bild: Zerstörung im Gazastreifen nach israelischen Angriffen und katastrophale humanitäre Zustände
Dass Sicherheitspersonal bei einer ihrer Veranstaltungen anwesend ist, war
Anica Heinlein bisher auch noch nicht passiert. Doch hier, vor dem Hörsaal
C an der Universität zu Köln, stehen drei Menschen in Westen mit der
Aufschrift „Security“. In wenigen Minuten wird Heinlein, die Vorsitzende
des [1][Verbands Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (Venro)] ist, im
Saal über die humanitäre Lage in Gaza sprechen. Und die drei
Sicherheitskräfte außerhalb darauf achten, dass nichts passiert.
Das vorab: Bei der Veranstaltung an diesem Donnerstagabend in der Kölner
Uni mit dem Titel „Gaza – Humanitäre Situation und Möglichkeiten der
medizinischen Hilfeleistung“ musste der Sicherheitsdienst nicht eingreifen.
Dass die Universität ihn dennoch einsetzte, hatte eine Vorgeschichte.
Eigentlich hätte die Veranstaltung nämlich schon am 2. Juli stattfinden
sollen, ein paar Meter entfernt in der Uniklinik. Dort hat der Anmelder,
die Kölner Regionalgruppe von [2][Internationale Ärzte für die Verhütung
des Atomkrieges (IPPNW)], schon häufiger getagt, außerdem war der
Gruppenvorsitzende Uwe Trieschmann dort Oberarzt. Doch die Uniklinik sagte
die Veranstaltung ab.
Trieschmann findet das einen Skandal, sagt er. Nicht nur die Absage stößt
ihm auf, sondern auch die Begründung der Uniklinik. Diese erklärt auf
taz-Anfrage: „Die Uniklinik Köln ist zu politischer Neutralität
verpflichtet.“ Deswegen habe man IPPNW keine Genehmigung für die
Veranstaltung erteilt und die Reservierung des dafür vorgesehenen Raums
storniert. Was genau Neutralität bedeutet, erklärte die Uniklinik auf
Nachfrage nicht.
## Helfer berichten: Kaum Hilfsgüter für Gaza
Humanitäre Hilfe im Sinne des hippokratischen Eids sei eine zentrale
Aufgabe aller Ärzt*innen, findet Trieschmann. Als die rund 150
Zuhörer*innen im Hörsaal Platz genommen haben, spricht er das und die
Vorgeschichte aber nur mit „einem kurzen Wort“ an. Viel wichtiger sei ihm
nämlich, was seine Nachredner*innen zu sagen haben.
So berichtet die Venro-Vorsitzende Heinlein von ihren Erfahrungen mit NGOs,
die Hilfsgüter, darunter medizinisches Material, nach Gaza bringen wollen,
das aber kaum können. So sei das Geschehen im Gazastreifen der „weltweit
tödlichste Konflikt für humanitäres Personal“. Von [3][den dort lebenden
Menschen] ganz zu schweigen.
Nach Heinlein spricht Abed Schokry. Er ist Ingenieur, kommt aus Gaza und
kennt die Lage der humanitären Versorgung vor Ort genau. Auch er betont,
dass kaum Hilfsmittel in die Region gelangen – weil das israelische Militär
an der Grenze zu Gaza beinahe unüberwindbare Hürden an Hilfsorganisationen
stellt, sowohl physisch als auch administrativ.
Daraus folge, laut Schokry, dass zum Beispiel Krankenhäuser in Gaza – wenn
sie denn im Einsatz sind – keine sterilen Orte der Heilung seien, sondern
überfüllte Gebäude, in denen es nach Wunden und Infektionen rieche, und
zwar nach unbehandelten, weil die medizinischen Güter fehlten. Dabei seien
die sichtbaren Wunden nicht das einzige Problem. Es gebe auch „diese
Verletzungen, die kein Röntgenbild erfassen kann“, so Schokry, jene an der
Seele.
## Vermeidbare Todesfälle
Umso wichtiger sei es ihm, die Bedeutung von humanitärer Hilfe
hervorzuheben. „Sie darf kein politisches Pfand sein“, sagte er. Denn das
Einzige, was im Gazastreifen aktuell helfen würde, sei eine unbeschränkte
Zufuhr von Hilfsgütern.
Dass diese Hilfe eigentlich möglich wäre, betont der dritte und letzte
Redner des Abends, Aladin Atalla. Er ist App- und KI-Entwickler. Rund 70
seiner Verwandten seien in Gaza getötet worden. Einige von ihnen, darunter
seine Oma, seien wegen fehlender Medikamente gestorben. Unter normalen
Bedingungen hätte ihnen also geholfen werden können.
Doch Atalla will nicht nur von seinem persönlichen Schicksal berichten,
sondern auch von Möglichkeiten, etwas zu tun. So setzt er sich dafür ein,
dass speziell verwundete Kinder – mit ihren Eltern, das ist ihm wichtig –
aus Gaza rauskommen können, um anderswo in ausgestatteten Krankenhäusern
behandelt zu werden.
Bevor er Fragen aus dem Publikum aufnimmt, sagt Trieschmann, dass er die
Sache mit der Absage jetzt wirklich nicht diskutieren wolle, auch nicht
darüber sprechen, was neutral eigentlich bedeute. Sondern über die Sache.
Ganz neutral eben.
24 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://venro.org/start
(DIR) [2] https://www.ippnw.de/startseite.html
(DIR) [3] /Verwundete-aus-Gaza-in-Jordanien/!6181301
## AUTOREN
(DIR) Adrian Breitling
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