# taz.de -- Transformation in Äthiopien: Afrikas grüner Aufbruch
> Kohlenstoffarme Zukunft: Mit E-Autos, Wasserkraft und Aufforstungen zeigt
> Äthiopien, welche Rolle Afrika in der globalen Energiewende spielen kann.
(IMG) Bild: Im Showroom des chinesischen Autokonzerns GAZ in Addis Abeba, 2026
Seit Januar 2024 verbietet die äthiopische Regierung den Import von
Verbrennerfahrzeugen. Im [1][Mai 2025] folgte das Importverbot für
Einzelteile von Verbrennerautos. Äthiopien war weltweit das erste Land, das
diesen Schritt ging. Der Grund war zunächst ein wirtschaftlicher: Benzin-
und Dieselimporte waren dem Land zu teuer geworden und hatten seine
Devisenreserven erheblich unter Druck gesetzt.
Doch der Schritt wirft die Frage auf, welche Rolle Afrika einnimmt, wenn
die Welt auf saubere Energie umstellt. Wird der größte Teil der Gewinne
wieder außerhalb Afrikas abgeschöpft, während der Kontinent Land, Wälder
und Rohstoffe bereitstellt? Oder wird Afrika eine grüne Wirtschaft nach
eigenen Vorstellungen aufbauen können und damit eine Transformation
gestalten, die eigenen Interessen dient?
Der in Addis Abeba lebende Araya Belete hat sich ein Elektroauto gekauft.
Nun lehnt er an der Straße über der geöffneten Motorhaube. Sein Smartphone
lehnt am Scheibenwischer, auf dem Display läuft ein vierminütiges
Reparaturvideo. Ein Bauteil ist defekt. Der Mechaniker in dem Video spricht
Mandarin, Belete Amharisch und Englisch. Das Auto interessiert das wenig.
Belete ist IT-Experte, seit dem Autokauf aber auch Mechaniker, Elektriker
und Importeur von Ersatzteilen wie Ladekabeln. Angesichts steigender
Spritpreise war der Umstieg für ihn die einzig vernünftige Option, sagt er.
## Vom IT-Experten zum Mechaniker
Er überzeugte sogar seine Firma, vier weitere E-Autos anzuschaffen. Damit
allerdings fingen die Probleme an. Denn Wartung und Reparatur sind
schwierig in einer Stadt, in der die meisten Werkstätten kaum Erfahrung mit
Elektroautos haben.
Als das Importverbot in Kraft trat, waren in Äthiopien Schätzungen zufolge
etwa 7.000 Elektroautos zugelassen. Inzwischen sind es über 115.000. Bei
insgesamt etwa 1,3 Millionen Fahrzeugen im Land ist das ein enorm hoher
Anteil. Wirtschaftlich sinnvoll war der Umstieg auch durch die
Inbetriebnahme des Grand Ethiopian Renaissance Dam (Gerd), des größten
Wasserkraftwerks Afrikas, im November 2025.
14 Jahre war an dem Megastaudamm am Blauen Nil gebaut worden. Die Kosten
von rund 5 Milliarden Dollar hatte die Regierung weitgehend im Inland
mobilisiert. Staatsbedienstete kauften Staatsanleihen, Mitglieder der
äthiopischen Diaspora leisteten Beiträge aus dem Ausland, Schulkinder
sammelten Geld. Millionen Bürger:innen des Landes beteiligten sich so an
der Finanzierung.
Der Gerd hat Äthiopiens Stromproduktion mehr als verdoppelt. Die 13
Turbinen erzeugen Wasserkraft mit einer Stromkapazität von bis zu 5.150
Megawatt. Das Land wird so immer weniger abhängig von Treibstoffimporten,
entwickelt sich zu einem regionalen Stromexporteur – und hat reichlich
Energie für den staatlich beförderten Boom der E-Autos.
## 48 Milliarden Baumsetzlinge
Der Damm ist dabei nicht das einzige grüne Großprojekt. Im Rahmen der 2019
gestarteten Wiederaufforstungskampagne Green Legacy Initiative haben
Millionen Äthiopier:innen bisher nach Regierungsangaben insgesamt 48
Milliarden Baumsetzlinge gepflanzt. Das Ziel liegt bei 65 Milliarden.
In erster Linie geht es dabei um den Schutz von Wassereinzugsgebieten, die
Wiederherstellung degradierter Böden und die Sicherung der Grundlagen von
Energieversorgung und Ernährung. Gleichwohl eröffnet das Projekt Äthiopien
die Möglichkeit zum Verkauf von CO2-Zertifikaten auf internationalen
Märkten. Damit unterscheidet sich das äthiopische Modell von einem
verbreiteten Ansatz der grünen Transformation in Afrika, der sich darauf
beschränkt, Emissionen wohlhabender Länder zu kompensieren.
Der Handel mit CO2-Zertifikaten und die Erschließung strategischer
Rohstoffe verändern Afrikas Wirtschaft. Unternehmen sichern sich
Nutzungsrechte an riesigen Flächen afrikanischer Wälder, um CO2-Zertifikate
für den globalen Markt zu erzeugen. Gleichzeitig treibt der weltweite
Ausbau von Elektrofahrzeugen und Batterietechnologien die Nachfrage nach
Kobalt, Lithium, Kupfer und seltenen Erden in die Höhe. Afrika gerät damit
ins Zentrum der globalen Energiewende.
Die Zertifikate von afrikanische Flächen werden allerdings auf
internationalen Märkten verkauft. Rohstoffe verlassen den Kontinent häufig
in unverarbeiteter Form – und kehren als hochwertige Batterien,
Elektroautos oder andere Technologien zurück. Der größte Teil der
Wertschöpfung findet also anderswo statt. Afrikanische
Wissenschaftler:innen wie die kenianische Anthropologin Wangui Kimari
bezeichnen diesen Prozess inzwischen als „grünen Kolonialismus“:
Umweltressourcen und wirtschaftliche Wertschöpfung werden unter dem
Vorzeichen des Klimaschutzes aus Afrika abgezogen.
## Stärkung der lokalen Widerstandsfähigkeit
Äthiopien geht zwar einen eigenen Weg, ist dabei aber keineswegs unabhängig
von globalen Lieferketten. Es muss Elektrofahrzeuge, Batterien und
Ladegeräte weiter importieren. Doch die Regierung versucht, nicht bloß an
der grünen Transformation teilzunehmen, sondern mehr Kontrolle über ihre
Voraussetzungen zu erlangen.
Ihre neue, grüne Industriepolitik entwickelte sie als Antwort auf eine
eigene Zahlungsbilanz- und Devisenkrise und nicht primär nach den
Vorstellungen internationaler Geber. Bei dem Aufforstungsprogramm steht die
Stärkung der lokalen Widerstandsfähigkeit im Vordergrund, nicht die
Erzeugung von Zertifikaten für internationale CO2-Märkte.
Belayneh Ameare fährt seit Jahrzehnten denselben verwitterten blauen Lada
sowjetischer Bauart durch Addis Abeba. Einst verdiente er mit dem Auto als
Taxifahrer sein Geld. Heute muss er immer öfter zusehen, wie elektrische
Kleinbusse die Haltestellen und Fahrgäste übernehmen, von denen er lebte.
Ameare lehnt die grüne Transformation nicht ab, sagt er. Doch er sorgt
sich, ob es in diesem Wandel noch Platz für Menschen gibt, deren
Lebensunterhalt von der bisherigen Wirtschaftsweise abhängt, oder ob sie
zurückgelassen werden.
So zeigt sich in Äthiopien, dass eine grüne Strategie die nationale
Unabhängigkeit stärken, aber gleichzeitig auf individueller Ebene Verlierer
hervorbringen kann. Afrika muss als Kontinent deshalb nicht nur die grüne
Transformation selbst gestalten, sondern auch sicherstellen, dass die
Früchte dieser Souveränität innerhalb der einzelnen Länder allen
zugutekommen.
Im September 2025 richtete das Land den zweiten Africa Climate Summit aus
und vertrat eine selbstbewusste Position. Afrika, so heißt es in der
Abschlusserklärung, ist „nicht lediglich ein Opfer des Klimawandels,
sondern eine mit Ressourcen ausgestattete und proaktive Kraft bei der
Entwicklung innovativer, nachhaltiger und inklusiver Lösungen“. Der
Kontinent solle sich als „globale Drehscheibe für kohlenstoffarme
Produktion“ positionieren und so einen „'Green First’-Weg zur
wirtschaftlichen Entwicklung“ verfolgen.
18 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://cleantechnica.com/2025/06/21/ethiopia-updates-ice-vehicle-import-ban-to-include-imports-of-skd-ckd-kits/
## AUTOREN
(DIR) Dabia Nesredin
## TAGS
(DIR) Afrika und der Wettbewerb globaler Mächte
(DIR) Afrika
(DIR) Energiewende
(DIR) Äthiopien
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
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