# taz.de -- Sommerinterview des Kanzlers: Merz kann jetzt seinen Machtzirkel neu ordnen
> Mit dem Rücktritt von Jens Spahn als Fraktionschef ist der Kanzler einen
> seiner größten Konkurrenten los. Das eröffnet ihm die Chance für weitere
> Befreiungsschläge.
(IMG) Bild: Kanzler Merz beim ZDF-Sommerinterview in Meschede
Im hellen Anzug, vor vorbeiziehenden Segeljollen – dafür, dass sich in der
Unionsfraktion gerade ein Tsunami ereignet hatte, wirkte Friedrich Merz
bemerkenswert gelöst [1][beim ZDF-Sommerinterview]. Auf die Frage nach
einem möglichen Kabinettsumbau antwortete er sogar ziemlich beschwingt:
„Ja, das könnte eine Gelegenheit sein.“
Bei aller zur Schau gestellten Betroffenheit über den Fall seines
wichtigsten Mannes – für den Kanzler bietet der Rücktritt von [2][Jens
Spahn] tatsächlich die Gelegenheit, seinen engsten Machtzirkel neu zu
ordnen. Das heißt: Fraktion und Regierung anders aufzustellen und die
eigene Position zu festigen.
Zwar hatte Spahn sich in den vergangenen Monaten vom durch Maskenaffären
geschwächten Wackelkandidaten zum unverzichtbaren Pfeiler der schwarz-roten
Machtarchitektur gewandelt. Doch hundertprozentig vertraut hat der Kanzler
seinem zurückgetretenen Fraktionschef nie, das war immer wieder zu hören
und auch zu spüren.
Zu ehrgeizig, zu machtbewusst war Spahn selbst, seine Ambitionen, sich
neben Merz als der bessere Manager zu präsentieren, blieben keiner
politischen Beobachterin verborgen. Einen seiner größten Konkurrenten ist
Merz nun los, das eröffnet ihm die Chance für weitere Befreiungsschläge.
## Was Spahn so weit brachte
Dass er Spahn im vergangenen Jahr an die Spitze der Fraktion holte, war
ohnehin eher macht-taktischen Gründen geschuldet. Merz wollte den in
Düsseldorf lauernden Ministerpräsidenten Hendrik Wüst durch ein
nordrhein-westfälisches Gegengewicht in Berlin einhegen, was ja auch nur
bedingt gelang.
Als der loyalere und erfahrenere Kandidat für die Führung der Fraktion galt
eigentlich stets Thorsten Frei, der die Fraktion vor der Bundestagswahl
schon als Parlamentarischer Geschäftsführer organisiert hatte. Gut möglich,
[3][dass der Kanzleramtsminister nun Spahn nachfolgt und seinen Posten im
Kanzleramt aufgibt.]
Auch in dieser Position, der wichtigsten Schnittstelle zwischen Bund und
Ländern, Regierung und Partei, braucht Merz eine Person, der er blind
vertrauen kann. Also jemanden, der keine eigenen Ambitionen hegt und Tag
und Nacht bereit ist, die Probleme des Kanzlers zu lösen. Mangelnde
Loyalität kann man Frei nicht vorwerfen, aber so richtig warm geworden war
der dennoch nie mit dem Kanzleramt, ein Posten, der bienenfleißiges Agieren
im Hintergrund erfordert und eigentlich gar keine Zeit für öffentliche
Talkshowauftritte lässt.
Davon zeugen die vielen kleinen und größeren Koalitionskrisen im ersten
Regierungsjahr. Und auch aktuell hat das Frühwarnsystem im Kanzleramt Merz
zunächst nicht rechtzeitig dafür sensibilisiert, welcher Sturm der
Entrüstung sich in der Partei zusammenbraute, als Spahn bekanntgab, dass er
und [4][sein Mann Väter über eine Leihmutter geworden seien].
## Ein neuer Verkehrsminister?
Die mit der Krise verbundenen Personalrochaden bieten für Merz auch die
Gelegenheit, weitere Schwachstellen in der Regierung anzugehen und etwa den
gleichfalls glücklosen Verkehrsminister zu feuern, der weder die
Generalsanierung der Bahn noch den Neubau von Straßen und Brücken auf die
Reihe bekommt.
Egal ob Merz sich für die große oder die kleine Lösung entscheidet – er
steht gerade vor den wichtigsten Entscheidungen seiner Kanzlerschaft. Diese
können die Koalition stabilisieren oder ihren Vertrauensverfall
beschleunigen. Angesichts der impulsiven Natur des Kanzlers wünscht man ihm
dabei gute und kritische Berater:innen.
20 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.zdf.de/play/interviews/zdf-sommerinterviews-102/berlin-direkt---sommerinterview-vom-19-juli-2026-100
(DIR) [2] /Jens-Spahn/!t5026593
(DIR) [3] /Nach-Spahn-Ruecktritt/!6197479
(DIR) [4] /Ruecktritt-von-Jens-Spahn/!6197302
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
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