# taz.de -- Kuratorin über gehäkeltes Korallenriff: „Wir reagieren aufs Dystopische durch etwas Konstruktives“
       
       > Der Osnabrücker Kunstraum Hase 29 fordert zum Häkeln eines Korallenriffs
       > auf. Kuratorin Ann-Katrin Günzel über Kollektivität und
       > Möglichkeitsräume.
       
 (IMG) Bild: Wird weltweit weitergehäkelt: „Crochet Coral Reef“ von Margaret und Christine Wertheim im New Yorker Museum of Arts and Design
       
       taz: Frau Günzel, Freiwillige häkeln Korallen, im Namen der Kunst. Ist das
       eine Warnung vor dem Korallensterben im Namen des Naturschutzes? 
       
       Ann-Katrin Günzel: So ist es gedacht. Die Aktion verweist auf das Great
       Barrier Reef in Australien, [1][das ja stark geschädigt ist]. Das
       Häkel-Riff macht darauf aufmerksam, dass dort Neues entstehen muss, weil
       viel Altes abgestorben ist
       
       taz: Die Ausstellung spricht das aufklärerisch an? 
       
       Günzel: Indirekt. Sie beschäftigt sich mit utopischen Weltentwürfen,
       eröffnet neue Möglichkeitsräume. Natürlich spielt das Dystopische in ihr
       eine große Rolle, als zugrunde liegende Folie.
       
       taz: Was sehe ich, wenn ich sie betrete? Im Kern das, was der
       Partizipativ-Aktion entspringt? 
       
       Günzel: Genau. Bei uns entsteht eines der „Satellitenriffe“, aus denen das
       Langzeitwerk „[2][Crochet Coral Reef]“ der australischen Künstlerinnen
       Christine und Margaret Wertheim besteht. Wie groß es wird, wissen wir
       natürlich noch nicht. Vielleicht füllen wir bis zum Dezember nur eine
       kleine Vitrine. Vielleicht wächst das Osnabrücker Riff aber auch so sehr,
       dass es den gesamten Kunstraum füllt.
       
       taz: Es tritt gegen Großes an: die Klimakatastrophe, die Agrarpestizide im
       Meer, die Bodenschleppnetze der Fischindustrie. 
       
       Günzel: Das Häkeln eines Korallenriffs allein bewegt keine Großkonzerne,
       sich zu ändern. Aber es kann einen Beitrag dazu leisten, indem es dem
       Denken und Umdenken einen kontemplativen Raum gibt, einen Handlungsraum,
       verbunden mit der Einladung, ihn zu betreten. Je mehr Menschen das tun,
       desto größer die Wirkung. Es erfordert viele Stimmen, gegen große Mächte
       anzugehen. Aber es ist nicht unmöglich.
       
       taz: Es ist also keine Utopie, dass die Kunst die Welt verbessern kann? 
       
       Günzel: Wenn überhaupt etwas Möglichkeiten hat und eröffnet, Ideen aufs
       Spielfeld bringt, dann ist es die Kunst. Sie hilft uns, uns aus bequemen
       Strukturen zu lösen, hinein ins Unbequeme. Es ist natürlich bequemer, sich
       keine Gedanken zu machen, und da herrscht dann zugleich viel Ohnmacht. Aber
       wenn man seine Kräfte bündelt, kann man viel bewegen. Unser Riff zeigt:
       Jeder Einzelne leistet einen Beitrag.
       
       taz: „Utopia“ dockt an den Trend zum [3][Craftivism] an. Worauf zielt Ihre
       Symbiose aus Handarbeit und Aktivismus? Auf kollektive Entschleunigung, auf
       einen Politprotest? 
       
       Günzel: Auch. Wir reagieren auf das Dystopische durch etwas Konstruktives.
       Es wird etwas erschaffen – gemeinsam. Durch Handarbeit, die nur auf den
       ersten Blick etwas Muffiges hat, etwas Altes, etwas nicht Relevantes,
       Unaktuelles. Indem nicht nur Wolle verhäkelt wird, sondern auch Müll, alte
       Plastikschnüre zu Beispiel, ist das auch eine Form von Recycling.
       
       taz: Wer beteiligt sich an diesem Projekt? 
       
       Günzel: Bisher fast ausschließlich Frauen. Das liegt nicht nur an der
       Handarbeit. Frauen sind viel eher bereit, im Kollektiv etwas entstehen zu
       lassen.
       
       taz: Haben Sie selbst schon einmal Korallen im Meer erlebt? 
       
       Günzel: Ich bin keine Taucherin, aber ich würde das gerne mal machen. Als
       Schülerin wollte ich entweder Meeresbiologin oder Kunstwissenschaftlerin
       werden. Ich habe mich für die Kunst entschieden, und deshalb häkle ich
       jetzt, statt zu tauchen.
       
       taz: Sie häkeln selber mit? 
       
       Günzel: Klar! Übrigens muss nicht alles nur auf unseren Häkeltreffen
       entstehen. Wer unserem Aufruf, ein Osnabrücker Riff zu gestalten, folgen
       will, kann auch zu Hause arbeiten und uns das Resultat dann zuschicken. Wir
       fügen es dann der Installation hinzu.
       
       taz: Ist Naturtreue wichtig, oder zählt auch die reine Fantasie? 
       
       Günzel: Wer will, kann einer Anleitung der Wertheim-Schwestern folgen, die
       reale Korallen zeigt. Aber im Prinzip hat man alle Freiheiten. Manches
       sieht dann vielleicht wie ein Polyp aus, anderes wie ein Seestern.
       
       23 Jul 2026
       
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