# taz.de -- Anton Bruckner's 4. Symphonie: Das Erzschwere federn lassen
       
       > Es gibt ein neueingespieltes Album von Bruckner für Orchestermusik.
       > Dirigentin Stutzmann betont bei dieser Sinfonie die Farbigkeit und stille
       > Momente.
       
 (IMG) Bild: Dirigentin Nathalie Stutzmann
       
       Bruckner. Romantischer wird es kaum. Zumindest bei der Orchestermusik.
       [1][Der österreichische Komponist Anton Bruckner hat mit seinem Werk ein
       Klangmassiv geschaffen], das die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts an
       einen Punkt brachte, an dem seine Musik einiges von dem vorwegnahm, was
       dann im 20. Jahrhundert systematischer verfolgt wurde. Klang als
       strukturierendes Gestaltungsmittel etwa.
       
       In seiner 4. Sinfonie, von der jetzt eine Neueinspielung mit der Dirigentin
       Nathalie Stutzmann und dem Atlanta Symphony Orchestra erschienen ist, gibt
       Bruckner ein bisschen von alledem zu ahnen. Das Eröffnungsmotiv etwa, eine
       Quinte des Solohorns, ist einer der Grundtöne der Obertonreihe.
       
       Im weiteren Verlauf demonstriert Bruckner, wie vielfältig er mit
       Klangfarben, die aus genau diesen Obertönen bestehen, umzugehen weiß. Auch
       die Wiederholungen, für die Bruckner gern schon mal für einen Vorläufer der
       Minimal Music gehalten wurde, kommen gelegentlich zum Einsatz.
       
       ## Ein bisschen Wagner
       
       Stutzmann, die zudem ausgebildete und praktizierende Sängerin ist,
       beschäftigt sich bevorzugt mit romantischem Repertoire. Bei den
       [2][Wagner-Festspielen in Bayreuth] dirigierte sie vor wenigen Tagen dessen
       frühe Oper „Rienzi“, die dort zum ersten Mal aufgeführt wurde.
       
       Ein bisschen Wagner findet sich auch in der 4. Sinfonie, ließ sich Bruckner
       doch von dessen Oper „Lohengrin“ inspirieren. Anders als sein Vorbild tat
       sich Bruckner nicht mit aggressivem Antisemitismus hervor, was ihn jedoch
       nicht vor Vereinnahmung im Nationalsozialismus bewahrte.
       
       Bruckner war sehr gläubig, und die mitunter manifeste Schwere seiner Musik
       bietet eine gute Gelegenheit, um das Adjektiv „erzkatholisch“ einmal
       buchstäblich anzuwenden. Von dieser Schwere möchte Stutzmann etwas
       wegkommen, hebt das Tänzerische hervor, wo das Material dies hergibt.
       
       Die Akustik der Atlanta Symphony Hall, in der die Sinfonie live aufgenommen
       wurde, ist eher hallarm-trocken, was der Dynamik bei Stutzmann andererseits
       nicht schadet.
       
       ## Die Wucht der Unsicheren
       
       Bruckners immer wieder durchbrechende Wucht könnte man missverstehen als
       Ausdruck eines beträchtlichen Egos, das sich um jeden Preis Geltung
       verschaffen möchte. Dabei war Bruckner ein sehr unsicherer Mensch und
       Musiker.
       
       Bei seinen Zeitgenossen stießen seine Kompositionen oft auf Unverständnis,
       eine Ehrung als Komponist erfuhr er erst spät im Leben. So überarbeitete er
       seine Partituren immer wieder, bei der 4. Sinfonie folgten auf die erste
       Fassung von 1874 zwei weitere.
       
       Nathalie Stutzmann, die die letzte Fassung verwendet, bringt neben dem
       Monumentalen zugleich die stilleren Momente mit ihren mehr melodischen
       Passagen zur Geltung. Dass Stutzmann singen kann, schadet da vermutlich
       nicht.
       
       Massiv kann sie aber eben auch, wenn es sein muss.
       
       1 Aug 2026
       
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