# taz.de -- Buch vom Soziologen Sighard Neckel: Die Abwendung der Katastrophe kann nur kollektiv gelingen
       
       > Die Klimakatastrophe stellt Gesellschaften vor Herausforderungen, die sie
       > überfordern. Der Soziologe Sighard Neckel analysiert die Blockaden, die
       > Lösungen verhindern.
       
 (IMG) Bild: Auf der Suche nach Normalität inmitten der Katastrophe am Strand von Moutchic im Südwesten Frankreichs
       
       Als der emeritierte Soziologe [1][Sighard Neckel] sein neues Buch kürzlich
       in der schönsten Frankfurter Buchhandlung vorstellte, meinte eine
       Buchhändlerin, von den vielen Klimabüchern, die in jüngerer Zeit erschienen
       sind, lagerten die meisten im Laden und verkauften sich nicht.
       
       Mit dem herausragenden Buch von Neckel sollte sich das ändern, wenn es noch
       mit rechten Dingen zugeht in diesem Genre mit seinem Überangebot. Denn sein
       sorgfältig argumentierendes Buch „Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im
       Klimawandel und die Fallstricke der Transformation“ verdient größte
       Beachtung – und Respekt ohnehin.
       
       Die Warnungen vor dem fortschreitenden Klimawandel und seinen absehbaren
       Folgen haben selbst den deutschen Auslandsgeheimdienst BND erreicht. Der
       Dienst warnt inzwischen vor den Gefahren, die von der Erderwärmung für das
       Klimasystem ausgehen und den damit verbundenen Folgen für ältere Menschen,
       für die Landwirtschaft und die Wasserversorgung.
       
       Freilich entwirft der Soziologe Neckel mit Hinweisen wie diesen kein
       Horror-Szenario, sondern analysiert die Lage nüchtern und fragt sich, ob
       der Begriff „Klimakrise“ die tatsächliche Lage noch zutreffend beschreibt.
       Denn ein Ende der Krise ist ebenso wenig absehbar, wie Mittel zu ihrer
       Beendigung schnell verfügbar erscheinen.
       
       ## Die Dynamik der ökologischen Krise
       
       Verschärfend wirke auf die Dynamik der ökologischen Krise, dass sie
       überlagert wird durch andere Krisen politischer, wirtschaftlicher und
       sozialer Natur und Herkunft, die zusammen das gesamte System der
       Gesellschaft bedrohen. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom
       März 2021 wurde die Klimaerwärmung zum Ernstfall erklärt und die
       Verantwortung für die Folgen und den Schutz der Bevölkerung heute und in
       Zukunft dem Staat übertragen.
       
       Das Urteil steht im Gegensatz zur medialen Debatte, denn im Unterschied zu
       dieser betont es nicht die Mittel individueller Vorsorge, mit dem aus den
       USA übernommenen Kriterium der CO2-Fußabdrucks.
       
       Die Suche nach individuellen Sündenböcken für die Verursachung von
       Klimaschäden ist auch aus soziologischer Sicht ebenso vergeblich wie die
       Konzentration auf Einzelne oder soziale Gruppen für die Beschreibung der
       Mittel zur Vermeidung von ökologischen Schäden oder zur Abwendung von
       Katastrophen. [2][Beide können nur kollektiv in Angriff genommen werden.]
       
       ## Der Mensch prägt das Zeitalter
       
       Denn „die Menschheit als solche hat die Erdgeschichte in ein Zeitalter
       verwandelt, in dem die humanen Kräfte der Natur unwiderruflich ihren
       Stempel aufgedrückt haben“, wie Neckel schreibt. In der Fachliteratur heißt
       dieses durch den Menschen geprägte erdgeschichtliche Zeitalter
       „Anthropozän“.
       
       Einzelne Forscher wie etwa Jason W. Moore sprechen vom „Kapitalozän“, weil
       die auf der Ausbeutung der Natur und der menschlichen Arbeitskraft
       beruhende Gesellschaft erst im 18. Jahrhundert die Stufe der
       profitorientierten Warenproduktion im großen Stil erreichte und damit eine
       genuin zerstörerische Kraft gegen die Ressource Natur erlangte.
       
       Neckel schließt sich dieser Terminologie von Moore nicht an, weil sie auf
       eine Synthese von Natur und Gesellschaft hinausläuft, die die Eigenlogik
       biophysischer Prozesse verkennt.
       
       ## Nachhaltigkeit ist nur noch ein Schlagwort
       
       Der im Zuge der Debatten um die Folgen der menschengemachten klimatischen
       Veränderungen zentral platzierte Begriff der Nachhaltigkeit hat sich in
       relativ kurzer Zeit durch seinen fast beliebigen Gebrauch fast entleert und
       ist zum konturlosen Schlagwort verkommen, das für alles und also nichts
       stehen kann.
       
       Der Rationalitätskern der Idee der Nachhaltigkeit, auf dem Neckel jedoch
       besteht, umfasst zwei Prinzipien: erstens das Prinzip der Regenerativität,
       das besagt, dass der Verbrauch von natürlichen Ressourcen und deren
       Erhaltung in der Zukunft im Gleichgewicht sein müssen. Zweitens das Prinzip
       der Potenzialität. Sie folgt logisch aus dem ersten Prinzip, denn Erhaltung
       und Nutzung von Natur müssen deren Entwicklungschancen bewahren.
       
       Im nächsten Schritt entwickelt Neckel die Pfade der Nachhaltigkeit:
       Modernisierung, Transformation und Kontrolle. Sie lassen sich analytisch
       unterscheiden, verschränken sich aber in der Realität und haben allesamt
       ihre Grenzen und Defizite. Kontrolle etwa tendiert schnell zum politischen
       Autoritarismus und einer realen Gefahr für die Demokratie.
       
       ## Green Growth und Green Deal
       
       Auch das Konzept von Green Growth und Green Deal etwa im Zusammenhang mit
       der E-Mobilität bleibt im Bann wirtschaftlichen Wachstums und der
       entsprechenden Ideologie sowie den damit verbundenen Wachstumszwängen und
       ihren Folgen stecken, die nur durch radikale institutionelle Veränderungen
       zu überwinden wären: etwa durch Korrekturen am Marktmechanismus und den
       Umbau von Wirtschafts- und Lebensformen sowie Eingriffe in das private
       Verfügungsrecht für den Abbau von fossilen Energieträgern.
       
       Ohne nachhaltige Finanzinstrumente, die dem Renditestreben der
       Großinvestoren Grenzen setzen, bleibt Klimaschutz ohnmächtig wie ein
       zahnloser Tiger: Während im Jahr 2020 global gesehen Banken, staatliche und
       private Institutionen für die Erhaltung der Artenvielfalt 80 Milliarden
       Dollar bereitstellten, waren es für fossile Energieträger rund 500
       Milliarden Dollar. In der Technologieförderung wiederum gibt es drastische
       Rebound-Effekte – so macht der SUV-Boom in der Automobilindustrie alle
       Investitionen für grüne Technologie wirkungslos.
       
       Konflikte um Nachhaltigkeit sind stets auch soziale Konflikte, denn es geht
       dabei immer um Vorteile und Privilegien der ökonomisch Stärkeren gegenüber
       der Mittelschicht und den ökonomisch Schwächeren. Deshalb kommt es auf
       diesem Feld zu einer Kontroverse wie in den 1970er-Jahren um den Ausbau des
       Sozial- und Wohlfahrtsstaats. Konservative Kritiker polemisierten damals
       gegen den Ausbau der Sozialpolitik mit dem Argument, Staat und Gesellschaft
       würden damit überfordert und die Demokratie gefährdet.
       
       ## Mobilisierung gegen den sozial-ökologischen Ausbau
       
       Heute mobilisieren Kritiker des sozial-ökologischen Ausbaus mit strukturell
       identischen Argumenten wie die konservativen Sozialstaatskritiker vor 50
       Jahren gegen „das öko-emanzipatorische Milieu und Projekt der Moderne“,
       also letztlich der Demokratie und deren Politik, wie der Wiener
       Politikwissenschaftler Ingolfur Blühdorn argumentiert.
       
       Dass Staat und Demokratie beim Klimaschutz nur zaghaft oder gar nicht
       (Tempolimit) agieren, liegt nicht an der demokratischen Verfassung, sondern
       weil sie ihre Politik an starken Interessengruppen, Wachstum und Markt
       orientieren sowie an der Steigerung des Konsums, was der Bevölkerung und
       der Wählerschaft als Freiheitsgewinn verkauft werden kann und dabei hilft,
       Mehrheiten herzustellen.
       
       Das Dilemma der sozial-ökologischen Politik beruht darauf, dass viele große
       Probleme gleichzeitig einer Lösung harren, wenn die Klimakatastrophe
       verhindert werden soll: Umstellung des Finanzsektors, Rettung der
       biodiversen Landwirtschaft, Dekarbonisierung der Wirtschaft, emissionsarme
       Energieversorgung, weltweiter Gewässer- und Landschaftsschutz, ökologischer
       Umbau von Städten, schadstoffarme Mobilität und demokratisch legitimierte
       Klimagovernance.
       
       ## Jede Regierung ist damit überfordert
       
       Dieser unvollständige Katalog der gleichzeitig zu lösenden Umweltprobleme
       überfordert jede Regierung – zumal sich der Schutz der Lebensgrundlagen und
       die Bewahrung der Demokratie gegenseitig blockieren, selbst wenn man
       einräumt, dass ein demokratisch ordentlich organisierter Staat über
       Planungs- und Koordinationsressourcen verfügt, die anderen Regierungsformen
       überlegen ist.
       
       Neckel plädiert als Ausweg aus den sozialökologischen Dilemmata für einen
       Green New Deal auf Grundlage eines „Infrastruktursozialismus als letzte
       Oase, die angesichts der Verwüstung der Erde noch bleibt“.
       Infrastruktursozialismus ist für Neckel [3][die Konsequenz aus den
       herrschenden sozial-ökologischen Zuständen], die er analysiert, ohne eine
       Alternative entwerfen zu können oder zu wollen.
       
       Diese Zustände werden maßgeblich von den privatwirtschaftlichen
       Verhältnissen verursacht, in der die Infrastruktur, also die Produktion und
       Nutzung von Gemeingütern wie Wasser, Energie, Stahl und anderen Rohstoffen,
       organisiert ist. Deshalb empfiehlt sich eine andere Organisationsform in
       gesellschaftlicher, etwa genossenschaftlicher Form und in
       „fundamentalökonomischer Umwertung“, also ohne private Profitabschöpfung
       und Leitungs- und Herrschaftsstrukturen.
       
       3 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Soziologe-ueber-Klimakrise/!5982542
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Walther
       
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