# taz.de -- Fotografin über Bauern, Besitz und Dürre: „Mir gefiel die Vorstellung, dass die Erde lebendig wird“
> Fotografin Rebekka Deubner hat für eine Fotoarbeit Kleinbauern im Westen
> Frankreichs begleitet. Eine der Fragen in der Region: Wem gehört das
> Wasser?
taz: Frau Deubner, über einen Zeitraum von knapp drei Jahren haben Sie für
Ihre Fotoarbeit „La terre amoureuse“ die Arbeit und das Umfeld der
Kleinbauern im Département Deux-Sèvres im Westen Frankreichs fotografiert.
Was war der Ausgangspunkt dieses Projekts?
Rebekka Deubner: Zum einen die extreme Dürre im Sommer 2022. Wie
schwerwiegend sie war, konnte ich eindrücklich an einem See in den
Westalpen sehen, den ich seit Jahren kenne: Er war völlig verändert, seine
Ufer wurden durch den Wassermangel völlig entstellt. Dass so etwas zur Norm
werden könnte, hat mich alarmiert. Im Frühjahr 2023 nahm ich dann an den
Protesten gegen [1][die geplanten „Mega-Bassins“] in Sainte-Soline im
Département des Deux-Sèvres teil.
taz: Was sind Mega-Bassins?
Deubner: Das sind riesige Wasserspeicherbecken, die ausschließlich ein paar
konventionellen landwirtschaftlichen Großbetrieben dienen. Den umliegenden
Ökosystemen wird Wasser entzogen und andere Wassernutzung wie die von
Kleinbauern wird potenziell gefährdet.
taz: Wie haben Sie dort Ihr Projekt gefunden?
Deubner: Diese [2][Proteste der Umweltbewegung und organisierter
Kleinbauern aus der Region] wurden von der Polizei massiv unterdrückt. Das
führte in der Folge zu einer politischen und medialen Berichterstattung,
die sich vor allem auf Gewalt konzentrierte. Die den Protesten zugrunde
liegenden Fragen wurden völlig ausgeblendet. Welche Art von Beziehung zu
den Lebewesen und zum Land pflegen wir, welche Form der Landwirtschaft
befürworten wir, und welche Politik wird in diesem Sinne umgesetzt?
taz: Anstatt der Proteste zeigen Sie die Landschaft, die Menschen, die
Arbeit, die Ressourcen. Was ist Ihr Gedanke dabei?
Deubner: In den Tagen nach den Demonstrationen wurde mir klar, dass ich
möglicherweise dazu beitragen könnte, gegenläufige Narrative in Umlauf zu
bringen – indem ich mein Medium nutze, um den dort lebenden Kleinbauern zu
begegnen, ihre Realität zu vermitteln und über die Ursprünge des Kampfes um
das Wasser aus der Perspektive der unmittelbar Betroffenen zu berichten.
Die ersten Bilder, die ich aufgenommen habe, zeugen von dieser gelebten
Erfahrung: Es sind Bilder der Hände von Demonstranten, die in Sainte-Soline
waren. Diese stellen in meinen Augen eine Handlungskraft, eine
Verletzlichkeit dar. Einzelne Körper, die als Einheit stehen.
taz: Ihre Fotografie wirkt fast meditativ. Welche Rolle spielt die serielle
Fotografie für Sie?
Deubner: Ich neige dazu, Dinge aus nächster Nähe zu fotografieren, weil mir
gefällt, dass das Sehen auch Tastsinn assoziieren kann und gleich mehrere
Sinne angesprochen werden. Doch dann wurde mir klar, dass ich durch das
Fotografieren aus nächster Nähe die Räume, in denen ich mich befand, nie
wirklich erfassen konnte. Die Bilder waren immer unvollständig. Ich begann,
Nahaufnahmen in einzelnen Abschnitten zu machen: vom Moor, vom Schilf, von
einem Feld oder einem Baum und so weiter. Mir wurde klar: Sobald ich die
Bilder nebeneinanderstellte, ermöglichte mir das, mich im Material selbst
zu befinden und es entlang eines Kontinuums zu entfalten, wodurch ich ein
besseres Verständnis für den Raum gewinne.
taz: Wie sind Sie den Landwirten begegnet?
Deubner: Da sie die ganze Zeit arbeiteten, habe ich sie dabei auch
fotografiert. Was mich interessierte, war die Art und Weise, wie ihre
Körper in die Arbeit eingebunden sind und wie all ihre körperlichen
Bewegungen davon geprägt werden. Es entspringt dieser Wechselbeziehung –
der Art und Weise, wie der Körper die Landschaft prägt und umgekehrt. Ich
fand es interessant, die Bewegung in ihrer Gesamtheit einzufangen, sie zu
zerlegen und wieder zusammenzusetzen, um ihre Dauer, ihre Reichweite, ihre
Wiederholung und die damit verbundene Anstrengung zu verstehen.
taz: Sie zeichnen nicht gerade ein idealisiertes Bild vom Landleben. Wie
sieht Ihre eigene Beziehung dazu aus?
Deubner: Ich bin weder auf dem Land aufgewachsen noch habe ich jemals dort
gelebt. Mir fehlte das Verständnis für die Landschaft, wenn ich durchs
ländliche Gebiet fuhr. Durch Gespräche und Beobachtungen vor Ort habe ich
verstanden, dass jede Bebauung, jedes Grundstück, jedes Waldstück auf eine
Entscheidung zurückgeht. Auf eine politische Entscheidung auf lokaler oder
nationaler Ebene oder auf eine individuelle des Einzelnen, der dieses Land
bewirtschaftet. Fast nichts in diesen Gebieten ist „natürlich“. Jetzt fühle
ich mich weniger verloren, wenn ich durch solche Gegenden reise.
taz: La terre amoureuse, auf Deutsch etwa „verliebte Erde“, ist der
französische Ausdruck für Erde, die an Stiefeln klebt. Woher stammt der
Titel und was bedeutet er?
Deubner: Ich habe ihn dank Rémi entdeckt, der in Vançais Gemüse anbaut. Es
war vielleicht das zweite Mal, dass ich ihn besuchte, im Oktober oder
November. Er erntete Lauch und Chinakohl, der Boden war durchnässt, die
Erde war unglaublich dicht und schwer. Und seine Stiefel verwandelten sich
in einen Klumpen klebrigen Schlamms. Ich sprach ihn darauf an und er
erzählte mir von der Redewendung. Ich dachte sofort, das wäre ein guter
Titel für dieses Projekt, denn mir gefiel die Vorstellung, dass dadurch die
Erde lebendig wird – dass sie das Subjekt des Satzes ist und kein lebloses
Objekt oder bloße Arbeitsfläche. Sie spielt eine herausragende Rolle in
meinen Bildern. Man sieht selten den Himmel, wir blicken ständig nach
unten.
1 Aug 2026
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