# taz.de -- Sammelband „Verleugnete Verfolgte“: Verdrängt, vergessen und verleugnet
       
       > Der Sammelband „Verleugnete Verfolgte“ erinnert an NS-Opfer, die als
       > „asozial“ und „Berufsverbrecher“ diffamiert wurden und bis heute
       > vergessen werden.
       
 (IMG) Bild: Essenausgabe im Steinbruch, KZ Flossenbürg
       
       Dass sein Großonkel Lorenz W. straffällig wurde, da ist sich Klaus Weisbrod
       sicher, war das Ergebnis finanzieller Not. [1][In den 1930er Jahren waren
       Wirtschaft und Lebensalltag zerrüttet.] „Viele Menschen, die bis dahin
       unbescholten waren, waren in ihrem Überlebenskampf gezwungen, straffällig
       zu werden“, schreibt der Rechtswissenschaftler in dem Buch „Verleugnete
       Verfolgung“.
       
       Die Nationalsozialisten verstanden kriminelle Delikte nicht als Ergebnis
       sozialer Verhältnisse, sondern als Effekt vermeintlich defekter Gene. Sie
       steckten Menschen, die straffällig geworden waren und ihre Strafen längst
       abgesessen hatten, daher in Konzentrationslager. Lorenz W. kam nach
       Flossenbürg und wurde später im Zuge der „Aktion 14f13“ – bei der ab 1941
       für arbeitsunfähig erklärte KZ-Häftlingen in „Heil- und Pflegeanstalten“
       getötet werden sollten – in der Tötungsanstalt Bernburg von den Nazis
       ermordet.
       
       Deutschland rühmt sich als Erinnerungsweltmeister. Und doch gibt es Opfer
       der Nazis, die vergessen und verleugnet werden, etwa weil sie als
       Verbrecher wahrgenommen wurden, als nichts anderes als Verbrecher – nicht
       als Menschen. Wer das von dem Soziologen Frank Nonnenmacher herausgegebene
       Buch liest, wird Lorenz W. und andere, die zu der Gruppe der sogenannten
       Berufsverbrecher und Asozialen gehört haben, kennenlernen und vor allem
       mitfühlen, wie es ihren Angehörigen ergeht.
       
       Leser:innen werden aus der Lektüre auch dann einiges mitnehmen können, wenn
       ihnen diese vielfach vergessene Gruppe bekannt ist. Andere werden erstaunt
       feststellen, wie wenig sie über diese Opfergruppe wussten, was auch damit
       zu tun hat, dass sich viele ihrer Nachkommen scheuen, über die Verfolgung
       zu sprechen.
       
       ## „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“
       
       Dass es nicht einmal eine etablierte Bezeichnung für diese Gruppe von
       Verfolgten gibt, die nicht stigmatisierend ist, verdeutlicht die
       Diskriminierung. „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ waren die Worte der
       Nazis für Wanderarbeiter, wohnungslose und bettelnde Menschen, für
       Menschen, die in ihrer Not Essen klauten oder sich prostituierten. Weil
       sich in diesen Bezeichnungen die Nazi-Ideologie spiegelt, setzen ihre
       Nachkommen die Begriffe in Anführungszeichen, sprechen von „den
       Verleugneten“ oder von Menschen, die mit einem schwarzen oder grünen Winkel
       im KZ waren.
       
       „Nachkommen von NS-Opfern brechen das Schweigen“ lautet der Untertitel des
       im Campus Verlag erschienenen Buchs. Unter ihnen: ein Schüler, ein
       Soziologe, eine bildende Künstlerin. Die persönlichen Erzählungen über die
       Spurensuche zu ihren von den Nazis verfolgten Familienmitgliedern ergeben
       ein aufschlussreiches Potpourri. Dabei eint die Verfasser:innen neben dem
       jahrzehntelangen Schweigen ihre Wut auf eine Politik, die die Opfer lange
       schlicht nicht als solche betrachtete – sowie Unverständnis gegenüber
       anderen NS-Opfergruppen, die sich an der Verleugnung beteiligten.
       
       „Zu Recht im KZ gewesen – gibt es das?“, fragt Frank Nonnenmacher in der
       Einleitung. Dass es Menschen gegeben haben soll, die zu Recht im KZ gewesen
       seien, war eine der wiederkehrenden, stigmatisierenden Reaktionen auf das
       Ringen um Anerkennung der Gruppe als Opfer, noch lange nach dem Krieg.
       
       Ob all der Gemeinsamkeiten, welche die Nachkommen zusammenschweißen, mag
       man beim Lesen über Redundanzen in dem Buch hinwegsehen. Vielleicht sind es
       gerade die Wiederholungen, die deutlich machen, dass jeder der Texte für
       sich und zugleich für viele steht.
       
       ## Verband zur Erinnerung an die Verleugneten
       
       Es muss bestärkend für die Autor:innen gewesen sein, sich bei Treffen des
       von Nonnenmacher und anderen gegründeten Verbands Vevon e. V. zur
       Erinnerung an die Verleugneten in den Erzählungen anderer wiederzuerkennen
       – und zu merken: Sie sind mit ihrem Schamgefühl nicht allein. Mit dem
       Schreiben dieses wichtigen Buches befreien sie sich nicht nur aus ihrer
       Scham, sie erweisen auch der Gesellschaft einen Dienst.
       
       Dass ihr Buch auch für unsere Gegenwart höchst relevant ist, steckt vor
       allem zwischen den Zeilen. Konkreter wird es, wenn der Journalist Florian
       Hülsmann in seinem Text auf gegenwärtige Debatten um Sozialhilfe verweist.
       
       Im Geleitwort schreibt die Bundestagspräsidentin und CDU-Politikerin Julia
       Klöckner: „Diese Geschichten fordern uns auf, uns selbst zu prüfen: Wann
       schlägt Kritik an bestimmtem Verhalten in Verachtung um? Vielleicht sogar
       ganzen Personengruppen gegenüber?“
       
       ## Heute ist das Bürgergeld eine "wirtschaftlichen Belastung"
       
       Dabei stellt sich gerade bei gegenwärtigen Kürzungen und Kontrollen
       gegenüber Bürgergeldempfänger:innen die Frage, wie viel Empathie Friedrich
       Merz und Parteifreund:innen gegenüber armen und arbeitslosen Menschen
       haben. Klöckner selbst hatte das Bürgergeld zur wirtschaftlichen Belastung
       erklärt.
       
       [2][Nonnenmacher hat mit anderen im Jahr 2020 erreicht, dass der Deutsche
       Bundestag Menschen mit grünem und schwarzem Winkel endlich als Opfer
       anerkannt hat] – wenn auch sehr spät. Sein Onkel Ernst war mit dem grünen
       und dem schwarzen Winkel in KZs. [3][Über ihn und dessen Bruder,
       Nonnenmachers Vater, veröffentlichte er 2014 eine eindrückliche Biografie:
       „Du hattest es besser als ich“.]
       
       [4][Sein neues, vielstimmiges Buch] ist auch ein Zeugnis dafür, was
       Menschen bewegen können, wenn sie gegen Unrecht einstehen. Zugleich bleibt
       vieles zu tun: Die Errichtung eines Mahnmals, für das die Angehörigen
       kämpften, steht erschreckenderweise noch aus.
       
       29 Jul 2026
       
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 (DIR) Lea De Gregorio
       
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