# taz.de -- Nach Abstimmung im EU-Parlament: Chatkontrolle wieder da
> Das EU-Parlament winkt die freiwillige Chatkontrolle in einem
> umstrittenen Verfahren durch. Abgeordnete sprechen von einem „illegalen
> Geschäftsordnungstrick“.
(IMG) Bild: Wieder in Kraft gesetzt: die Übergangsregeln zur Chatkontrolle
Es war eine der umstrittensten und chaotischsten Abstimmungen kurz vor der
Sommerpause: Das Europaparlament hat am Donnerstag in Straßburg die
Übergangsregeln zur Chatkontrolle wieder in Kraft gesetzt – obwohl eine
Mehrheit dagegen gestimmt hat. Damit wird es Online-Anbietern etwa von
Cloud-, Mail- und Messenger-Diensten wieder erlaubt, unverschlüsselte
private Nachrichten und Dateien von Nutzenden automatisiert nach mutmaßlich
kinderpornografischen Inhalten zu durchsuchen. Die Regelung gilt zunächst
befristet bis April 2028.
Für die entsprechende Verordnung, die erst am Dienstag im Eilverfahren auf
die Tagesordnung gekommen war, stimmten 276 Abgeordnete, dagegen waren 286.
Es gibt also keine Mehrheit für die Chatkontrolle, die erst im März
ausgesetzt worden war. Sie kann dennoch wieder in Kraft treten, da es sich
formell um die zweite Lesung handelte. Dabei ist eine absolute Mehrheit von
361 Stimmen nötig, um ein Gesetz zu stoppen.
Nicht nur diese „umgekehrte“ Mehrheitsregel sorgte für Ärger. Proteste gab
es auch, weil Parlamentspräsidentin Roberta Metsola die Abstimmung ohne das
sonst übliche Mandat des Parlaments angesetzt hatte. Die konservative
Malteserin holte sich die Rückendeckung der EU-Mitgliedstaaten und der
konservativen EVP, nicht aber der anderen Fraktionen. Das sorgte für
scharfe Kritik.
Metsola habe ihre Rolle massiv überschritten, kritisierte der deutsche
Grünen-Politiker Erik Marquardt. Er sprach von einem „schwarzen Tag für
Demokratie, Bürgerrechte und Kinderschutz“. Ähnlich äußerte sich der
Internetaktivist Patrick Breyer. „Dass die Chatkontrolle gegen den Willen
der Mehrheit der abstimmenden Abgeordneten kommt, ist eine Farce und
beschädigt die Demokratie.“
## Abstimmung kurz vor der Sommerpause
Von einem „illegalen Geschäftsordnungstrick“ sprach der fraktionslose
Abgeordnete Martin Sonneborn. An einem Tag, an dem wegen der nahen
Sommerpause (sie beginnt am Freitag) nur knapp 600 Abgeordnete anwesend
waren, sei es unmöglich, die qualifizierte Mehrheit zu erreichen. Die EVP
hatte dagegen keine Bedenken. Man müsse die „Epidemie“ der Kinderpornos
eindämmen, so EVP-Chef Manfred Weber auf X.
KI-generierte Bilder von sexualisierter Gewalt an Kindern überschwemmten
das Internet, so Weber. Binnen eines Jahres habe die Verbreitung von „Child
Sexual Abuse Material“ (CSAM) um 1.000 Prozent zugenommen. Da 60 Prozent
dieses Materials in Europa gehostet werde, könne die EU nicht untätig
bleiben. „Deshalb unterstützen wir die wichtige Gesetzgebung gegen CSAM“,
so der CSU-Politiker.
„Mit anlassloser Massenüberwachung Kinder schützen zu wollen, ist, als
würde man verzweifelt den Boden aufwischen, während der Wasserhahn einfach
weiterläuft“, hält Breyer dagegen. Nach Zahlen der EU-Kommission hätten die
nun wieder geplanten Massen-Scans privater Chats im Jahr 2024 nur zu 36
Prozent der Verdachtsmeldungen geführt. Ein effektiver Schutz der Kinder
sei das nicht.
Normalerweise ist das anlasslose Scannen der privaten Kommunikation
verboten – sie widerspricht der E-Privacy-Richtlinie und den
Datenschutzregeln der EU. Da sich die EU-Institutionen aber nicht auf
alternative Techniken zum Schutz der Kinder einigen konnten, wurde den
Internet-Plattformen eine Ausnahmegenehmigung erteilt, die Daten ihrer
Kunden auf freiwilliger Basis zu überprüfen.
Diese Ausnahmeregel wird nun wieder in Kraft treten. Zuvor müssen die
EU-Kommission und die Mitgliedsländer noch grünes Licht geben. Das gilt
jedoch als Formsache. Deutschland hat bereits Zustimmung signalisiert.
9 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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