# taz.de -- „Kirchensteuerkirchen“ in Sachsen-Anhalt: „AfD und Christentum sind unvereinbar“
       
       > Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt entwickelt sich im Raum der
       > Landeskirche Mitteldeutschland so etwas wie eine „bekennende Kirche“.
       
 (IMG) Bild: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland wäre bei einem Wahlsieg der AfD stark betroffen
       
       Ein Vergleich mit dem Kulturkampf des Reichskanzlers Bismarck gegen die
       katholische Kirche nach der Reichsgründung 1871 hinkt zwar. Allein schon
       deshalb, weil sich im Landtagswahlland Sachsen-Anhalt alle Konfessionen in
       Aufruhr gegen die AfD für den Fall ihrer Machtübernahme nach dem 6.
       September befinden. Mit Ausnahme weniger regionaler Freikirchen wie in
       Dessau-Roßlau, denen das „Regierungsprogramm“ der AfD eine Privilegierung
       verspricht, während die Freikirchen auf Bundesebene diese Vereinnahmung
       ablehnen.
       
       Den „Kirchensteuerkirchen“ aber sagt die AfD den Kampf an, will die 1806
       vereinbarten Enteignungsentschädigungen als faktische Staatsleistungen
       drastisch zurückfahren und die unangenehm aufklärerische [1][Evangelische
       Akademie] aushungern. Dagegen und gegen die bibelfeindlichen und
       menschenverachtenden Leitlinien der AfD formiert sich in Sachsen-Anhalt
       noch vor einer möglichen AfD-Alleinregierung so etwas wie eine „bekennende
       Kirche“.
       
       In der zweiten Juniwoche war die Stimmung im tausendjährigen Merseburger
       Dom noch keine kämpferische. Der Kirchenkreis Saale-Unstrut hatte zu einer
       Diskussion unter der Überschrift „Religion und Demokratie“ eingeladen.
       Unter den etwa 120 Gästen waren eher Unsicherheit und wägendes Zuhören als
       flammende Diskussionsbereitschaft zu verspüren. Eine Zuhörerin im
       Kirchenschiff verteilte Handzettel mit alarmierenden Zitaten von
       AfD-Funktionären.
       
       Initiator und Moderator ist Frank Richter, 1989 als Kaplan an der Dresdner
       Hofkirche Weichensteller für den friedlichen Verlauf der Proteste gegen die
       SED, später Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen,
       2018 in der Stichwahl zum Meißener Oberbürgermeister nur knapp gescheitert,
       SPD-Landtagsabgeordneter. Seiner sächsischen Heimat hat er frustriert den
       Rücken gekehrt. Der Neu-Merseburger fühlt sich in der erst 2009 gegründeten
       freigeistigen und mutigen evangelischen Landeskirche Mitteldeutschland zu
       Hause und ist zu seinem ursprünglichen Predigerberuf zurückgekehrt.
       
       ## Aktive
       
       Im Merseburger Dom trifft man neben Suchenden auch Persönlichkeiten, die
       die bevorstehende Wahlentscheidung in Sachsen-Anhalt aktiv beeinflussen
       wollen. Frieder Weigmann, Pressesprecher der [2][Diakonie
       Mitteldeutschland, verantwortet maßgeblich zwei „Handreichungen zur
       Argumentation]“ unter dem Titel „Was wäre, wenn …?“. Die erste erschien
       2024 zur Landtagswahl in Thüringen, die zweite ist nun speziell auf
       Sachsen-Anhalt zugeschnitten. Die 36 Seiten umfassenden Broschüren
       vergleichen die Positionen der AfD und der Diakonie auf ihrem ureigensten
       Feld der Sozialpolitik, setzen sich aber auch mit dem Menschenbild der AfD
       auseinander. Die Printauflage von 25.000 ist nahezu vergriffen.
       
       Pfarrer Andreas Tschurn aus dem benachbarten Leuna, erst 41 Jahre jung,
       wollte nach dem Theologiestudium in seiner Heimatstadt Leipzig und dem
       Vikariat nicht in der sächsischen Landeskirche bleiben, fühlte sich wie
       Frank Richter vom Raum Halle angezogen. Sein laufbahnüblicher
       Entsendungsdienst führte ihn 2019 nach Leuna, wo nach drei Probejahren
       nahezu die gesamte Gemeinde für seinen Verbleib stimmte.
       
       Und das, obschon Tschurn seit 20 Jahren Die Linke wählt, in der er die
       meisten Übereinstimmungen mit christlichen Idealen sieht. 2024 engagierte
       er sich im Merseburger Demokratiebündnis, das die Massenproteste nach den
       Correctiv-Enthüllungen über „Remigrationspläne“ von AfD und Nazikreisen
       organisierte. „Wenn du dir ein richtiges Martyrium antun willst, kannst du
       auch gleich für Die Linke kandidieren“, hätten Freunde daraufhin gescherzt.
       
       Nun geht er diesen Schritt tatsächlich und bewirbt sich als Parteiloser um
       ein Landtagsmandat. Für die heißen Wahlkampf-Sommermonate ist er vom
       Gemeindedienst suspendiert. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, kandidiert
       der Pfarrer auch nicht im heimischen Leuna, sondern im brisanten Wahlkreis
       Querfurt nebenan. Nicht nur das Dörfchen Schnellroda liegt dort, wo der
       rechtsintellektuelle Antaios-Verlag von Götz Kubitschek seinen Sitz hat.
       Das Direktmandat gewann 2021 [3][die 2025 entlassene ehemalige
       Bildungsministerin Eva Feußner], die als Rechtsaußenfrau der CDU gilt.
       Beerben will sie ausgerechnet der AfD-Chefideologe und Programmschreiber
       Hans-Thomas Tillschneider. Auf diese Auseinandersetzung freut sich Andreas
       Tschurn.
       
       ## Gleichnis bei Lukas
       
       Frieder Weigmann, Jahrgang 1969, haben seine Herkunft aus dem frommen
       Eichsfeld, aber mehr noch die Kontroversen um den Flüchtlingszustrom
       2015/16 geprägt. Die Hetze gegen Helfer für Geflüchtete, ihre Denunziation
       als „Gutmenschen“ hätten solche Gutmenschen zusammengeführt und das
       Bekenntnis vertieft, blickt er zurück. Er verweist auf Schlüsselstellen in
       den Evangelien wie dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter bei Lukas oder
       den sieben Werken der Barmherzigkeit bei Matthäus 25. Man habe vor zehn
       Jahren noch keine offene Auseinandersetzung gesucht, weil man der AfD keine
       Bühne geben wollte. Inzwischen aber könne man nicht anders, schon gar nicht
       nach den siegesgewiss „Regierungsprogramm“ genannten, alle Botschaften Jesu
       verachtenden Leitlinien der AfD.
       
       Die auffallende Renitenz der Kirchen im Dreieck zwischen Sachsen, Thüringen
       und dem ehemals preußischen Anhalt erklärt der Diakoniesprecher mit klaren
       Orientierungen der deutschen und regionalen Kirchenleitungen. Am 22.
       Februar 2024 verabschiedete die katholische Deutsche Bischofskonferenz die
       Erklärung „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“. Die
       Evangelische Kirche Deutschlands stimmte ausdrücklich zu.
       
       Im Bereich der Landeskirche Mitteldeutschland entstand daraus die
       Bannerkampagne „Herz statt Hetze“. Zum Jahresende 2025 warnte der
       evangelische Landesbischof Friedrich Kramer bereits vor dem „Desaster“
       einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. „Manche ahnen noch gar nicht, was
       die AfD als Regierungspartei bedeuten würde.“
       
       Sein katholischer Magdeburger Amtsbruder Gerhard Feige warnte eindringlich
       vor einer Wahl der AfD. Mit der freiheitlichen Demokratie, mit Pluralismus,
       Religionsfreiheit und Toleranz wäre es dann vorbei. Beim deutschen
       Katholikentag in Würzburg am Himmelfahrtswochenende zog der Bischof
       Vergleiche zu seinen Erfahrungen mit 40 Jahren religionsfeindlicher
       DDR-Diktatur. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass so etwas mal wieder auf
       uns zukommt.“
       
       Das empfindet der von Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Leipziger
       Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer oder dem Wittenberger Prediger
       Friedrich Schorlemmer beeindruckte Frieder Weigmann ebenso. „Wir müssen
       deshalb Versuche einer Neudefinition von Christlichkeit verhindern“, sagt
       er. Gemeint ist, dass die AfD zwar die christliche Prägung des Abendlandes
       begrüße, aber zugleich ideologiehörige, gefügige Kirchen wolle. Auch
       Pfarrer Tschurn hält „klare Kante und Widerworte“ für nötig, weil die AfD
       ein Feindbild Kirche aufgebaut habe.
       
       Aber nicht alle sind so konsequent wie Pfarrer Andreas Tschurn. „Die
       Kandidatur für den Landtag ist das Beste und Letzte, was ich noch tun kann,
       um einen Einfluss auf die Landtagswahl zu haben.“ Er empfinde sie als
       Verpflichtung. Frieder Weigmann sieht die AfD in einem Siegesrausch
       wachsender Gefolgschaft. Sie unterschätze dabei die Gegenmobilisierung
       ethisch fundierter Kräfte, „die nicht naturgegeben zusammengehören, sich
       aber jetzt zusammentun“.
       
       28 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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