# taz.de -- Zeit der Postnationalmannschaften: Die französische WM
       
       > Bei der Weltmeisterschaft sind 99 Spieler im Einsatz, die in Frankreich
       > geboren wurden. Marokko, das nun auf Frankreich trifft, hat 6 davon.
       
 (IMG) Bild: Frankreichs vielleicht größter Verlust: Ayyoub Bouaddi, 18, beruhigt mittlerweile für Marokko das Spiel
       
       Das Wiederaufflammen des Nationalismus spielt bei der WM aktuell zumindest
       auf dem Platz eine untergeordnete Rolle: Ein Viertel aller beteiligten
       Spieler läuft nicht für ihr Geburtsland auf. Statt von Nationalmannschaften
       müsste man inzwischen wohl von Postnationalmannschaften sprechen.
       Insbesondere Frankreich spielt hier eine exponierte Rolle: 99 der
       nominierten Spieler sind auf französischem Boden geboren. Algerien, Haiti,
       [1][die DR Kongo] und der Senegal hatten eine zweistellige Anzahl auch für
       Frankreich spielberechtigter Fußballer im Kader. Von den aktuell noch im
       Turnier befindlichen Spielern sind neben 23 für die Équipe Tricolore
       auflaufenden Teilnehmern 6 weitere Spieler für Marokko in den USA, und
       Aymeric Laporte, der für Spanien aufläuft.
       
       Ein Großteil dieser Spieler entstammt dem Großraum Paris und ist dort auf
       den Bolz- und Käfigplätzen gescoutet worden. Es gibt eine ganze Reihe
       französischer Clubs, die sich darauf spezialisiert haben, dieses immense
       fußballerische Potenzial abzuschöpfen; obendrein hat der französische
       Verband die Ausbildung zentralisiert, an der Akademie von Clairefontaine
       werden die talentiertesten Spieler ihres Jahrgangs in einem Internat
       zusammengezogen. Zwischen 13 und 15 bekommen sie hier eine grundlegende
       fußballerische Ausbildung auf höchstem Niveau, wobei eine der
       Besonderheiten der französischen Schule ist, einen Schwerpunkt mehr auf
       individuelle Fähigkeiten zu legen als auf Taktik.
       
       Angesichts des kaum zu versiegen scheinenden Reservoirs an Talenten konnte
       der französische Verband es locker verschmerzen, wenn Spieler sich dazu
       entscheiden, für ein anderes Land aufzulaufen: Es gibt schlicht immer
       Alternativen. Oder zumindest gab es sie bisher immer.
       
       Wenn die französische Nationalmannschaft eine Schwachstelle hat, dann liegt
       sie im defensiven Mittelfeld. Auf dieser Position gibt es aktuell im
       französischen Kader keinen von Weltformat. Es hätte ihn aber bald geben
       können: als große Hoffnung auf dieser Position galt Ayyoub Bouaddi, 18
       Jahre jung, bis vor Kurzem Kapitän der französischen U21. Bouaddi sei, so
       sagte es Olivier Giroud, eine Mischung aus Patrick Vieira und Sergio
       Busquets, und ebenjener Patrick Vieira pflichtete ihm bei: Er habe die Ruhe
       am Ball eines 30-Jährigen.
       
       ## Perspektive einer Heim-WM
       
       Einer hingegen sah zwar auch das Potenzial, aber war trotzdem nicht recht
       zufrieden: Der französische Nationalcoach Didier Deschamps nominierte
       Bouaddi nicht für die WM. „Ich habe mich nicht mit ihm ausgetauscht“, sagte
       er der französischen Presse, „so ticke ich nicht. Wenn ich einen Spieler
       anrufe, dann, weil ich glaube, dass der Moment gekommen ist, ein Spieler
       könne der Mannschaft helfen. Natürlich verfolgen wir seine Auftritte. Aber
       natürlich gibt es auch eine starke Konkurrenz.“
       
       Zinedine Zidane, designierter Nachfolger Deschamps, sah das ein bisschen
       anders und telefonierte zumindest mit Bouaddi, konnte ihm aber nichts
       versprechen: ganz anders als der marokkanische Verband, der ihm nicht nur
       Startelfeinsätze bei dieser WM in Aussicht stellte, sondern auch noch eine
       weitere Perspektive aufzeigte: Die nächste Weltmeisterschaft findet unter
       anderem in Marokko statt.
       
       Also entschloss sich der junge Mann, statt für das ihn verschmähende
       Frankreich für Marokko aufzulaufen, weil er von sich selbst fand, er sei
       schon so weit, und spätestens das Spiel Marokkos gegen Brasilien hat ihm da
       völlig recht gegeben: Mit seiner beängstigenden Ruhe am Ball, seiner
       einzigartigen Fähigkeit zur Antizipation und seinem taktischen und
       strategischen Verständnis war er der beherrschende Mann auf dem Feld.
       
       Die französischen Verantwortlichen reagieren nach außen hin gelassen auf
       die Entscheidung Ayyoub Bouaddis; auch weil keine*r eine erneute
       Politisierung der Nationalmannschaft riskieren wollte. Aktuell ist die
       französische Mannschaft auch zu erfolgreich, um grundlegende Debatten zu
       führen. Das war 2011 anders: [2][Nach dem Fiasko bei der WM in Südafrika]
       sickerte ein Strategiepapier des französischen Verbandes durch, das eine
       Quotierung binationaler Spieler an den Ausbildungsstätten der Klubs vorsah.
       Das wäre de facto einem Ausschluss von Spielers mit afrikanischem
       Background gleichgekommen. Nach der Veröffentlichung durch die
       Investigativplattform Médiapart verabschiedete sich der Verband von solchen
       Gedankenspielen.
       
       Der jetzige Plan ist ein anderer: Solange es wahrscheinlicher bleibt, mit
       Frankreich Weltmeister zu werden als mit beispielsweise Marokko, werden
       sich die Jahrgangsbesten in der Mehrheit immer noch für die Équipe
       Tricolore entscheiden – das gilt selbst für [3][Spieler wie Michael Olisé],
       eine der prägenden Figuren des ganzen Turniers, der in England aufwuchs und
       ausgebildet wurde. Allerdings könnte eine Niederlage gegen Bouaddis Marokko
       sehr schnell an diesem Selbstverständnis rütteln.
       
       10 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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