# taz.de -- Reisen zu Drehorten: In Filmkulissen unterwegs
       
       > In Dinard in der Bretagne folgt unsere Autorin den Spuren Éric Rohmers.
       > Und erinnert sich, wie schön es ist, dort zu sein, wo wunderbar gefilmt
       > wurde.
       
 (IMG) Bild: Filmszene am Strand der Bretagne aus der Film „Conte d’été“
       
       Margot fragt Gaspard, ob er das erste Mal in Dinard sei, als sie sich
       zufällig am Strand begegnen – und ich beantworte die Frage mit Ja.
       
       Der Grund dafür, dass ich hier bin, sind die beiden. Denn das erste Mal,
       dass ich von der kleinen Stadt in der Bretagne hörte, war, als ich den Film
       [1][„Conte d’été“] (1996) von Éric Rohmer sah, in dem sie die Protagonisten
       sind.
       
       Es ist magisch, an Filmdrehorten zu sein. 2017 bestieg ich in Neuseeland
       den Berg Ngauruhoe, der in „Der Herr der Ringe“ als Vorlage für Mount Doom
       genutzt wurde, den Schicksalberg. Ganz aus dem Häuschen war ein Freund, der
       sich in New York am Filmset von „Marty Supreme“ wiederfand.
       
       Absurdes trug sich zu, als ich [2][den Film „Tár“ i]m Kino International in
       Berlin sah. In einer Szene fährt die Dirigentin Lydia Tàr, gespielt von
       Cate Blanchett, an genau diesem Kino im Auto vorbei. Das Publikum lachte
       und jubelte, und ich dachte mir, wie toll und gleichsam seltsam es ist,
       diesen Moment zu erleben, den sonst niemand erlebt, der den Film nicht im
       Kino International sieht.
       
       ## Dieses Verliebtsein im Sommer
       
       Und ich dachte an solche Momente, die ich verpasse, weil ich nicht im
       richtigen Kino, in der richtigen Stadt sitze. Jetzt bin ich in der
       richtigen Stadt, in Dinard. Als es darum ging, Urlaub zu buchen, erinnerte
       ich mich an den Küstenort und wollte hin. Angezogen von den Spaziergängen,
       die ich im Film sah, diesem Verliebtsein im Sommer, von dem schönen Melvil
       Poupaud, der Gaspard spielt, und von seinen noch schöneren möglichen
       Partnerinnen, Margot, Solène und Lena.
       
       Mit Margot kann er er selbst sein, sagt er. Sie führen philosophische
       Gespräche und schwanken wie ein Boot auf der Rance zwischen Freundschaft
       und Liebe. Solène lernt er beim Ausgehen in Saint-Lunaire kennen. Sie singt
       sein selbstgeschriebenes Seemannslied und ist die sinnlichste der drei.
       Lena ist der Grund, warum er in Dinard ist: Sie waren dort verabredet, doch
       sie taucht nicht auf. Natürlich kann er sich zwischen den dreien nicht
       entscheiden.
       
       Als ich den Film hier erneut ansehe, bemerke ich, dass Gaspard in dieselbe
       Bar geht, die ich an meinem ersten Abend hier besuche. Dass er mit Solène
       in die gegenüberliegende Stadt St.-Malo fährt, über deren Stadtmauer ich
       spaziere, dass er wie ich Cidre aus den tassenförmigen „Bolée“ trinkt, dass
       er die Promenade Clair de Lune am Ufer betritt, um Margot in ihrer Crêperie
       aufzusuchen, die gleiche Promenade, die ich nun entlanggehe.
       
       Reale Orte aus fiktionalen Geschichten zu sehen, ist erdend. Es ist eine
       kleine Praxis, um sich in dieser Welt zu situieren, seinen Platz zu suchen.
       In Dinard gibt es Dinge, die neu sind, wie das Schild der Bar, die ich 30
       Jahre nach Gaspard besuche, oder die 2009 errichtete
       Alfred-Hitchcock-Statue auf der Promenade Pablo Picasso, auf der heute
       Vögel sitzen.
       
       Anderes, die kleinen Hütten am Strand, die smaragdgrünen Küsten, sind genau
       gleich. Wenn ich sie sehe, kehre ich ins Jahr 1995 zurück, als der Film
       gedreht wurde. Eine kleine metaphysische Reise.
       
       Ein ganz ähnliches Gefühl hatte ich, als ich auf dem Cimetière Montparnasse
       in Paris an [3][Simone de Beauvoir]s Grab stand. „Sie ist gerade hier“,
       dachte ich, nicht metaphorisch gemeint, sondern ganz real. Sie ist hier und
       ich bin dort, wo Margot Gaspard erklärt, warum sie ihre Abschlussarbeit in
       Ethnologie über die Menschen der Bretagne schreibt. Margot und Gaspard sind
       hier – und Éric Rohmer, der, obwohl er den Film im Alter von 75 Jahren
       drehte, junge Liebe authentischer erzählen kann, als es je einem Jüngeren
       gelungen ist.
       
       12 Jul 2026
       
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