# taz.de -- Französische Insel Ouessant: Das Meer gibt hier den Rhythmus vor
> Ouessant ist Frankreichs westlichste Insel. Ein rauer Ort, an dem schon
> seit langer Zeit die Frauen die Dinge in die Hand nehmen. So wie die
> Fischerin Ondine Morin.
(IMG) Bild: So sieht's aus auf Ouessant!
Windig ist es immer auf Ouessant. Davon zeugt die fast baumlose Landschaft
mit ihren kniehohen salzigen Grasnarben, die den weißen und schwarzen
Ouessantschafen Futter liefern. Die Insel von 16 Quadratkilometern ist
nicht lieblich. Sie ist rau, karg, mehr Wales oder Schottland als
Frankreich, dessen westlichsten Punkt sie bildet, 20 Kilometer vor der
bretonischen Küste gelegen. Danach kommt lange nichts, danach kommt
irgendwann Nordamerika.
Finis terrae – das Ende der Welt, sagten die Menschen früher, wenn sie auf
das unendlich wirkende Wasser des Atlantiks blickten. So ist auch der Name
des französischen Départements Finistère entstanden, zu dem Ouessant
gehört. „Ein Drittel des Jahres ist es hier neblig“, sagt Ondine Morin,
Fischerin und Inselführerin. Dennoch ist die Insel ein Sehnsuchtsort, an
den man noch an Ort und Stelle zurückzukehren beschließt.
So ruhig ist die Stimmung hier, so grandios die prähistorisch anmutende
Landschaft mit ihren bizarren Granitformationen an den Küsten der Insel.
Seit Millionen von Jahren überspült das Meerwasser die Steine, wäscht sie
aus, sorgt für stetige Veränderung.
Ondine Morin stammt von der Insel, auf der nur 450 Menschen dauerhaft
leben. Wenn das Wetter es zulässt, fährt die 42-Jährige mit ihrem Mann
Jean-Denis auf dem gemeinsamen Boot frühmorgens zum Fischen aufs Meer. Etwa
anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang werden die Fische aktiv. „Das ist die
beste Zeit“, sagt Morin. „Aber seit ich Kinder habe, fahre ich nicht mehr
allein.“
Heute ist nur ihr Mann unterwegs, da Ondine Morin als Inselguide arbeitet.
Dass sie beide Berufe ausübt, ist ihr Markenzeichen. „Ich brauche das als
intellektuelles Gegengewicht zu der sehr physischen Arbeit des Fischens“,
erklärt sie. Ihr liegt daran, die Geschichte und Legenden der Insel zu
überliefern, neben Algensafaris hat sie auch thematische Touren im
Programm.
Kaum jemand auf der kleinen Insel, der ökonomisch nicht auch vom Tourismus
abhänge, sagt Morin. „Trotzdem haben wir keinen Übertourismus.“ Das liegt
schon allein daran, dass die Überfahrt von Brest oder Le Conquet fast
anderthalb Stunden dauert und ziemlich stürmisch sein kann.
Vom traditionellen Fischfang allein zu leben, sei kaum möglich, sagt Morin,
blond, zierlich und wetterfest mit Fleece und festem Schuhwerk. Sie und ihr
Mann sind die Einzigen auf der Insel, die per Leine fischen.
## Ein Umdenken muss her
Das Ehepaar verarbeitet die Fische vor Ort und lässt sie noch am selben Tag
an den Einzelhandel und spezialisierte Restaurants auf dem Festland
liefern. Jetzt, mit Benzinkrise und steigenden Ölpreisen, sei der Job noch
schwieriger. „Wir kommen gegen die industrielle Hochseefischerei nicht an“,
sagt Morin. „Und die Regierung schützt und hilft uns nicht.“
Ondine Morin kommt aus einer Fischerfamilie. Ihr Großvater war der Erste,
der ein kleines Motorboot kaufte. Jeder Fischer hat seinen Abschnitt, wo er
fischen darf, erklärt sie; und jedes Boot braucht eine Lizenz mit
individualisierter Fangquote. Seit 2026 muss sogar jeder einzelne Fisch
deklariert werden. Die strikteren Regeln begrüßt Morin, sie hofft, dass bei
der Regierung auf Dauer ein Umdenken einsetzt, „um die nachhaltige
Fischerei zu fördern“.
Mittags führt sie in eine kleine Bucht, wo inzwischen ihr Mann die „Finis
terrae“ ankern lässt. Per Beiboot bringt er den Tagesfang an Land,
insgesamt 100 Kilogramm prachtvolle große Steinköhler. Sie werden im Handel
mit einem Biozertifikat versehen sein.
„Wir lassen uns Zeit und beobachten die Fische genau“, sagt Morin. „Sie
dürfen nicht zu klein oder zu jung sein. Sie müssen sich reproduzieren
können.“
Das Fischerpaar kooperiert mit dem nationalen Meeresforschungsinstitut, das
regelmäßig wissenschaftliche Untersuchungen durchführt. Ouessant liegt am
Rande des Parc d’Iroise, Frankreichs erstem Meeresnaturschutzpark. „Manche
der gefangenen Fische markieren wir dann und werfen sie wieder ins Meer“,
sagt Ondine Morin.
„Die Fische werden immer kleiner, aber vor allem gibt es immer weniger“,
hat sie beobachtet. Schuld daran seien die Agrarkonzerne, die ihre
Chemikalien in die Flüsse einleiteten und so zur Verschmutzung des Meeres
beitrügen. Morin dokumentiert diesen David-gegen-Goliath-Kampf auf ihrer
Facebook-Seite.
Ondine Morin kennt jeden Fleck und Stein auf Ouessant mit seinen niedrigen
Steinwällen, Hecken und weiß gestrichenen Häusern, wo über Jahrhunderte
überwiegend Frauen die Geschicke in die Hand nahmen. Sie mussten sich
allein durchschlagen, weil ihre Männer oft jahrelang auf Marine- oder
Handelsbooten unterwegs waren. Es war ein „aufgezwungenes
Inselmatriarchat“, so erklärt es Morin, da die Frauen zugleich in ihren
angestammten Rollen verblieben – zuständig für Haus, Garten, Kinder, Tiere.
Heutzutage gibt es junge Frauen, wie auch sie, die nach ihrer Ausbildung
auf die Insel zurückkehren. Sie nehmen die Traditionen und das Wissen ihrer
Großmütter auf und bieten zum Beispiel Kräuterexpeditionen oder Workshops
für Wollverarbeitung an.
Früher kehrten viele Seeleute hingegen gar nicht zurück, sie erkrankten,
ertranken, verstarben unterwegs. Weil es keine Leichname zu bestatten gab,
entstand der Brauch der Proëlla, bei der ein aus Wachs geformtes Kreuz
symbolisch in einer Sammelurne auf dem Inselfriedhof beigesetzt wird.
Heute gibt es keine Seefahrer und keine Proëlla mehr, aber ein Besuch auf
dem kleinen Inselfriedhof lohnt sich. Den hoch aufragenden Granitturm der
Kirche gleich daneben hat die britische Königin Victoria gespendet, als
Dank für die Hilfe der Insulaner bei einem verheerenden Schiffsunglück:
1896 rammte die britische „Drummond Castle“ im Nebel nahe der Insel einen
Felsen; mehr als 200 Menschen starben, nur drei überlebten.
## Einer der stärksten Leuchttürme der Welt
Morin kann von vielen Schiffbrüchen in der berüchtigten Passage du Fromveur
berichten, die mit ihren tückischen Strömungen zwischen Ouessant und der
Nachbarinsel Molène liegt. Nach der Havarie des Öltankers „Amoco Cadiz“ im
Jahr 1978 nordöstlich von Ouessant, die eine verheerende Ölpest und
Umweltkatastrophe für die ganze Bretagne zur Folge hatte, wurden strikt
getrennte Schiffskorridore eingeführt. Große Schiffe dürfen die Insel nur
noch 70 Kilometer westlich passieren.
Die fünf Leuchttürme, die es auf und um Ouessant gibt, haben dennoch nicht
an strategischer Bedeutung verloren. Der Phare du Créac’h, einer der
stärksten Leuchttürme der Welt, sichert die Ein- oder Ausfahrt in den
Ärmelkanal. Nachts lassen sich die rhythmisch abgestimmten Lichtsignale der
Leuchttürme bewundern.
Zu ihnen gehört auch der denkmalgeschützte Phare du Stiff, schon 1695
erbaut. Weil es keine Bäume auf der Insel gab, mussten Holz und Kohle
importiert werden, um im Turm Leuchtfeuer zu machen.
Heute sind alle Leuchttürme vollautomatisiert. Niemand muss mehr auf den
„Höllen“ genannten Türmen im wellenumtosten Meer ausharren, die manchmal
wochenlang nicht angefahren werden können. Heute kann nur passieren, dass
man länger auf Ouessant bleiben muss, weil bei Sturm oder Nebel der
Schiffsverkehr eingestellt wird. Das trifft aber eher in Herbst und Winter
ein. Dann ist Ouessant noch rauer, noch karger. Für Ondine Morin ist es die
beste Jahreszeit. „Das Licht im Winter ist ganz besonders schön.“
Transparenzhinweis: Diese Recheche wurde unterstützt von Agence Bretagne.
15 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Sabine Seifert
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