# taz.de -- Öko-Kommunismus: Ein bisschen Planwirtschaft
> Der japanische Philosoph Kohei Saito fordert eine „Diktatur der Ökologie“
> als Antwort auf den Klimakollaps. Die Rolle des Staats bleibt dabei
> blass.
(IMG) Bild: Der japanische Philosoph Kohei Saito fragt sich, wie wir die Klimakatastrophe als Gesellschaft überleben können
Das Erscheinungsdatum von Kohei Saitos Buch könnte nicht passender sein.
Wenn dieser Tage die Sonne erbarmungslos vom Himmel knallt und die
Temperaturen in weiten Teilen Europas über 35 Grad klettern, bekommt sein
Titel „Am Ende des Fortschritts“ etwas Beunruhigendes. Das [1][Zeitfenster,
innerhalb dessen sich die schlimmsten Folgen der Klimakrise abwenden
ließen], habe sich geschlossen, schreibt der japanische Philosoph.
Besser jetzt als gleich solle man sich von technikoptimistischen
Träumereien verabschieden, also der Idee, dass E-Autos, CO2-Speicherung
oder KI uns vor dem Schlimmsten bewahren könnten: „Die Zukunft sieht düster
aus. Im Angesicht eines ‚Endes der Welt‘ steht der Menschheit der
Faschismus bevor.“
[2][Plädierte Saito in seinem Vorgängerwerk „Systemsturz“ noch für einen
„Degrowth-Kommunismus“, der sozialökologischen Wandel und gesellschaftliche
Emanzipation „von unten“ herbeiführen sollte], brauche es angesichts dieser
dystopischen Lage einen „Sozialismus von oben“. Denn nur ein starker Staat
sei in der Lage, die nötigen Ressourcen zu mobilisieren,
Schlüsselindustrien zu verstaatlichen und eine Planwirtschaft
durchzusetzen.
Saito schlägt ein Modell digitaler Wirtschaftsplanung vor, in dem der Staat
die Richtung vorgibt, den Unternehmen jedoch noch genug
Entscheidungsfreiheit bleibt – in der Hoffnung, dass dann kein ‚blindes‘
Regime entsteht.
## Eine „Diktatur der Ökologie“ soll's richten
Statt einer „Diktatur des Proletariats“ brauche es heute eine „Diktatur der
Ökologie“. Doch während Erstere eine gesamtgesellschaftliche Emanzipation
zum Ziel hatte, könne Letztere nur noch versuchen, das Schlimmste zu
verhindern, sich an die sozialen Folgen des Klimakollapses anzupassen. Die
Entscheidung zwischen Sozialismus oder Barbarei sei längst gefallen,
bestenfalls könnten wir uns noch in einen „Sozialismus in der Barbarei“
retten.
Hoffnung schöpft Saito paradoxerweise aus seiner Vision eines „dunklen
Sozialismus“. Er schreibt: „Wenn wir aus den bisherigen Träumen erwachen
und das Ende dieser Welt einmal akzeptieren, eröffnet sich eine neue
Zukunft, die wir gemeinsam gestalten müssen.“
Mit Ausnahme der Schlusskapitel changiert „Am Ende des Fortschritts“ über
weite Strecken zwischen dystopisch und apokalyptisch. Die Analyse des
Bestseller-Autors ist unangenehm, unangenehm ungeschönt. Sie verwehrt sich
sämtlicher Beschwichtigungen, zerrt Leser:innen aus der kognitiven
Komfortzone und zwingt sie, sich über neue Formen politischen Handelns und
politischer Institutionen Gedanken zu machen.
Seine Wirkung dürfte Saito damit kaum verfehlen, jedoch mangelt es seiner
Problemdiagnose stellenweise an analytischem Feingefühl.
## Die Rolle des Staats bleibt verdächtig undefiniert
Klar: Die Zeichen stehen auf Untergang, die Menschheit steuert sehenden
Auges auf eine vier Grad heißere Welt zu. Doch diese Entwicklung vollzieht
sich in Widersprüchen, entlang politischer Konflikte und Kontingenzen. Sie
wird nicht ausschließlich von Technofaschisten vorangetrieben, sondern
ebenso „von unten“, durch Konsum- und Mobilitätsnormen, stabilisiert, ist
tief in Infrastrukturen, Vorstellungen vom guten Leben und die
Institutionen der liberalen Demokratie eingeschrieben.
Das Holzschnittartige an Saikos Analyse wird vor allem mit Blick auf den
Staat deutlich. Wieso ausgerechnet der Staat – der bis heute nichts
unversucht lässt, fossile Profite abzusichern, und Aktivist:innen von der
Straße knüppelt, weil sie einen Stau verursachen – zum Retter in der
klimapolitischen Not werden sollte, bleibt unklar. Einerseits schreibt ihm
Saito eine zentrale Rolle zu, andererseits bleibt seine Funktionsweise,
seine Widersprüchlichkeit, sein emanzipatorisches Potenzial verdächtig
undefiniert.
24 Jul 2026
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