# taz.de -- Palästinensischer Arzt in Haft: Sorge um Hussam Abu Safiya
       
       > Seit eineinhalb Jahre hält Israel den Klinikchef aus Gaza ohne Anklage
       > fest. Menschenrechtler fürchten um sein Leben. Israel wirft ihm
       > Hamas-Nähe vor.
       
 (IMG) Bild: Sichtbar gealtert: Hussam Abu Safiya, der im Juni 2026 zur Anhörung vor Israels Oberstem Gericht per Video zugeschaltet wurde
       
       Die Szene, wie sich Hussam Abu Safiya den Panzern näherte, die sein
       Krankenhaus wochenlang belagerten, zählt zu den ikonischen Bildern des
       Gazakriegs. Ein einzelner Mann im weißen Arztkittel, der inmitten einer
       apokalyptischen Trümmerlandschaft auf zwei Panzer zuläuft, dieses Bild fing
       Ende 2024 den Schrecken und die Asymmetrie dieses Krieges wie ein Gemälde
       ein.
       
       Eineinhalb Jahre ist das nun her, jetzt schlagen Menschenrechtler erneut
       Alarm. Denn seit diesem Tag ist der Kinderarzt und einstige Klinikchef in
       Haft, ohne Anklage oder ein Gerichtsverfahren. Die israelische Organisation
       Ärzte für Menschenrechte warnt, Abu Safiyas Gesundheitszustand habe sich
       während der Haft drastisch verschlechtert: Er soll in Lebensgefahr
       schweben. Sein Anwalt Nasser Odeh habe ihn am 2. Juli im Nitzan-Gefängnis
       in der Nähe von Tel Aviv in einer unterirdischen Haftanlage besucht. Abu
       Safiya habe schwere Kopfverletzungen erlitten, sei extrem geschwächt,
       zeitweise kaum ansprechbar gewesen und habe Atembeschwerden gezeigt,
       erklärte der Anwalt.
       
       Abu Safiya selbst habe laut seinem Anwalt von schweren Misshandlungen
       während der Haft berichtet, darunter Schläge und wiederholter Gewalt in
       Einzelhaft sowie fehlender medizinischer Versorgung. Der Arzt habe auch
       große Angst um sein Leben geäußert. Die israelischen Ärzte für
       Menschenrechte fordern deshalb eine unabhängige medizinische Untersuchung,
       seine Verlegung und Freilassung. Die israelische Gefängnisbehörde lehnt das
       jedoch ab und weist alle Vorwürfe entschieden zurück: Alle Gefangenen
       würden in Einklang mit dem Gesetz festgehalten und erhielten eine
       professionelle medizinische Versorgung, heißt es.
       
       ## Mindestens 98 Tote in israelischer Haft
       
       Erst im vergangenen Monat hatte Israels Oberstes Gericht in Jerusalem einen
       Antrag Abu Safiyas auf Haftentlassung zurückgewiesen. Es entschied, dass
       die israelische Armee ihn nach dem Gesetz über „unrechtmäßige Kombattanten“
       weiterhin ohne Anklage festhalten dürfe. [1][Wie die Times of Israel
       berichtete], wird Abu Safiya vorgeworfen, er habe in einem Sanitätsdienst
       der Hamas gedient. Außerdem soll die Hamas sein Krankenhaus für ihre Zwecke
       genutzt haben, so die israelische Armee. Während der Verhandlungen war der
       mit Handschellen gefesselte Arzt auf Videoaufnahmen zu sehen, er wirkte
       darauf blass und eingefallen.
       
       Nach Abu Safiyas Verschleppung im Dezember 2024 war [2][sein Verbleib erst
       einmal ungewiss gewesen]. Später teilte die Armee mit, er werde nach
       möglichen Verbindungen zu Hamas befragt. Als das israelische Militär am 27.
       Dezember 2024 das Kamal-Adwan-Krankenhaus stürmte, [3][bis dahin das größte
       Krankenhaus im Norden von Gaza], nahm sie neben Abu Safiya weitere 240
       Menschen mit. Nach Angaben seiner Verteidiger war er nach seiner Festnahme
       zunächst [4][in das berüchtigte Militärlager Sde Teiman] gebracht und dort
       schwer misshandelt worden.
       
       Abu Safiya hatte sich den Ärger der israelischen Armee zugezogen, weil er
       sich mehrfach geweigert hatte, sein Krankenhaus zu verlassen, als es
       belagert wurde. Als Israel am 5. Oktober 2024 eine komplette Blockade über
       den nördlichen Gazastreifen verhängte und die Versorgung mit Lebensmitteln,
       Wasser und Strom kappte, gab er ausländischen Medien, darunter CNN, per
       Telefon Auskunft über die Lage dort. Ende Oktober 2024 stürmte das
       israelische Militär schon einmal das Krankenhaus und tötete dabei seinen
       Sohn Ibrahim. Abu Safiya ließ ihn im Innenhof des Krankenhauses begraben.
       
       ## Folter und systematische Misshandlung
       
       Insgesamt hat die israelische Armee im Laufe ihres Vormarschs im
       Gazastreifen Hunderte Ärzte und Pflegekräfte festgenommen.
       Menschenrechtsorganisationen wie Physicians for Human Rights und die
       Vereinten Nationen prangern immer wieder [5][systematische Misshandlungen,
       Folter und medizinische Vernachlässigung in israelischen Gefängnissen] an.
       Israels rechtsextremer Polizeiminister Itamar Ben-Gvir brüstet sich zudem
       stolz damit, auf sein Betreiben seien die Haftbedingungen für
       palästinensische Gefangene deutlich verschlechtert worden.
       
       Seit Beginn des Kriegs in Gaza, den die Vereinten Nationen und die meisten
       Menschenrechtsorganisationen als Völkermord einstufen, sind mindestens 98
       Palästinenser in israelischen Gefängnissen verstorben, oftmals infolge von
       Folter. Besonderes Aufsehen erregte der Tod des Chirurgen Dr. Adnan
       al-Bursh im April 2024. Er war im Dezember 2023 in einem anderen
       Krankenhaus im Norden des Gazastreifens von israelischen Streitkräften
       festgenommen worden. Mithäftlinge berichten, er sei schwer misshandelt und
       gefoltert worden. Bis heute wird sein Leichnam von den israelischen
       Behörden zurückgehalten.
       
       Menschenrechtler, Angehörige und Freunde fürchten nun, Abu Safiya könnte
       ein ähnliches Schicksal erleiden.
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.timesofisrael.com/life-of-detained-gaza-hospital-chief-hamas-officer-at-immediate-risk-lawyer-says/
 (DIR) [2] /Vermisster-Krankenhaus-Direktor/!6060835
 (DIR) [3] /Notlage-in-Gaza/!6055667
 (DIR) [4] /Gefaengnis-Sde-Teiman/!6125087
 (DIR) [5] /Debatte-um-NYT-Berichterstattung/!6179580
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Bax
       
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