# taz.de -- Protest gegen AfD-Parteitag: Block ’n’ roll in Erfurt
> Gegen den AfD-Parteitag protestierten Zehntausende Menschen – die einen
> bürgerlich, die anderen in Blockaden. Das hielt die AfD zwar nicht auf,
> wurde von vielen Aktivisti aber dennoch als Erfolg gewertet.
(IMG) Bild: Ohne AfD auf der A71: Demonstrierende laufen nach Erfurt
Als die Polizei-Kolonne Samstagfrüh vorbeirollt, sind noch keine
Aktivist:innen zu sehen. Der Sonnenaufgang taucht die Felder vor der
thüringischen Landeshauptstadt Erfurt in malerisches Licht. Einsatzwagen
fahren vorneweg, mit Blaulicht, aber ohne Eile. Drei Reisebusse folgen.
Hinter deren großen Fenstern sitzen Männer in Anzügen mit weißen Hemden,
die AfD-Delegierten. Auf dem Weg zu ihrem Parteitag in der Messehalle.
In den Monaten zuvor hatte das Bündnis Widersetzen angekündigt, alle
Zufahrtsstraßen zu blockieren, um den AfD-Parteitag zu verhindern. Doch
Polizei und AfD waren früher da, oder haben gleich im Légère-Hotel bei der
Messe übernachtet.
„Die Stimmung ist beschissen“, sagt ein Aktivist, der als einer der Ersten
eintrifft. Busse „voller AfDler“ seien schon durch. Es ist gerade einmal 5
Uhr morgens und es wirkt, als sei Widersetzen gescheitert.
Am Sonntag dann spricht Suraj Mailitafi von Widersetzen dennoch von einem
„Erfolg“. „Wir waren noch nie so viele“, sagte er. Das Bündnis geht von
17.000 Menschen aus, die sich an Blockaden beteiligt haben. Mehr als 50.000
Menschen sollen demnach insgesamt gegen die AfD protestiert haben. Die
Polizei spricht von 31.000 Demonstrierenden.
Mailitafi sagt, Grund für das Scheitern der Blockaden war die Polizei.
Diese habe sich „schon nachts mit den Faschist:innen an Feldwegen
getroffen“ und diese in einem „Spalier aus Polizeiwagen in die Halle
hofiert, wo die Feiglinge sich acht Stunden vor ihrem Parteitag verschanzt
haben“.
Tatsächlich standen alle Blockaden in den frühen Morgenstunden. Mit mehr
als 230 Bussen hat Widersetzen Menschen aus den verschiedensten Ecken
Deutschlands in die Vororte von Erfurt gefahren. In den Morgenstunden
besetzten Aktivist:innen den Gothaer Platz, die zentrale Zufahrtsstraße
aus der Innenstadt. Auch auf der Binderslebener Landstraße sowie auf der
A71 blockierten Tausende Aktivist:innen. [1][Insgesamt 17 Blockadepunkte
gab es laut Widersetzen.]
Erstmals an Blockaden beteiligt haben sich „Wissenschaftler:innen gegen
Faschismus“. Mehr als 450 Akademiker:innen hatten sich schon im
Vorfeld mit dem Protest solidarisiert, darunter der Sozialwissenschaftler
Oliver Nachtwey oder die Ökonomin Isabella Weber. [2][In einem Schreiben]
erklärten sie „vielfältige Formen des friedlichen zivilgesellschaftlichen
Protests“ gegen den AfD-Parteitag „nicht nur für legitim, sondern für
unabdingbar“.
Auch die Philosophin Rahel Jaeggi hat sich am Samstag auf den Gothaer Platz
gesetzt. Sie sorge sich um die Wissenschaftsfreiheit, sagt sie der taz.
„Schon heute werden Kolleg:innen nervös und fragen sich, soll ich
kritische Forschungsvorhaben wirklich so nennen?“ Wenn in Sachsen-Anhalt
die AfD die Macht übernähme, sei das Programm klar: „Gender Studies,
Rassismusforschung, Migrationsstudien, Postcolonial Studies, Kritische
Theorie – alles wird angegriffen werden.“ Zudem drohe die Partei
Pseudowissenschaften wie Klimawandelleugnung zu legitimieren.
Dass es vor den Protesten [3][eine Debatte über die Legitimität von
Blockaden] gab, findet Jaeggi absurd. „Wir sind doch die
Grundgesetzultras“, lacht sie. Sie sei hier, um gegen eine
demokratiefeindliche Partei zu protestieren. Zudem gehe es bei zivilem
Ungehorsam darum, „eine Gegenbewegung gegen den Rechtsruck zu schaffen, der
auch die Parteien der Mitte erfasst“. Ziel müsse es sein, ein
„emanzipatives Projekt“ gegen das Gefühl von Kontrollverlust zu setzen, das
viele Menschen im Kapitalismus hätten – und das von rechts derzeit
ausgeschlachtet würde.
Doch diese Sicht dürften längst nicht alle teilen, die an den
Gegenprotesten teilnehmen. Auf der gewerkschaftlich geprägten
„Zusammenstehen“-Demo dominiert zwar ein linker Duktus. Gegen die AfD
protestieren hier aber auch SPD und Grüne, sogar einige CDUler – und damit
genau jene Parteien, deren Politik andere Antifaschist:innen, insbesondere
jene bei Widersetzen, als die Ursache für den Aufstieg der AfD sehen.
## Schlendern gegen rechts
Mittags schlendert dann Erfurts Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) über
den Theaterplatz. Dort gibt es keine Blockaden. An einem Dutzend Ständen
informieren lokale Initiativen wie die Omas gegen rechts über ihre Arbeit.
An einen Laternenmast daneben hat sich Pai Dur, eine künstlerische Person,
mit einer schweren Stahlkette gefesselt. Pai Dur wolle daran erinnern,
wohin Diskriminierung führen kann.
Oberbürgermeister Horn sagt der taz, die Situation sei für Erfurt
außergewöhnlich, aber bislang laufe alles verhältnismäßig ruhig. Die
Einsatz- und Rettungskräfte machten einen „großartigen Job“. „Und ich kann
auch allen Versammlungsteilnehmerinnen und Versammlungsteilnehmern danken,
dass sie so friedlich geblieben sind.“ Demonstrieren, das sei gelebte
Demokratie. „Gewalt und Sachbeschädigung sind es nicht.“ Warum Konservative
bei den Protesten so wenig vertreten sind? Horn widerspricht. Er sei gerade
auf dem Anger bei einem ökumenischen Gottesdienst gewesen, da seien auch
Konservative. „Die bürgerliche Mitte ist auch da.“
Im Vorfeld hatte genau diese bürgerliche Mitte Stimmung gegen Widersetzen
gemacht. Von dem ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow
(Linke) bis zur CDU Thüringen hieß es, die AfD sei zwar rechtsextrem, aber
ihr Parteitag dürfe nicht mit Blockaden verhindert werden. In der Welt war
von einer „Schlacht an den Erfurter Messehallen“ und „linkem Straßenterror“
die Rede.
Dabei führten die Aktivist:innen im Vorfeld nicht nur Tausende
Haustürgespräche in Erfurt, um über ihren Protest informierten. Das Bündnis
Zusammenstehen, zu dem auch Widersetzen gehört, bewarb zudem am Wochenende
rund 70 weitere Veranstaltungen für alle, die nicht an Blockaden teilnehmen
wollten – von Konzerten, antifaschistischem Kinderschminken bis zu
kritischen Stadttouren.
Am Ende sprach die Thüringer Polizei von einem überwiegend friedlichen
Verlauf. Auch aus aktivistischen Kreisen heißt es, die Polizeigewalt sei
dieses Mal geringer gewesen. Dennoch habe es Fälle von „unverhältnismäßiger
Polizeigewalt“ gegeben, sagte Anna Maria Müller, Sprecherin des
anwaltlichen Notdienstes von Widersetzen.
## Polizei attackiert Anwältin
Die Rechtsanwältin bezieht sich auf [4][eine Szene in der Cyriakstraße],
die auch die taz beobachtet hat: Ohne ersichtlichen Anlass trampeln
Polizist:innen über Menschen in einer Blockade, greifen ihnen grob mit
Handschuhen in Gesichter, wenden offensichtlich gar Schmerzgriffe an.
Müller spricht von „extralegaler Bestrafung durch rohe Gewalt“. Ihre
Vermutung: Die Polizei habe Gegengewalt zu provozieren versucht, um
Strafverfahren einzuleiten. Das sei „eines Rechtsstaates unwürdig“.
Eine weitere Gewaltszene ereignet sich gegen 6 Uhr beim grünen Finger, der
später die A71 blockierte. Als dieser noch fernab von Straßen auf einem
Feld unterwegs ist, soll die Polizei einen Demonstranten so schwer verletzt
haben, dass er ins Krankenhaus musste. Mehreren Augenzeugen zufolge setzten
die Beamt:innen grundlos Schlagstöcke und verstärkte Handschuhe ein.
Warum? Womöglich, um den Finger zu stoppen. Müller erwähnt zudem einen
Angriff auf eine Anwältin, die vor Ort angeboten habe, zwischen Polizei und
Widersetzen zu vermitteln. Obwohl sie ihren Anwaltsausweis vorgezeigt habe,
hätte ein Polizist sie so fest gestoßen, dass sie zu Boden gegangen sei.
## Faschist:innen mit Presseausweis
Seitens der Aktivist:innen gab es eine Ausnahme des ansonsten rundum
friedlichen Protests: eine Attacke auf mutmaßliche Mitarbeiter des
Rechtsaußenmediums Apollo News. In Videos ist zu sehen, wie diese aus dem
Protest gedrängt werden, anfangs langsam, dann immer rabiater. Es wird
geschubst, Gegenstände fliegen, die Rechten müssen rennen. Auf einem Bild
ist zu sehen, wie einer der Medienmacher offenbar getreten wird. Die
Polizei bezeichnete die Szene Samstagnachmittag als „vereinzeltes
Vorkommnis“ und sprach von einer „leichten Verletzung“. Widersetzen
distanzierte sich nicht von dem Angriff, im Gegenteil, Sprecher:in Noah
Sander, sagte dazu am Sonntag: „Faschist:innen mit Presseausweis sind immer
noch Faschist:innen.“
Das Bündnis blickt indes nach vorn: Denn im September stehen Landtagswahlen
in Sachsen-Anhalt an und die AfD droht in dem Bundesland die Macht zu
übernehmen. „Dieser Parteitag war nicht legitim und eine faschistische
Regierung ist es noch viel weniger“, sagt Sprecher:in Noah Sander. Dies
soll eine „explizite Warnung“ insbesondere an CDU und BSW sein: „Wenn ihr
es wagt, den Faschist:innen an die Macht zu verhelfen, macht ihr uns zu
unserem nächsten Aktionsziel.“
Etwa zehn Stunden nachdem die Busse mit AfD-Delegierten an der Messe
angekommen sind, treffen mehrere Tausend Aktivist:innen von Widersetzen
bei der großen Kundgebung auf dem Messeparkplatz ein. Seit den frühen
Morgenstunden sind sie über Felder gelaufen, haben Autobahnen blockiert und
Pfefferspray kassiert. Wie bei einer Parade begrüßen nun die
Teilnehmer:innen der Kundgebung sie links und rechts mit Applaus. Nach
einer Niederlage fühlt sich hier nichts an. Wahrscheinlich war das der
wahre Erfolg von Widersetzen: Die Normalisierung des ungehorsamen
Antifaschismus in einer breiten Mitte, die auf die AfD ebenfalls keinen
Bock hat.
5 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Liveticker-zum-AfD-Parteitag-und-den-Gegenprotesten/!6193016
(DIR) [2] https://wissenschaft-gegen-faschismus.de/
(DIR) [3] /Bundesparteitag-in-Erfurt/!6187866
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## AUTOREN
(DIR) David Muschenich
(DIR) Timm Kühn
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