# taz.de -- Ägypten im Achtelfinale: Politischer Siegestaumel
       
       > Ägyptens Trainer widmet den Erfolg seines Teams dem palästinensischen
       > Volk und feiert seinen Staatschef als Vater des Erfolgs. Nun geht es
       > gegen Argentinien.
       
 (IMG) Bild: In Gedanken in Gaza: Ägyptens Trainer Hossam Hassan läuft mit einer Palästina-Fahne über den Platz
       
       Manchmal ist das Glück mit den Tüchtigen. Als Hossam Abdelmaguid zum
       entscheidenden Elfer antrat, hatte Ägypten 120 Minuten lang versucht, die
       australische Defensive zu knacken. Das Spiel war wahrlich nicht
       hochklassig, aber die Ägypter waren, wie man so sagt, fleißig. Ihnen war es
       auch zu verdanken, dass es zumindest ab und an so was wie Spielfreude gab
       im Sechzehntelfinale der Minimalisten.
       
       Als das beim Stand von 1:1 nicht reichte, musste Glück helfen: Australien
       wechselte fürs Elfmeterschießen Torhüter Mathew Ryan ein, der sich oft viel
       zu früh für eine Ecke entschied. Zwei Elfer schoss Australien auch daneben.
       Und Hossam Abdelmaguid, der in der heimischen Liga jenseits des globalen
       Rampenlichts kickt, setzte den Ball ins Netz und stürzte sein Land in einen
       historischen Freudentaumel. Es war Ägyptens erstes gewonnenes K.-o.-Spiel
       bei einer WM.
       
       Dieses Ende war sicher das Schönste am ganzen Spiel. Fußballerisch nämlich
       lockte es eher mäßig. Da trafen sich zwei Underdogs, die auch im Turnier
       wenig neue Fans gewannen. Australien hatte sich irgendwie durchgemauert,
       darunter ein legendär dröges 0:0 gegen Paraguay. Ägypten hatte eine
       schwache Gruppe als Zweiter überstanden. Ja, es gab Paarungen, die mehr
       versprachen. Erst recht bei einer WM, die sich so gerne über Superstars
       erzählt. Davon gab es hier eigentlich nur den 34-jährigen Mo Salah, der zum
       Spiel nicht viel beitrug.
       
       Denn Ägyptens starker Angriff blieb immer wieder an Australiens guter
       Verteidigung hängen, während Australiens schwacher Angriff die schlechte
       ägyptische Defensive wenig nutzen konnte. Minus und Minus also. Die beste
       Geschichte war nicht das Spiel, sondern die Freudentränen. Und, natürlich,
       gab es einen großen Gesprächsstoff.
       
       ## Palästina-Fahne auf dem Platz
       
       Denn dann trat Ägyptens Trainer Hossam Hassan mit zwei Flaggen auf den
       Rasen. Eine von Ägypten, die andere von Palästina. Er präsentierte sie
       unter Free-Palestine-Rufen von Fans. Für viele Ägypter:innen war die
       Geste von massiver Symbolkraft in diesem sporthistorischen Moment. „Wir
       machen alle Afrikaner und Araber stolz“, sagte Hassan im Anschluss.
       
       Er sei dankbar, wie viele Palästinenser:innen Ägypten unterstützen.
       „Mein Herz und meine Seele sind bei ihnen. Möge Gott ihnen Erfolg und Sieg
       schenken und Gnade mit ihren Märtyrern haben. Ich widme diesen Sieg den
       Ägyptern und den Palästinensern.“ Die Geste erhielt im Netz viel Beifall,
       während die Welt von einem Verstoß gegen das Fifa-Verbot fürs Verbreiten
       politischer und religiöser Botschaften sprach – dieselbe Zeitung, die Felix
       Nmecha gerührt für seinen Jesus-Jubel dankte.
       
       Hossam Hassans Solidaritätsbekundung ließ sich dabei durchaus differenziert
       betrachten. Problematisch daran wirkte der nebulöse Siegeswunsch. Was ein
       palästinensischer Sieg beinhalten sollte und welches Schicksal er den
       Besiegten wünschte, führte Hassan nicht aus. Dass Ägyptens Coach jedoch die
       Palästina-Proteste, die während des Turniers oft auf den Rängen
       stattfanden, aber auf den Bildern der TV-Weltregie verdächtig wenig
       vorkamen, ins Zentrum auf den Rasen holte, das war groß.
       
       ## Kotau vor dem Diktator
       
       In etlichen Ländern hatte es wegen Israels fortdauernder Besatzung,
       Vertreibung und Ermordung von Palästinenser:innen [1][Debatten über
       einen WM-Boykott] gegeben. Erst vor wenigen Tagen ist in Gaza der Torhüter
       Saleem Al-Ashqar [2][Berichten zufolge] von israelischen Militärs
       erschossen worden. Die Fifa schwieg. Hossam Hassans Geste durchbrach die
       Stille. Ägyptens Erfolg könnte mächtige globale Symbolkraft entwickeln,
       ähnlich wie Marokkos starke WM mit Palästina-Solidarisierung 2022.
       
       Und dann sagte Hossam Hassan noch etwas. Er hielt eine Lobrede auf Ägyptens
       Diktator Abd al-Fattah as-Sisi. Schon vor der WM hatte Hassan verkündet,
       der Erfolg beginne „an der Spitze der Pyramide“, und sein größter Wunsch
       sei, as-Sisi zu treffen. Nun erklärte er, as-Sisis Lob sei „eine Medaille
       auf meiner Brust“, habe „einen Zaubereffekt“ und der Diktator habe den
       Sport vorangebracht wie sonst keiner.
       
       Die Symbiose geht [3][laut Guardian] tiefer. So habe der ägyptische
       Sportminister Medien bedrängt, den Nationalteam-Staff nicht mehr zu
       kritisieren. Und Hassans Anwalt habe seither gegen kritische Stimmen
       Beschwerde vor der Zensurbehörde eingelegt. Die Fußballinfrastruktur sei
       systematisch vom Militär durchsetzt. Diese Partie erzählte viel:
       Unterdrückung und den Kampf gegen Unterdrückung an einem Abend in derselben
       Person.
       
       Fußball gespielt wird bald übrigens auch wieder, als Gegner wartet
       Argentinien. Für die Sechzehntelfinals hatte sich eine Rekordzahl von neun
       afrikanischen Startern qualifiziert. Kein anderer Kontinent brachte im
       Verhältnis so viele Teams durch. Doch nur Ägypten und Spitzenteam Marokko
       haben es durch die erste K.-o.-Runde geschafft. Einiges an Pech war dabei,
       mit einem haarscharfen Aus für Senegal und engen, großen Partien für Kongo
       und Kapverde. Es hätte anders laufen können. So aber muss die große
       tektonische Verschiebung warten.
       
       5 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Fussball-Weltmeisterschaft/!6183433
 (DIR) [2] https://www.aljazeera.com/sports/2026/7/3/gaza-sports-community-pledges-to-continue-legacy-of-killed-goalkeeper
 (DIR) [3] https://www.theguardian.com/football/2026/jul/03/egypt-world-cup-hossam-hassan-blurring-lines-football-politics-egypt
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Schwermer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Ägypten
 (DIR) Fifa
 (DIR) Sportpolitik
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball-WM
 (DIR) Fußball
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Fußball bewegt Palästina-Frage: Stimmen der Diaspora
       
       Auch wenn es in deutschen Medien sonst kaum vorkommt: Propalästinensische
       Proteste bewegen Fußballfans auch während der WM. Nicht nur dank Ägypten.
       
 (DIR) Messi im Viertelfinale: Erst Erleichterung, dann Schwärmerei
       
       In Atlanta will den Argentiniern, will Messi gegen Ägypten lange nichts
       gelingen. Doch dann erweisen sie sich als Mentalmonster. Wie viel geht da
       noch?
       
 (DIR) Palästina-Solidarität bei WM: Verschwiegene Proteste
       
       In den WM-Stadien ist die Palästina-Solidarität sehr präsent, in
       Deutschland wird darüber nicht berichtet. Das ist ein Armutszeugnis.
       
 (DIR) Fußball-Weltmeisterschaft: Es geht um mehr als nur die USA
       
       Der Hyperfokus auf den Hauptgastgeber im Vorfeld dieser WM ist unproduktiv.
       Wer von links wieder in die Offensive will, sollte Visionen zu bieten
       haben.
       
 (DIR) Nordamerika-WM 2026: Würden Sie wegen Trump auf Fußball verzichten?
       
       Es gibt gute Gründe, die WM wegen Trump zu boykottieren: ICE, Klimakollaps,
       Kriegsverbrechen. Ein Boykott wäre richtig, die Argumente sind jedoch
       falsch.