# taz.de -- AfD-Parteitag in Erfurt: Das Weidel-Lager regiert durch
> Bei ihrem Parteitag in Erfurt erlebt die AfD einen Triumphzug von Alice
> Weidel und öffnet sich weiter für Rechtsextremisten. Auch Höcke macht
> Punkte.
(IMG) Bild: Hat mittlerweile einen Wahlverein: Parteichefin Alice Weidel mit Parteifreund Tino Chrupalla
Federnden Schrittes schreitet Ulrich Siegmund durch das Foyer der Messe
Erfurt. Bevor er die große Parteitagshalle mit den 600 AfD-Delegierten
betritt, dreht er kurz ab. Er will eine wichtige Hand schütteln. Es ist die
des neurechten Ideologen Götz Kubitschek, der in Tweed-Jackett vor
Journalisten doziert, warum die AfD, wenn sie an der Macht wäre, gar nicht
so viel ändern könne. Und überhaupt sei die Aufregung über eine mögliche
AfD-Alleinregierung ja übertrieben.
Wie bestellt kommt Siegmund, der im Wahlkampf [1][als personifizierte
Verharmlosung] auftritt, grinsend ins Gespräch mit Kubitschek. Er begrüßt
ihn wie einen Freund, den er ein paar Tage nicht gesehen hat, klopft ihm
auf die Schulter und schüttelt ihm etwas überschwänglich die Hand. Während
Siegmund sich mit völkischen Parolen zurückhält, verlegt Kubitschek, selbst
nicht AfD-Mitglied, in seinem Verlag Antaios seit Jahr und Tag Anleitungen
für die rechte Revolution und Pamphlete zum Staatsumbau. Auch vertrieb er
dort das verfassungsfeindliche Remigrationskonzept des Rechtsextremisten
Martin Sellner. Man kennt und schätzt sich. Die demonstrierte Einigkeit
zieht sich durch diesen 17. Bundesparteitag wie ein roter Faden.
Im Vorfeld war klar, dass die Doppelspitze wiedergewählt wird. Mit Spannung
wurde erwartet, wer das bessere Ergebnis bekommt: Alice Weidel oder Tino
Chrupalla. Hinter den Kulissen belauerten sich deren beide Lager seit
Wochen. Die Antwort auf die Machtfrage gibt Weidel dann mit ihrer Rede am
Samstag.
Nach einem eher mauen Auftritt von Chrupalla, dessen Worte nach
Kalendersprüchen und KI-Bausteinen klingen, heizt Weidel die Menge ein: Sie
liest Bundeskanzler Friedrich Merz die Leviten nach dessen missglücktem
Social-Media-Lob für die Nationalmannschaft nach dem WM-Aus. „Der
Bundeskanzler lebt in seiner eigenen Realität!“, ruft Weidel. Als Vivaldi
der Regierungschefs kündige Merz alle vier Jahreszeiten Reformen an und
veranstalte dann nur Streichkonzerte. Gestrichen werde aber nicht die
„Massenmigration, stattdessen Attestpflicht am ersten Arbeitstag! Mehr kann
man seine Missachtung nicht ausdrücken!“, schimpft Weidel.
## Der Weidelwahlverein
Vor allem Rassismus bringt die Delegierten in Wallung: Weidel wolle
Sozialleistungen für Ausländer streichen – „Grenzen schließen, Straftäter
und Illegale haben innerhalb von Deutschland nichts mehr verloren“, ruft
sie. Die Delegierten stehen auf, johlen und applaudieren. Weidel bekommt
81,3 Prozent. Das sind über zehn Prozent mehr als Chrupalla, der bei 70,5
landet und sogar 168 Nein-Stimmen kassiert. Punktsieg für Weidel.
Hinter ihr steht das [2][Netzwerk um den Abgeordneten Sebastian
Münzenmaier], für das das Motto gilt: professionell, aber radikal. An
diesem Tag regieren sie regelrecht durch, eine vorher ausgekungelte Liste
wird fast im Stile einer „Altpartei“ durchgewählt. Fast könnte man den
Parteitag Weidelwahlverein nennen: Alle Kandidaten ihres Lagers gehen
letztlich durchs Ziel: Sven Trischler aus NRW, Dennis Hohloch aus
Brandenburg oder Alexander Jungbluth aus Rheinland-Pfalz.
Knapp wurde es nur einmal: Bei der Kampfkandidatur von Hannes Gnauck aus
Brandenburg, der Schatzmeister werden wollte. Gnauck sagt gerne mal, dass
„Deutschland größer als die BRD“ sei, und stellt sich hier als „echter
Preuße“ vor. Der amtierende Schatzmeister Carsten Hütter aus Sachsen wehrte
sich nach Kräften, hielt eine rührige Rede, in der er seine Verdienste für
die extrem rechte Partei auflistete, die unter anderem darin besteht, dass
er wohlhabende ältere Mitglieder um Erbschaften bittet. Hütter sagte:
„Hören Sie nicht auf diese Netzwerke und Einflüsterer, vertrauen sie auf
ihr Gefühl.“ Es half nichts: Nach zwei Pattsituationen im ersten und
zweiten Wahlgang, gewann schließlich Gnauck, wenn auch denkbar knapp.
Vor dem dritten Wahlgang hatten die Netzwerker um Münzenmaier ihre Truppen
nochmal eindringlich dazu aufgefordert, sich vom Bratwurststand an die
Stimmgeräte in der Halle zu bewegen, um für Gnauck zu stimmen. Am
Samstagabend steht Münzenmaier dann zufrieden mit einem Bier im Foyer. Er
stimmt seinem Mitstreiter zu, dass dies der bisher beste Parteitag für ihr
Netzwerk gewesen sei.
## Chrupalla hat ein Problem
Das Nachsehen hatten Altgediente: Kay Gottschalk unterlag in einer
Kampfkandidatur. Und auch Beatrix von Storch und Stephan Brandner kniffen
am Ende. Sie hatten kurz vor dem Parteitag noch mit Kandidaturen
geliebäugelt, wollten sich die absehbare Niederlage aber sparen. Gleiches
gilt für Peter Boehringer, ein Kandidat, den Tino Chrupalla unbedingt
wollte, der aber gar nicht erst antrat.
Ein Problem ist das vor allem für Chrupalla, dessen Zukunft in den Sternen
steht. Denn Weidel soll in zwei Jahren als Einzelspitze mit Generalsekretär
antreten – so jedenfalls planen es die Strippenzieher. Für Chrupalla ist in
dieser Konstellation kein Platz mehr. Als offenes Geheimnis gilt, dass er
deswegen mit einer Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl in Sachsen 2029
liebäugelt. Allerdings steht ihm in Sachsen dann der nächste komplizierte
Machtkampf bevor.
Ein deutlicher Gewinner hingegen heißt Björn Höcke: Er installierte nicht
nur seine rechte Hand, seinen langjährigen Co-Landeschef Stefan Möller, als
Vize-Parteichef, sondern bekam sogar noch einen Bonus: Die ebenfalls als
Höcke-Vertraute geltende Katrin Ebner-Steiner aus Bayern kandidierte
ebenfalls erfolgreich als Vize-Chefin.
Höcke selbst konnte, als Chef des gastgebenden Landesverbands, das Grußwort
zu Beginn des Parteitags sprechen, worauf natürlich eine Rede im üblichen
Höcke-Duktus folgte. Die AfD sei auf der Siegerstraße, die Verlierer
stünden da draußen, ruft er ins Mikrofon. Und meint die
Demonstrant*innen vor der Halle damit. Die seien „das Vorfeld der
Kartellparteien“, „systematisch mit Steuergeld aufgebaut“.
Ohnehin ist hier in der Halle der Spott darüber groß, dass die
Demonstrant*innen es nicht einmal geschafft hätten, so früh
aufzustehen, um den Parteitag erfolgreich zu blockieren. Viele Delegierte
sind bereits zwischen vier und fünf Uhr am Morgen angekommen, ein Teil von
ihnen hat bereits im Messehotel übernachtet. „Seelenverwundete“ nennt Höcke
die Demonstrant*innen, die nie die Möglichkeit gehabt hätten, ihre wahre
Identität als Deutsche zu finden. „Wir müssen einen Teil der Nation auf die
Couch legen und therapieren“, sagt Höcke. „Wir sind auch Psychologen.“ Auch
das noch.
Dass der Parteitag in Thüringen stattfindet, obwohl in anderen
Bundesländern die Landtagswahlen stattfinden, dürfte auch kein Zufall sein.
Vor genau 100 Jahren, am 4. Juli 1926 eröffnete die NSDAP ihren Parteitag
ebenfalls hier – nicht in Erfurt, aber im benachbarten Weimar.
Ein weiterer Höcke-Sieg war das [3][Aufweichen der Unvereinbarkeitsliste].
Der von ihm unterstützte Antrag kam zwar nicht auf die Tagesordnung, aber
Weidel räumte den Konflikt ab, indem sie den Antrag einfach übernahm: „Die
Antragssteller haben zugegebenermaßen einen Punkt“, sagte Weidel. Der
Bundesvorstand werde innerhalb eines Jahres die Unvereinbarkeitsliste
überarbeiten, versprach sie. „Ich wäre froh, wenn wir das da machen und
nicht auf dem Bundesparteitag diskutieren.“ Höcke kann damit leben, die
Antragssteller stimmten zu: Die Grenzen zum offenen Rechtsextremismus
dürften damit noch fließender werden.
## Subversive Blockflöten-Aktion
Nachdem die [4][Blockaden gegen den Parteitag ins Leere liefen], sorgte im
Saal immerhin noch eine subversive Aktion für Aufsehen: Während Höckes
rechte Hand, Stefan Möller, als Partei-Vizechef kandidiert, ertönt aus dem
Inneren der Halle plötzlich eine Melodie: der „[5][Imperial March]“ aus
Star Wars. Es ist die Melodie, die ertönt, wenn Darth Vader das Bild
betritt. Nur schief gespielt auf einer Blockflöte. Irgendjemand muss in der
Halle mehrere Bluetooth-Boxen versteckt haben.
Hektisch beginnen Security-Mitarbeiter mit Taschenlampen hinter den
schwarzen Vorhängen, die den oberen Teilen der Wände verkleiden, nach der
Quelle für die schrägen Töne zu suchen. Klingt nach dem Zentrum für
Politische Schönheit? Könnte wohl auch der Urheber sein: Es hat jedenfalls
ein Video von dem Vorfall gepostet und kommentiert: „Auf dem 100.
Reichsparteitag der NSDAP geistert Darth Vaders Titelmelodie durch die
Halle.“
Zum Blockflöten-Soundtrack gab sich Möller auf der Bühne alle Mühe, sich zu
verharmlosen. Gemeinsam mit Höcke steht er für Radikalisierung, aber auch
den „Thüringer Weg“ im Umgang mit dem Verfassungsschutz. Als dafür,
juristisch nicht gegen die Einstufung als „gesichert rechtsextrem“
vorzugehen, höchstens einzelne Aussagen rechtlich anzugreifen.
Im Bund läuft das bislang anders, und so soll es auch weitergehen: Neue
Vorstandsmitglieder müssten sich eingliedern, die AfD stehe ja für
Evolution, nicht Revolution, hatte Parteichef Chrupalla gleich in seiner
Begrüßungsrede gesagt. Er zielte damit ganz klar auf den Juristen Möller,
der künftig als neuer Justiziar genau dafür zuständig sein soll.
Möller behauptet in seiner Rede, dass er den „Thüringer Weg“ gar nicht
bundesweit erzwingen wolle und außerdem nicht mehr so radikal wie früher
sei: Er sei gar nicht mehr für „Alle müssen raus“ wie noch 2015 bis 2017.
Naja: Mit dem Rechtsextremisten Sellner kuschelt sein Landesverband dennoch
regelmäßig und planvoll. Die Netzwerker innerhalb der Partei unterstützen
ihn so oder so, seine Kandidatur ist langfristig abgesprochen. Höckes
rechte Hand wird mit 76 Prozent zum Vizechef gewählt. Dann ertönt wieder
der Blockflöten-Imperial-March.
## Zahn für Zahn zur Macht
Ins Gesamtbild passte dann auch, dass die völkisch dominierte
AfD-Jugendorganisation noch besser mit der Bundespartei verzahnt wurde.
Nach der Einstufung der Jungen Alternative als „gesichert rechtsextrem“
hatte diese sich auch aus Angst vor einem Vereinsverbot selbst aufgelöst
und wurde als Teil der Partei als „Generation Deutschland“ (GD) neu
gegründet – [6][mit einer Deradikalisierung ging das nicht einher, im
Gegenteil].
Der Chef der Jugendorganisation ist der eng mit der Identitären Bewegung
vernetzte Jean-Pascal Hohm, der am Samstag auch in den AfD-Bundesvorstand
gewählt wurde. Am Sonntag sorgte der Parteitag zusätzlich dafür, dass die
AfD-Jugend nun auch antragsberechtigt für den Bundesparteitag ist.
Ebenfalls soll die GD künftig im Bundeskonvent und in der
Bundesprogrammkommission sitzen.
Unterm Strich ließ sich festhalten: Je näher die AfD an Regierungsmacht
kommt, desto radikaler tritt diese Partei auf. Das macht am Ende auch
Siegmund noch einmal deutlich: Der schlug später noch seinen
Landesvorsitzenden Martin Reichardt als Beisitzer für den Bundesvorstand
vor und demonstrierte auch hier wieder Einigkeit.
Die [7][Welt hat kürzlich über ein Foto berichtet], das Reichardt offenbar
bei einem Hitlergruß zeigt. Der ehemalige Republikaner hatte sich mit der
erstaunlichen Erklärung herausgeredet: dass er angeblich einen Ritterschlag
erteilt habe. Nun schlägt Siegmund ihn als „edlen Ritter“ für den
Bundesvorstand vor. Zur Belohnung wird er mit 84,9 Prozent gewählt, dem bis
dahin besten Ergebnis.
4 Jul 2026
## LINKS
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(DIR) [4] /Proteste-gegen-AfD-Parteitag/!6193437
(DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=wUVj8sQVM78&t=13
(DIR) [6] /Gruendung-Generation-Deutschland/!6133527
(DIR) [7] https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a3a2d8d84d1ec4a45f997af/martin-reichardt-afd-landeschef-zeigte-hitlergruss.html
## AUTOREN
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