# taz.de -- Jurist über den AfD-Parteitag: „Wir stehen vor einem möglichen Wendepunkt“
> Bei den Protesten gegen den AfD-Parteitag in Erfurt trifft die taz
> Maximilian Steinbeis, Jurist und Gründer des Verfassungsblogs. Sind die
> Blockaden legitim?
(IMG) Bild: Eine Polizeikette steht an der Seite der Sitzblockade am Gothaer Platz
Zehntausende demonstrieren gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt.
Gegendemonstrant:innen haben am Samstagmorgen wie angekündigt die
Zufahrtswege zum Tagungszentrum auf der Erfurter Messe blockiert. Insgesamt
sind vier Blockaden mit jeweils bis zu 1.000 Teilnehmenden gelungen. Diese
waren zu Gegen- und Störaktionen mit 200 Reisebussen aus ganz Deutschland
nach Erfurt angereist.
Ein Demonstrationszug erreicht am Samstagmorgen unter großem Applaus den
Gothaer Platz, von wo aus die einzige Straße aus der Innenstadt heraus zum
Messegelände und dem AfD-Parteitag führt. Teile der Demo setzen sich.
Darunter auch ein Block prominenter deutscher Professor:innen und
Akademiker:innen, der aus der Aktionswoche [1][Wissenschaft gegen
Faschismus] hervorgegangen ist.
[2][Mehr als 450 Akademiker:innen] hatten sich vorab solidarisch mit
den Protesten erklärt. Die Philosophin Rahel Jaeggi ist hier, ebenso der
Jurist Max Steinbeis, der den „[3][Verfassungsblog]“ betreibt. Der taz
erklärt er mitten im Geschehen, warum er zivilen Ungehorsam gegen den
AfD-Parteitag für legitim hält.
taz: Herr Steinbeis, warum blockieren Sie gerade den Gothaer Platz, eine
der Zufahrtsstraßen zum AfD-Parteitag?
Maximilian Steinbeis: Weil wir als Gesellschaft jetzt seit 15 Jahren dabei
zuschauen, wie der autoritäre Populismus immer mehr Raum einnimmt. Wir
stehen vor einem möglichen Wendepunkt. Die AfD droht, bald Regierungsmacht
ausüben zu können. Das heißt, dass sie nicht nur die Gesetzgebung
bestimmen, sondern auch Polizei sowie leitende Positionen in Verwaltung und
Justiz besetzen können.
Da könnten sie ihre menschenfeindliche Gesinnung auf einem ganz anderen
Level umsetzen und den Staat umbauen. Das Gefährliche: Wir gewöhnen uns da
immer mehr dran. Auch im öffentlichen Diskurs gibt es diese Haltung: Wir
kriegen sie nicht verboten, also ist es eine normale Partei, die man normal
behandeln muss. Aber das ist nicht der Fall. Demokratien können innerhalb
kürzester Zeit in einen Strudel geraten, wenn man sich autoritären Akteuren
nicht in den Weg stellt.
taz: Vor den Protesten hieß es immer wieder, man könne den Parteitag einer
gewählten Partei doch nicht verhindern. Warum ist ziviler Ungehorsam gegen
die AfD legitim?
Steinbeis: Ziviler Ungehorsam ist eine notwendige Protestform in der
Demokratie. Es muss möglich bleiben, dass sich Protestierende nicht immer
vom Recht einschränken lassen. Man nimmt die Konsequenzen für den
Regelbruch ja in Kauf. Ziviler Ungehorsam hält Möglichkeiten gegen ein
autoritäres und repressives Recht offen. Darüber müssen wir streiten
können.
taz: Welche Bedrohung sehen sie im Falle eines Wahlsiegs der AfD in
Sachsen-Anhalt?
Steinbeis: Das wird unterschiedliche Leute ganz unterschiedlich treffen,
besonders muslimische Migrant:innen und sozial marginalisierte Menschen.
Die AfD macht keinen Hehl daraus, massenhaft Menschen deportierten zu
wollen. Wie viel sie davon umsetzen kann, hängt auch davon ab, wie viel
Widerstand es gibt.
taz: Der Rechtsruck ist ja größer als nur die AfD. Inwiefern ist der Fokus
auf die AfD trotzdem richtig?
Steinbeis: Wir sind hier, weil die AfD ihren Parteitag abhalten will. Aber
man sollte sich nicht auf die AfD beschränken. Schon jetzt ist das Recht ja
umgestaltet worden: Es gibt Pushbacks an der EU-Außengrenze und
Verhandlungen mit den Taliban, um Menschen nach Afghanistan abschieben zu
können. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mir das alles nicht vorstellen
können.
4 Jul 2026
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