# taz.de -- SPD-Außenpolitiker über Rüstung: „Warum dürfen Europäer mit Putin nicht über Atomwaffen reden?“
> Rolf Mützenich will, dass mehr über Rüstung debattiert wird. Mit der taz
> spricht der SPD-Politiker über Russland, die Nato und Gastgeschenke an
> Trump.
(IMG) Bild: Sinnvoller Einsatz: Die Bundeswehr bei der Gefechtsübung „Freedom Shield 2026“ in Litauen
taz: Herr Mützenich, Donald Trump will [1][keine Mittelstreckenraketen mehr
in Deutschland] stationieren. Das hatte der damalige Bundeskanzler Olaf
Scholz mit Joe Biden vereinbart. Sind Sie jetzt erleichtert?
Rolf Mützenich: Erleichtert bin ich nicht. Allerdings hätten diese Raketen
nicht zu einem zusätzlichen Schutz geführt, sondern das Sicherheitsdilemma
in Deutschland und Europa noch weiter verschärft. Die Nato verfügt in
Europa bereits über luft- und seegestützte Mittelstreckenwaffen in
ausreichender Zahl und Wirksamkeit. Außerdem hätte über den Einsatz dieser
US-Waffen nicht die Nato, sondern allein die US-Regierung entschieden.
Leider gibt es auch nach Trumps Entscheidung keine ernsthafte öffentliche
Debatte über Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle.
taz: Hat die deutsche Politik verstanden, dass sich das transatlantische
Verhältnis grundlegend verändert hat? Oder gibt es immer noch die Illusion,
dass Trump ein Unfall der Geschichte ist?
Mützenich: Ich glaube, dass man dies mittlerweile erkennt. Diese Erkenntnis
reift aber unter Schmerzen. Ich bezweifle, ob es nutzt, wenn sich
europäische Politiker vor dem Schreibtisch des US-Präsidenten in devoter
Haltung versammeln und Gastgeschenke überreichen. Es ist schon schwierig,
dass die postfaschistische Regierungschefin in Rom, Giorgia Meloni, in
manchen Situationen kritischer auftritt als andere europäische
Regierungschefs.
taz: Wir ahnen, wen Sie meinen. Hat die deutsche Politik das Disruptive bei
Trump unterschätzt?
Mützenich: Ja, man konnte das schon in der ersten Amtsperiode von Trump
erkennen. Ich habe ihn 2019 im Deutschen Bundestag als Egomanen und
Rassisten bezeichnet. Johann Wadephul, der heutige Außenminister, hat mir
damals Antiamerikanismus vorgeworfen. Ich glaube nicht, dass er diesen
Vorwurf heute wiederholen würde.
taz: Weil die USA sich zurückziehen, muss Europa sicherheitspolitisch
strategisch autonom werden. Teilen Sie diese Auffassung?
Mützenich: Wichtig ist, dass Europa sich bei der Rüstungsentwicklung besser
abstimmt. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass die USA sich
komplett aus dem europäischen Raum zurückziehen. Sie brauchen Europa als
strategische Basis für Afrika und den Nahen und Mittleren Osten. Etwas mehr
Verstand und weniger Aufgeregtheit in der Debatte wäre wünschenswert.
taz: Beim Nato-Gipfel in Istanbul wird es darum gehen, irgendwie Einigkeit
zu zeigen, etwa in der Unterstützung der Ukraine. Aber nicht um
Rüstungskontrolle oder Abrüstung. Ist das ein Fehler?
Mützenich: Ich glaube, ja.
taz: Gibt es denn Anzeichen, dass Russland zu Gesprächen darüber bereit
wäre?
Mützenich: Es gab Andeutungen, als sich Präsident Trump und Wladimir Putin
in Anchorage getroffen haben. Aber klare Signale gibt es nicht. Das heißt
aber nicht, dass die Nato dieses Thema beiseitelegen sollte. Der Westen
sollte zumindest prüfen, ob Ansätze zur Rüstungskontrolle möglich sind. Die
Nato entschied sich 1967 auf Anregung des belgischen Außenministers Pierre
Harmel für eine kluge Doppelstrategie: glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit
und gleichzeitig Gespräche über Abrüstung und Rüstungskontrolle zur
Vertrauensbildung.
taz: Sehen Sie denn eine einheitliche Position des Westens? In vielen
Fragen liegen die USA und Europa heute weit auseinander.
Mützenich: Der Westen war mehr Denkfigur als unumstößliche Realität.
Natürlich ist es besser, wenn Europa und die USA gegenüber Russland
gemeinsam handeln. Wo das derzeit nicht möglich ist, sollte Europa jedoch
auch eigenständig über Abrüstung und Rüstungskontrolle nachdenken.
taz: Und [2][wenn Russland ablehnt?]
Mützenich: Dann hat sich das erledigt, aber man hat es zumindest versucht.
Derzeit ist aber kein Entscheidungsträger in Deutschland bereit, überhaupt
nur über Abrüstung zu reden. Das ist ein Fehler. Auch Staats- und
Regierungschefs wie Helmut Schmidt, Olof Palme oder sogar Ronald Reagan
haben diese Möglichkeit nie außer Acht gelassen.
taz: Aber die damalige Sowjetunion ist anders als das heutige Russland, das
revanchistisch agiert. Dimitri Medwedjew droht mit dem Ende der
europäischen Zivilisation in einem Krieg gegen Russland. Sind Sie zu
optimistisch?
Mützenich: Ich bin kein Optimist, sondern Realist. Realistisch ist es,
alles zu versuchen, um Frieden dauerhaft stabiler zu machen.
taz: Russland führt Krieg gegen die Ukraine …
Mützenich: Natürlich leben wir nicht in Friedenszeiten. Russland führt
einen völkerrechtswidrigen Krieg in der Ukraine. Es gibt Kriege im Sudan,
Myanmar, in Gaza und dem Libanon. Mir geht es um Handlungsfähigkeit und
Gesprächsräume. Wer das hier fordert, wird allerdings sofort als
„Putinversteher“ bezeichnet.
taz: Verstehen Sie Putin?
Mützenich: Nein, ich verstehe den Mann nicht. Aber ich glaube, dass in
unfriedlichen Zeiten – und auch der Kalte Krieg war keineswegs friedlich –
immer wieder Wege geöffnet werden müssen, um Konflikte beherrschbar zu
halten. Trump und Putin reden über strategische Atomwaffen. Warum dürfen
wir Europäer mit Putin nicht über taktische Atomwaffen reden?
taz: Die Ukraine ist endlich wieder militärisch erfolgreich. Wäre es nicht
das falsche Zeichen, wenn wir mit Russland über Abrüstung reden?
Mützenich: Es ist nicht das erste Mal, dass die Ukraine russische Truppen
zurückdrängt. Putin scheint jedoch weiterhin ohne Rücksicht auf Verluste
entschlossen, den Krieg langfristig zu gewinnen. Trotzdem scheint es
unwahrscheinlich, dass der Krieg allein auf dem Schlachtfeld entschieden
wird.
taz: Die Bundeswehr baut eine Brigade in Litauen auf, um Russland
abzuschrecken. Halten Sie das für richtig?
Mützenich: Ja. Insbesondere der baltische Raum muss geschützt werden. Das
deutsche Engagement ist dabei wichtig. Es wäre nützlich, wenn Deutschland
den baltischen Staaten zudem mehr Mittel für defensive Maßnahmen
bereitstellt, um die Abhaltefähigkeiten in diesem Raum zu stärken.
taz: Litauen rüstet massiv mit bewaffneten Drohnen auf. Bei der Debatte
über bewaffnete Drohnen für die Bundeswehr 2020 waren Sie dagegen. Haben
Sie Ihre Haltung revidiert?
Mützenich: Manche behaupten, dass ich mich grundsätzlich gegen Drohnen
ausgesprochen hätte. Das stimmt nicht. Ich wollte, dass diese Waffen
völkerrechtskonform eingesetzt werden. Denn Demokratien müssen ein Vorbild
sein, wenn es um das humanitäre Kriegsvölkerrecht geht.
taz: Ist diese Debatte nicht von der Realität überholt? Bewaffnete
[3][Drohnen sind in den Kriegen in der Ukraine] und im Iran von zentraler
Bedeutung.
Mützenich: Leider. Dass heutzutage auch Drohnen mit KI und
Gesichtserkennung eingesetzt werden, zeigt, in welche Gefahr wir uns
begeben. Umso wichtiger bleibt die Behandlung im Rahmen der Vereinten
Nationen. Politische Entscheidungsträger, aber auch Kirchen und
Gewerkschaften sollten eine öffentliche Debatte über Regeln und Risiken
einfordern.
taz: Sehen Sie die Gefahr, dass Deutschland das Völkerrecht relativiert?
Mützenich: Ja. Bei der israelischen Kriegsführung in Gaza und der
Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro, die die Bundesregierung
als rechtlich komplex bewertete, spielte das Völkerrecht eine
untergeordnete Rolle. Das Gleiche gilt für die Aussage des Bundeskanzlers,
bei einem möglichen Deutschlandbesuch des israelischen Regierungschefs
Netanjahu den international gültigen Haftbefehl des Internationalen
Strafgerichtshofes zu ignorieren. Das sind drei Punkte, die zeigen, dass
das Völkerrecht in Deutschland offensichtlich nicht den Stellenwert
einnimmt, den es haben sollte. Das schadet Deutschlands globalem Ansehen.
taz: Ist Deutschland deshalb mit der [4][Bewerbung um einen Sitz im
UN-Sicherheitsrat] gescheitert?
Mützenich: Wahrscheinlich hat es mit dazu beigetragen. Aber es mag ein
Bündel an Gründen gegeben haben. Dass Deutschland massiv die Mittel für
Entwicklungshilfe und für humanitäre Hilfe kürzt und auf der anderen Seite
enorm viel Geld für Verteidigung ausgibt, war auch nicht hilfreich.
taz: Zum ersten Mal seit langer Zeit sind Kanzleramt und Auswärtiges Amt in
der Hand einer Partei, nämlich der CDU. Die SPD ist außenpolitisch nicht
repräsentiert. Fühlen Sie sich unwohl mit dieser Regierung?
Mützenich: Ich hätte mir gewünscht, dass die SPD, die eine lange Tradition
in der Außenpolitik hat, eine stärkere Rolle spielt. Dass wir das
Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit besetzen, ist gut. Aber als
starke sozialdemokratische Stimme in der Außenpolitik reicht es nicht aus.
Vor allem wenn Teile der Regierung der Meinung sind, dass Europa und
Deutschland die Sprache der Macht wieder lernen müssen.
taz: Die Rolle der Mahnerin gegen Aufrüstung und Militarisierung besetzt
nun die Linkspartei. Lässt die SPD das Thema liegen?
Mützenich: Die SPD war immer die Partei, die dazu beigetragen hat, eine
Balance zwischen den Ausgaben für Rüstung und für Entwicklungshilfe, für
humanitäre Hilfe und für wirtschaftliche Zusammenarbeit herzustellen. Das
müssen wir bewahren.
taz: Das ist eine Kritik am Finanzminister. Lars Klingbeil sorgt dafür,
dass der Verteidigungsetat wächst, im Entwicklungsministerium soll dagegen
weiter gekürzt werden.
Mützenich: Deswegen wäre es gut, wenn der Haushaltsgeber die Kraft haben
würde, das zu korrigieren. Bei den Koalitionsverhandlungen hatte ich
angeregt, den Etat für humanitäre Hilfe und wirtschaftliche Zusammenarbeit
ab einer gewissen Höhe von der Schuldenbremse auszunehmen, wie den
Verteidigungsetat. Das hätte uns gut zu Gesichte gestanden, aber leider war
das nicht gewünscht.
taz: Im Iran wird die Waffenruhe derzeit immer wieder gebrochen. [5][Geht
der Krieg immer weiter]?
Mützenich: Ich bin kein Wahrsager. Wir müssen jetzt abwarten, was in den 60
Tagen passiert, in denen die konkreten Bedingungen des Friedensabkommens
ausgehandelt werden. Wir sollten auch einen europäischen Beitrag anbieten.
taz: Was hat Europa anzubieten?
Die europäische Rolle bei der Aushandlung des leider von Trump gekündigten
Atomabkommens war sehr groß. Und genau diese Fähigkeiten sollten wir jetzt
wieder zur Verfügung stellen.
taz: Um ein neues Atomabkommen mit dem Iran zu erreichen?
Mützenich: Ich glaube zwar nicht, dass wir ein besseres Abkommen bekommen
als das mit aller schrecklichen Konsequenz gekündigte Abkommen. Aber eine
Vereinbarung, um die Situation zu stabilisieren, ist dringend notwendig.
6 Jul 2026
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