# taz.de -- Geschäftszeiten am Sonntag: Freizeit war gestern
> Die Zeit auf Erden mag begrenzt sein, die Arbeitszeit bitte nicht – so
> lautet das Evangelium des Kapitals.
(IMG) Bild: Shoppen am Sonntag. Warum nicht?
Ob Gott bei der Erschaffung der Welt eine 40-Stunden-Woche hatte, ist
aufgrund der damals nachlässigen Arbeitszeiterfassung nicht überliefert.
Ziemlich sicher wissen wir jedoch, dass er sich den Sonntag freigenommen
hat – eine wirtschaftsfeindliche Work-Life-Balance, die wir uns in einer
aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr leisten sollten, wie DIHK-Präsident
Peter Adrian verkündete. Dieser Prophet des Profits nannte [1][Deutschlands
Sonntagsruhe für Geschäfte] ein „Relikt der Vergangenheit“.
Erlös geht schließlich über Erlösung, lautet das Evangelium des Kapitals,
das auch der Kirchengänger Friedrich Merz fromm nachbetet. Unsere Zeit auf
Erden mag begrenzt sein, unsere Arbeitszeit bitte nicht! Das bremst das
Wachstum. Moment, nicht falsch verstehen! Das ist natürlich keine
blasphemische Kritik an Gottes Wirtschaftspolitik – seine in der Genesis
beschriebenen keynesianistischen Infrastrukturprojekte bescherten der
Weltwirtschaft schließlich ein bis dahin nie dagewesenes Wachstum.
Auf nur ansatzweise so fette Jahre musste die deutsche Wirtschaft bis zur
zweiten Industriellen Revolution Ende des neunzehnten Jahrhunderts warten,
als das Land seinen historisch höchsten Anteil an der
Weltwirtschaftsleistung erreichte. Leider wurde das große Potenzial der
fleißigen kaiserlichen Wirtschaftsnation Deutschland dann durch suboptimale
Außenpolitik geschwächt und von links-grün-versifften Wirtschaftsfeinden in
Ketten gelegt: 1918 der [2][Achtstundentag], 1919 die Sonntagsruhe.
Zwar wurden ab 1933 kurzzeitig, ähm, [3][flexiblere Arbeitszeitmodelle] mit
höheren Profitmargen ausprobiert, von denen die Großindustrie noch heute
zehrt. Aber seit Ende des Zweiten Weltkriegs herrscht bedauerlicherweise
lähmende Einigkeit über das Recht auf Freizeit. Das kann so nicht
weitergehen! Wir müssen uns auf alte Tugenden besinnen … nein, also nicht
die ganz alten – Gott mag, was seine Arbeitsstunden angeht, im Verborgenen
wirken, aber Sie sollten besser ein- und ausstempeln!
Und eine Lifestyle-Teilzeit wie Jesus, der seinen Tischlerberuf vor lauter
Denken und Predigen wohl maximal als Minijob ausübte, ist heute auch nicht
mehr zeitgemäß. Ab jetzt heißt es: Sonntagsdienst statt Gottesdienst!
Öffnet eure Läden, nicht eure Herzen! Vollzeit statt Freizeit!
Amen.
19 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Thomas Salter
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