# taz.de -- Andy Burnham, neuer Labour-Chef: Andy who?
> Vom Bürgermeister zum Regierungschef – Großbritannien bekommt einen neuen
> Premierminister. Wofür steht Andy Burnham?
(IMG) Bild: Manche nennen ihn das „rote Chamäleon“: Andy Burnham am 2. Juli in London
Dass in Großbritannien die Regierungspartei den Premier mitten in der
Legislaturperiode auswechselt, ist nichts Besonderes. Die Konservativen,
die das Land bis 2024 regierten, machten das gleich viermal. Aber wenn am
Montag, dem 20. Juli, Andy Burnham seinen Labour-Parteikollegen Keir
Starmer ablöst, ist das außergewöhnlich.
Noch nie hat in Großbritannien bei so einem Wechsel eine Person das
Spitzenamt übernommen, die nicht unter dem Vorgänger schon in der Regierung
gesessen hatte. Bei der Wahl 2024 kandidierte Andy Burnham noch nicht mal.
Für die sozialdemokratische Labour-Partei war er Bürgermeister des
Großraums Manchester. Die nationale Politik hatte er zwar schon früher
einmal bespielt, als Minister von 2005 bis 2010. Aber das ist lange her und
2017 hatte er auch seinen damaligen Parlamentssitz aufgegeben.
Erst vor vier Wochen kehrte Burnham zurück, bei einer Nachwahl zum
Unterhaus in der Labour-Hochburg Makerfield nahe Manchester – [1][ein
Heimspie]l, für das er seine Komfortzone nicht verlassen musste.
Das Unterhaus hat Burnham seitdem genau zweimal besucht: zur Vereidigung am
22. Juni und am vergangenen Dienstag, nachdem feststand, dass er ohne
Gegenkandidatur neuer Labour-Chef wird. Ein Sonderparteitag bestätigte ihn
in diesem Amt am Freitag. Premierminister wird er jetzt, sehr unüblich, in
der parlamentarischen Sommerpause. Er regiert bis Anfang September ohne
Kontrolle und Rechenschaftspflicht.
## Die Rolle von Keir Starmer
Seit [2][Starmers Rücktrittsankündigung] am 15. Juni hat Burnham keine
Pressekonferenz gegeben, kein politisches Positionspapier vorgelegt. Und
weil bei Labour niemand gegen ihn antritt, gibt es keine parteiinterne
Wahl, keinen Wahlkampf, keinen Wettstreit. Burnham muss keine Farbe
bekennen, keine Haltung zeigen, keiner Kritik entgegentreten, sich zu
nichts festlegen. Er schwebt einfach über den Dingen.
Um zu verstehen, wieso die britische Labour-Partei das macht, muss man sich
vergegenwärtigen, wieso sie Keir Starmer loswerden wollte. Der scheidende
Premierminister war eigentlich nicht für dieses Amt gedacht. Er übernahm
die Arbeiterpartei, als sie am Boden lag, nachdem der linke Parteichef
Jeremy Corbyn 2019 die Wahlen krachend verloren hatte. Damals ging
Großbritannien von mindestens zehn Jahren Vorherrschaft der
Brexit-befeuerten Konservativen unter Boris Johnson aus. Starmer sollte
Labour eigentlich bloß sanieren, damit die Partei irgendwann einen
überzeugenden Spitzenkandidaten hervorbringt; er sollte das nicht selbst
sein. Dass es so schnell anders kam, damit rechnete damals niemand.
Starmer als Parteisäuberer war ein Glücksfall. Starmer als Premierminister
war ein Betriebsunfall. Seine Sympathiewerte waren von Anfang an negativ.
Bizarre Personalentscheidungen, unter den Teppich gekehrte Zerwürfnisse und
ein hölzerner Kommunikationsstil erzeugten den Eindruck einer permanent
überforderten Regierung. Ein Sparprogramm folgte auf das nächste, eine
Enttäuschung jagte die andere.
Starmer versprach den Briten, die Dinge würden erst schlechter werden,
bevor sie besser würden. Den ersten Teil dieses Versprechens hat er
gehalten, zum zweiten Teil kommt er jetzt nicht mehr.
## Andy Burnham und die New-Labour-Ära
Das soll nun Andy Burnham richten. Ohne Gegenkandidatur ist der 56-Jährige
Parteichef geworden, 379 der 403 Labour-Abgeordneten im 650 Sitze zählenden
Unterhaus nominierten ihn. Burnham stehe für „Hoffnung“, sagten viele in
ihren Begründungsstatements. [3][Londons örtliche Labour-Chefin Dawn Butler
schrieb]: „Labour braucht einen Führer, der siegen UND inspirieren kann.
Andy bringt den Optimismus, die frische Energie und die mutige Führung, die
unser Land braucht.“ Denn Labour steht mit dem Rücken zur Wand, in den
Umfragen permanent um oder unter 20 Prozent – und in spätestens drei Jahren
sind Neuwahlen.
Auf Andy Burnham werden nun alle Hoffnungen projiziert. Er verbreitet
Optimismus, wo Starmer Schwere umgab, gibt sich zugänglich und locker, wo
Starmer verkrampft auftrat. Linke hoffen auf eine Linkswende, und mit
kritischen Worten zu den Finanzmärkten und zu Israel hat Burnham ihnen
Hoffnung gemacht. Die wichtigsten Linken an der Parteispitze wie
Vizeparteichefin Lucy Powell stehen ihm seit Langem nahe.
Burnham selbst ist aber kein Linker. In die Politik ging er direkt nach dem
Studium, während der New-Labour-Ära von Tony Blair, der ihn zum
Digitalminister machte, und Gordon Brown, der ihn zum Kultur- und
schließlich Gesundheitsminister beförderte. Als Labour 2010 die Wahl
verlor, griff Burnham nach der Parteispitze.
Als Statthalter eines gescheiterten Apparats verlor er aber gegen den vom
linken Flügel unterstützten Ed Miliband und fünf Jahre später auch gegen
den Ultralinken Jeremy Corbyn. Enttäuscht zog er sich aus dem Parlament
zurück und holte sich 2017 das neugeschaffene Amt des Bürgermeisters von
„Greater Manchester“. Das ist ein städtischer Großraum mit drei Millionen
Einwohnern, dessen übergeordnete Behörde weitreichende Kompetenzen etwa in
der Verkehrspolitik und im Gesundheitswesen hat.
## Selbstinszenierung als Außenseiter
In diesen Bereichen hat Burnham als pragmatischer, lokal verwurzelter und
ideologiefreier Macher überzeugt. Damit kann er als Gegenpol zum Ideologen
Jeremy Corbyn gelten, den er verachtete. Als Parteichef Corbyn
öffentlichkeitswirksam nach einem islamistischen Selbstmordanschlag in
Manchester und kurz vor den Wahlen 2017 in der Stadt auftreten wollte, ging
Bürgermeister Burnham lieber mit seiner Familie essen.
Am meisten überzeugt an Burnhams heutigem Auftreten, dass er immer wieder
betont, Großbritanniens Politik müsse ihre London-Fixierung beenden und
sich radikal dezentralisieren. Die Selbstinszenierung als Außenseiter, der
aus dem englischen Norden frischen Wind in die Hauptstadt trägt, blendet
freilich den Londoner Teil seiner Karriere aus.
An diesem ersten, Londoner Teil von Burnhams Wirken knüpft der rechte
Labour-Flügel an. Burnham ist für ihn das lang gesuchte Zugpferd, für das
Starmer eigentlich bloß den Weg bereiten sollte. Burnham soll nun den Faden
der Blair-Brown-Ära wieder aufnehmen und es diesmal besser machen, weniger
abgehoben als New Labour es war.
Diese Strategie ist vor allem das Werk des Thinktanks Labour Together, der
zu Beginn der Corbyn-Ära versprengte Reste von New Labour aufsammelte und
Starmers Machtübernahme organisierte. Morgan McSweeney, Direktor von Labour
Together ab 2017 und ehemaliger Mitarbeiter des diskreditierten
New-Labour-Strategen Peter Mandelson, wurde Starmers Kabinettsdirektor. Bis
er [4][sein Amt verlo]r, weil er Mandelson als Botschafter in den USA
empfohlen hatte. Josh Simons, Labour-Together-Direktor ab 2022, wurde
Starmers Digitalminister – bis er [5][sein Amt verlor], weil er
Journalisten bespitzeln ließ.
## Zwischen Projektion und Biografie
Beide Labour-Together-Größen unterstützen jetzt Burnham. Simons ebnete ihm
im Mai sogar direkt mit seinem Rücktritt als Parlamentsabgeordneter für
Makerfield den Weg an die Macht. Alison Phillips, die aktuelle Chefin von
Labour Together, das seit Kurzem Think Labour heißt, [6][ist Burnhams
Chefberaterin] zur Planung seiner Regierungsübernahme.
Der neue Chef steht beim rechten Parteiflügel in der Schuld, der linke
Flügel muss auf ihn seine Hoffnungen setzen. Diese Sollbruchstelle äußert
sich derzeit vorwiegend in persönlichen Rivalitäten. Politische Debatten
über Labours zukünftige Ausrichtung sind verstummt, seit klar ist, dass
niemand Burnham die Parteiführung streitig macht. Aber alle schielen auf
Macht und Einfluss in der nächsten Regierung. Niemand wagt sich dabei
politisch aus der Deckung, da niemand weiß, was Burnham will.
Ein Unbehagen darüber ist mittlerweile zu spüren – und auch Zweifel, ob
Burnham sich das alles nicht zu einfach macht. Die konservative
Ex-Premierministerin Theresa May, die einst unter ähnlichen Umständen wie
Keir Starmer ihr Amt an einen populären früheren Bürgermeister verlor,
brachte es vergangene Woche [7][auf einem Podium des Thinktanks Chatham
House] auf den Punkt: „Das Vereinigte Königreich zu regieren, ist etwas
anderes, als Manchester zu regieren. Und er muss sich angesichts seines
Hintergrundes sehr schnell in Sicherheits-, Verteidigungs- und Außenpolitik
einarbeiten.“
In diesen Bereichen zweifelt niemand Starmers Verdienste an. Als der
scheidende Premier am 15. Juli nach seiner letzten parlamentarischen
Fragestunde das Unterhaus verließ, wurde er mit stehenden Ovationen
verabschiedet. Manche fragen sich, wie lange es dauert, bis Großbritannien
diesen unscheinbaren, aber gewissenhaften Politiker vermisst – Attribute,
die man mit Burnham eher wenig in Verbindung bringt.
18 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wahlkampf-in-Grossbritannien/!6185806
(DIR) [2] /Ruecktritt-von-Grossbritanniens-Premier/!6189674
(DIR) [3] https://x.com/DawnButlerBrent/status/2075603066330423625
(DIR) [4] /Keir-Starmer-in-der-Krise/!6152408
(DIR) [5] /Epstein-Affaere-in-Grossbritannien/!6157567
(DIR) [6] https://x.com/ThinkLabour/status/2078068359719981174
(DIR) [7] https://x.com/ChathamHouse/status/2075233523020058646
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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