# taz.de -- Politischer Wechsel in London: Applaus für den „König des Nordens“
       
       > Großbritanniens glückloser Premier Keir Starmer hat den Rücktritt
       > angekündigt. Was Nachfolgefavorit Andy Burnham will, ist selbst seiner
       > Partei ein Rätsel.
       
 (IMG) Bild: Andy Burnham bei seiner Vereidigung als Abgeordneter am 22. Juni 2026
       
       Am Ende ging alles sehr schnell. Am 22. Juni um 9.30 Uhr kündigte Keir
       Starmer vor seinem Londoner Amtssitz seinen Rücktritt als Chef der
       regierenden Labour-Partei und damit auch als britischer Premierminister an.
       Um 10.54 Uhr bestieg Nachfolgefavorit Andy Burnham in Manchester den Zug
       nach London. Er traf um 13.30 Uhr ein und wurde eine Stunde später im
       Unterhaus als frisch gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Makerfield
       vereidigt, den er vier Tage vorher bei einer Nachwahl gewonnen hatte. Im
       Anschluss versammelte er die Labour-Parlamentsfraktion zum Gruppenfoto,
       ganz der neue Herr im Haus.
       
       In derselben Halle, wo vor knapp vier Jahren die Queen aufgebahrt war,
       jubelten jetzt Hunderte Labour-Politiker dem „König des Nordens“ zu, der
       strahlend sein Telefon zum Gruppenselfie in die Höhe hielt. „Wir wollen
       jemanden, der uns versteht“, sagte direkt im Anschluss Andy McDonald,
       Labour-Abgeordneter für Middlesbrough.
       
       Man könnte glatt vergessen, dass Burnham und Starmer in derselben Partei
       sind und dass vor nicht einmal zwei Jahren Keir Starmer mit dem
       Wahlkampfmotto „Veränderung“ eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit für
       Labour holte.
       
       Um zu verstehen, warum Starmer jetzt gegangen ist, muss man sich daran
       erinnern, warum er kam. Im Dezember 2019 erlitt Labour unter dem linken
       Parteichef [1][Jeremy Corbyn] die schwerste Wahlniederlage seit den
       1930er-Jahren, die Konservativen unter Boris Johnson erreichten einen
       Wahltriumph. Großbritannien richtete sich auf mindestens zehn Jahre
       Johnson-Hegemonie ein. Jemand aber musste die Scherben aufsammeln und
       Labour neu aufstellen – am besten jemand ohne Illusionen und ohne
       Ambitionen. Wer schien besser geeignet als Keir Starmer, Jurist ohne
       Charisma und ohne Ideologie, ein Verwalter und kein Politiker, der den
       Boden für Labours nächste Generation herrichtet.
       
       ## Keine Konkurrenz in Sicht
       
       Dann krachte Boris Johnsons Regierung zusammen, seine Nachfolger Liz Truss
       und Rishi Sunak konnten das sinkende Schiff nicht mehr retten und plötzlich
       war Labour an der Macht. Dass ihr Führer immer noch Keir Starmer hieß, war
       eine Art Betriebsunfall. Starmer kam nie richtig im Amt an. Bei
       öffentlichen Auftritten wirkt er unbeholfen, hinter den Kulissen agiert er
       undurchsichtig. Nun, verspätet, sucht sich Labour einen Chef, der der
       Aufgabe gewachsen scheint.
       
       Wird es nun also Andy Burnham, der sich, anders als Starmer, im Kreis
       anderer Menschen wohlzufühlen scheint? Am 17. Juli könnte der [2][bisherige
       Bürgermeister von Manchester] Premierminister des Vereinigten Königreiches
       werden. Konkurrenz um die Parteispitze ist möglich, aber nicht in Sicht.
       
       Was Burnham vorhat, darüber gibt es nur Spekulationen. Der in Liverpool
       geborene 56-Jährige tritt als Außenseiter an, der London aufmischt, aber er
       ist der ultimative Insider. Burnhams erster richtiger Job nach dem Studium
       in Cambridge war im Parlamentsbüro einer Labour-Abgeordneten, er saß unter
       Tony Blair und Gordon Brown schon in der Labour-Regierung. Erst danach ging
       er nach Manchester, erst unter Premier Starmer inszenierte er sich als
       linker Reformer.
       
       Es gibt nun zwei Narrative darüber, was eine Burnham-Regierung bedeutet.
       Eines lautet: Die Rache des linken Parteiflügels, den Keir Starmer als
       Parteichef ab 2020 gnadenlos bekämpfte und nach der Regierungsübernahme
       2024 weiter kleinhielt. Die Labour-Linken sind im Aufstand gegen Starmers
       Politik und sehen sich durch Labours jüngste Serie von Wahlniederlagen
       bestätigt. Jetzt unterstützen sie Burnham und sehen in seinem Sieg in
       Makerfield, der den negativen Labour-Trend brach, eine Bestätigung.
       
       ## Es könnte spannend werden
       
       Das zweite Narrativ lautet: Die Rache des rechten Parteiflügels der
       Veteranen der Ära Blair, die Keir Starmer mit an die Macht hievten und sich
       verraten sahen, als Starmer aufgrund der Affäre um Peter Mandelson Köpfe
       rollen ließ. Zu den Opfern zählte Josh Simons, einst Leiter des Thinktanks
       „Labour Together“, der 2024 maßgeblich Starmers Wahlsieg organisierte und
       aus dessen Kreisen Mandelsons Reaktivierung empfohlen wurde. Simons musste
       im Februar als Staatsminister für Digitalisierung gehen – im Mai trat er
       als Wahlkreisabgeordneter für Makerfield zurück und machte den Weg für
       Burnham frei.
       
       Wenn Labours Rechte davon ausgehen, dass sie Andy Burnham in der Tasche
       haben, und Labours Linke hoffen, dass sie jetzt die Politik bestimmen –
       dann wird es spannend. Am Montag, 22. Juni, bestieg Burnham in T-Shirt und
       Jeans den Zug in Manchester. Im Anzug stieg er in London wieder aus. Bald
       könnte er nackt dastehen.
       
       27 Jun 2026
       
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