# taz.de -- Gewalttat von Stade: Der Ort, der schützen sollte
> In einer Einrichtung sollten Fachkräfte mit Müttern arbeiten. Bei einem
> Gespräch erschoss ein Vater sechs von ihnen. Er lässt eine Stadt
> fassungslos zurück.
(IMG) Bild: Tatort in Stade, an dem sechs Mitarbeitende der Mutter-Kind-Einrichtung erschossen wurden
Es kommen einem die Tränen“, sagt Ilona Benold und sie stehen schon in
ihren Augen. Gerade eben ist die Staderin mit ihren beiden fast erwachsenen
Kindern aus dem Auto gestiegen, sie stellen Grablichter zu den anderen vor
die Gartenhecke. Es ist Donnerstagvormittag, alle paar Minuten kommen
Menschen vorbei, stehen schweigend vor dem verlassenen Klinkerhaus, in dem
bis Anfang dieser Woche noch eine Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht
war. Jetzt ist die Tür versiegelt. Die verwelkenden Rosen, Lilien und
Wildblumen, die dort liegen, lassen die Luft süß riechen. Sechs Menschen
wurden hier am Montag vom Vater eines dort untergebrachten Kindes mit
gezielten Schüssen getötet.
Es sei ihr egal, was über den Täter gesagt werde, sagt Benold, kurze rote
Haare, es gehe ihr vor allem darum, die Opfer und deren Angehörige zu
unterstützen. Dann erwähnt sie den Täter doch: „Das ist ein Mensch, der
seine kleine Tochter zurückhaben möchte und dafür andere Menschen tötet,
die auch Familien haben, die Kinder und Partner haben.“ Sie selbst habe
durch eines ihrer Kinder Erfahrung mit Jugendeinrichtungen gemacht, niemals
käme sie auf die Idee, diejenigen zu verletzten, die ihr und ihrem Kind
doch helfen wollten. Sie verstehe es nicht.
Die Einrichtung in der Dankersstraße mit dem Klettergerüst im Garten sollte
ein Ort sein, der Schutz und Sicherheit gibt. Elf Plätze gab es laut
Website insgesamt, außerdem eine Inobhutnahmegruppe für Kinder von null bis
sechs Jahren. Pädagog:innen unterstützten dort junge oder werdende
Mütter und ihre Kinder, voll- und teilbetreut. So auch die 34-jährige Frau
und ihr knapp vier Monate altes Baby aus dem 180 Kilometer entfernten
Garbsen. Wie man mittlerweile durch Staatsanwaltschaften und eine Klinik
weiß, kann auch der Start dieser jungen Familie, um die die Tat kreist,
nicht leicht gewesen sein.
So soll das Neugeborene Mitte April in eine Klinik in Hannover eingeliefert
worden sein, der Verdacht der Ärzte: Die Eltern sollen es möglicherweise
geschüttelt haben. [1][Für ein Baby ist das lebensbedrohlich]. Die Klinik
alarmierte daraufhin das Jugendamt, ein Verfahren gegen beide Eltern wegen
Misshandlung von Schutzbefohlenen wurde laut Klinikangaben eingeleitet. Das
Kind wurde in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Ein Amtsgericht entzog den
Eltern schließlich die Gesundheitssorge und ordnete später an, dass Mutter
und Kind nach Stade kommen sollen. Währenddessen lief ein sorgerechtliches
Verfahren.
## „Wir sind erschöpft“
Bei dem für Montag angesetzten Hilfeplangespräch sollten nun die
Mitarbeitenden des Jugendamts in Hannover und die der Einrichtung in Stade
mit den Eltern klären, wie es weitergeht. Auch der 45-jährige Vater war
eingeladen. Man wusste, dass er aggressiv werden kann, die
Staatsanwaltschaft Hannover führte gegen ihn bereits ein
Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Bedrohung von Ärzten im
Krankenhaus. Die Mitarbeitenden der Jugendeinrichtungen wollten deshalb
anscheinend in großer Zahl auftreten – spricht man mit
Sozialarbeiter:innen, sind sechs Personen ansonsten unüblich für ein
Hilfeplangespräch.
[2][Doch die Situation eskalierte und der Mann schoss]. Fünf Mitarbeitende,
vier Frauen und ein Mann, sterben noch vor Ort, ein weiterer Mitarbeiter
erliegt im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die 34-jährige Mutter und ihr
Kind bleiben physisch unverletzt, ebenso die anderen Mütter und Kinder in
der Einrichtung. Der Täter flieht in einem Auto, am Steuer sitzt die
65-jährige Patentante des Säuglings. Erst nach einer Verfolgungsjagd mit
der Polizei werden beide festgenommen, in den darauffolgenden Tagen sollte
immer mehr über sie bekannt werden.
„Schießerei in Stade mit mehreren Toten“, geht bei Jan Lohrengel am Montag
um 12.37 Uhr eine Meldung ein. Der evangelische Pastor im 20 Kilometer
entfernten Buxtehude hat an diesem Tag Dienst bei der Notfallseelsorge,
zusammen mit seinem Kollegen Pastor Andreas Hellmich koordinierte er den
Einsatz. „Wir haben sofort eine Großlage ausgerufen“, sagt Lohrengel. Kurze
Zeit später sind 18 Notfallseelsorger:innen aus dem Landkreis Stade
vor Ort, betreuen Ersthelfer:innen, Angehörige und die vielen Mütter mit
Kindern.
Für die Einsatzkräfte von Polizei und Rettungsdienst steht außerdem eine
spezielle Einheit mit traumapsychologischer Betreuung bereit, erklärt
Lohrengel am Telefon: „Insbesondere ihnen hat sich ein unglaubliches Bild
des Schreckens geboten.“ Nach dem Ende eines solchen Einsatzes sei wichtig,
möglichst schnell ins Gespräch zu gehen, um auf die nächsten Tage
vorbereitet zu sein: „Man hält sich manchmal für verrückt nach einem
solchen Ereignis, aber eigentlich ist das nur der Körper, der normal auf
Unnormales reagiert“, sagt der Pastor. In Sammelstellen für Angehörige und
bei der Begleitung von Ersthelfern und Rettungskräften haben er und seine
Kollegen unzählige seelsorgliche Gespräche geführt in den vergangenen
Tagen. „Wir sind erschöpft, das ist natürlich nicht spurlos an uns
vorübergegangen“, sagt der Pastor. Kurz ist es still.
## „Chronologie eines Alptraums“
Die Tat in Stade wird in den kommenden Tagen die Gespräche und Schlagzeilen
in ganz Deutschland dominieren. Der Informationsbedarf ist groß, und Medien
füttern ihn, im Stundentakt werden neue Details bekannt. So soll sich der
Täter, der die türkische Staatsbürgerschaft inne hat, auf die Tat
vorbereitet haben – nach Recherchen des NDR hat er seine Waffe, eine
Beretta 70, eine Woche zuvor in Berlin gekauft.
Und auch die Patentante rückt in den Fokus, sie hat in den Tagen vor der
Tat einen Brief an mehrere Medien versandt, der auch der taz vorliegt.
„Chronologie eines Alptraums“ nannte sie ihn und beschreibt den Ablauf und
aus ihrer Perspektive auch die Ungerechtigkeiten, die der 34-jährigen
Mutter, dem 45-jährigen Vater und ihrer kleinen Patentochter widerfahren
seien.
In Stade wird am Dienstag ein Trauergottesdienst in der Kirche St. Wilhadi
veranstaltet, am Mittwoch folgt ein weiterer in Hannover. Immer mehr wird
auch über die Opfer bekannt: Familien, die ein Elternteil verloren haben,
Eltern, die ihre erwachsenen Kinder verloren haben, Menschen, die alte
Kindheitsfreunde verloren haben. Unter den Opfern soll auch eine 32-jährige
Mutter gewesen sein, deren Partner erst im Juni verstorben war. Für ihre
hinterbliebenen Kinder, drei und vier Jahre alt, wurde mittlerweile eine
Spendenaktion ins Leben gerufen. Beim Gottesdienst mit über 700 Anwesenden
in Stade sind auch viele Menschen aus sozialen Berufen zugegen. Unter
ihnen, das merkt auch Pastor Lohrengel, ist die Verunsicherung besonders
hoch.
Wie können die, die Menschen schützen, [3][selbst besser geschützt werden]?
Die Diskussion entspinnt sich deutschlandweit: Insbesondere bei Sorgerecht
oder Kindeswohlgefährdung seien Mitarbeitende in Sozialeinrichtungen
erhöhten Risiken von verbaler und physischer Gewalt ausgesetzt, sagt Doreen
Siebernik, stellvertretende Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW. „Sie
erleben immer wieder Entgleisungen und Übergriffe, die tief in den
[4][Dynamiken von häuslicher Gewalt und patriarchalem Kontrollwahn]
verwurzelt sind.“ Schutzräume müssten materiell und personell so
ausgestattet sein, dass Sicherheitskonzepte flächendeckend angewandt werden
können, fordert Siebernik daher.
## Sie haben es nicht kommen sehen
Die Gewalt, das hört auch jeder, der in der 50.000-Einwohnerstadt Stade mit
Leuten spricht, die nimmt überall merkbar zu. „Das Aggressionspotenzial ist
sehr stark gestiegen“, sagt eine pensionierte Sozialarbeiterin, die als
ehrenamtliche Mitarbeiterin hinter der Theke eines Ladens des
Kinderschutzbundes steht, um sie herum alles voll mit Spielzeug und
Babyklamotten. „Diese Gewalt, die gab es so früher nicht“, sagt sie. Die
Gewalteskalation, die gesunkene Hemmschwelle, das Durchsetzen des eigenen
Anspruchs kommt fast in jedem Gespräch auf.
Manche verbinden die Gewaltbereitschaft des Täters mit seiner Herkunft,
sprechen von Clans, auch in Stade. Wenn man weiterfragt, treten aber auch
ganz andere Themen zutage: die leeren Innenstädte, das Geld, das nicht mehr
reicht, die schlechte Laune aller, die Schulen, die den Kindern nicht
gerecht werden. Die Sparmaßnahmen, die es noch mal schwieriger machen, die
Babyboomer, die in Rente gehen, die Rente selbst und die unterbesetzten
Stellen, die zurückbleiben. All das überlagert sich weiter in der Suche
nach Antworten, die niemand geben kann.
„Ich bin noch wie in Watte, ich kann noch gar nicht an mich heranlassen,
was da passiert ist“, sagt eine 55-Jährige. Sie sitzt am Pferdemarkt in der
Stader Alstadt auf einer schattigen Bank und schaut geradeaus vor sich hin,
während sie erzählt. Es ist ein Tag nach der Gedenkfeier. Sie arbeitet in
Stade im Kinder- und Jugendbereich und hatte selbst mit der
Mutter-Kind-Einrichtung zu tun. Von dem Baby mit dem mutmaßlichen
Schütteltrauma hatte sie sogar schon gehört, gesehen hatte sie es nicht.
Mit den anderen jungen Müttern aus dem Haus aber hätte sie gearbeitet, sagt
die Frau, die anonym bleiben will. Dort sei es darum gegangen, den Frauen
Handwerkszeug mitzugeben, darüber zu sprechen, wie sich ein Tag mit
kleinsten Kindern strukturieren lässt. Das sei auch nicht alles Bullerbü
gewesen, erzählt sie, es hätte ja auch Gründe gegeben, weshalb sie da
waren. „Aber die Einrichtung hat das gut hingekriegt.“
Oft habe sie sich in den vergangenen Tagen gefragt, ob man hätte verhindern
können, was passiert ist, „mit Sicherheitskontrollen, mit Polizisten, aber
dann denke ich, sie haben den Täter ja sogar eingeladen“. Und eben das sei
auch die Idee der Sozialen Arbeit – auf Menschen zugehen, ihnen Vertrauen
entgegenbringen. „Nur das, das haben sie einfach nicht kommen sehen.“
5 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Amelie Sittenauer
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