# taz.de -- Mediziner zu Schütteltrauma-Verdacht: „Der emotionale Druck ist enorm“
       
       > Haben Babys eine Hirnblutung, informieren Kliniken mitunter zu zügig die
       > Justiz, sagt Ekkehart Paditz. Dabei gebe es auch medizinische Ursachen.
       
 (IMG) Bild: Verdacht Schütteltrauma: Ärzt:innen in einer Notaufnahme müssen gut geschult sein
       
       taz: Herr Paditz, nicht erst seit der schrecklichen [1][Tat von Stade] ist
       das Schütteltrauma bei Babys ein Thema. Eltern berichten, sie sehen sich zu
       Unrecht beschuldigt, ihr Kind geschüttelt zu haben – weil bei ihrem Baby
       eine Hirnblutung entdeckt wurde, aber keine weiteren Anzeichen. Wie kommt
       so was zustande? 
       
       Ekkehart Paditz: Jeder Kinderarzt fühlt sich als Anwalt des Kindes und ist
       natürlich auch emotional bei der Sache. Und kommt ein kleiner Säugling in
       die Klinik, bei dem eine Blutung unter der harten Hirnhaut vorhanden ist,
       dann ist eine der möglichen Differenzialdiagnosen, es könnte [2][auch ein
       Schütteltrauma] sein.
       
       taz: Bei dem der kleine Kopf so geschüttelt wurde, dass es zu Verletzungen
       kam? 
       
       Paditz: Ja. Und für diese Diagnostik gibt es eine 359 Seiten umfassende
       [3][Leitlinie], die von der Bundesregierung gefördert wurde. Dafür haben
       sich viele medizinische Fachgesellschaften überlegt, was untersucht werden
       sollte, wenn der Verdacht auf ein Schütteltrauma besteht. Davon gibt es
       eine Kurzfassung mit einer einseitigen Checkliste. Dabei wird zum Beispiel
       in der Anamnese gefragt: Gibt es in der Familie eine Neigung zu blauen
       Flecken, die auf eine Gerinnungsstörung hindeuten? Dazu gehört auch ein
       Ganzkörperröntgen, ob Rippenfrakturen oder andere Knochenbrüche vorhanden
       sind. Man muss prüfen, ob eine Bindegewebsschwäche vorhanden ist, bei der
       die Gefäße schneller reißen. Gab es eine Infektion, die mit dazu beitrug?
       Aus dem Gesamtbild ergibt sich eine Wahrscheinlichkeitsaussage. Aber es
       gibt leider keinen spezifischen Test, mit dem man sagen kann: Das ist zu
       100 Prozent ein Schütteltrauma.
       
       taz: Es gibt keine gesicherte Diagnose? 
       
       Paditz: Ja. Das ist die Herausforderung. Deshalb handelte die
       Bundesregierung auch mit den Kostenträgern aus, dass es hier ein
       Sonderentgelt gibt. Die Kinderkliniken bekommen es bezahlt, wenn sie eine
       ausführliche Diagnostik nach Leitlinie durchführen. Und an der Stelle finde
       ich es bedauerlich, dass manchmal relativ zügig gesagt wird: Jetzt schalten
       wir Staatsanwaltschaft, Jugendhilfe, Rechtsmedizin und Polizei ein. Wenn
       ein Kind ohnehin in der Kinderklinik ist, ist ja die Wahrscheinlichkeit,
       dass sich dort jemand an ihm vergreift, relativ gering. Da könnte man es
       gut organisieren, dass die Diagnostik in Ruhe gemacht wird.
       
       taz: Sie erstellen auch Gutachten für Eltern. Wie stellen sich Ihnen die
       Fälle dar? 
       
       Paditz: Die Differenzialdiagnostik wird oft nicht erledigt. Das sind etwa
       10 bis 15 Merkmale entsprechend der oben genannten Checkliste. Zum Beispiel
       wird die Untersuchung der Gerinnung empfohlen. Dazu wird Blut abgenommen,
       die Zahl der Blutplättchen überprüft und dann wird gesagt, damit wäre eine
       Gerinnungsstörung ausgeschlossen. Das stimmt aber nicht. Denn es kann sein,
       dass die Blutplättchen in ihrer Funktion gestört sind. Derartige Störungen
       sind selten, aber das betroffene Kind hat sie zu 100 Prozent. Deshalb
       gehört zur Diagnose dazu, dass man auch eine Thrombozyten-Funktionsanalyse
       macht. Dies wird aber oft nicht untersucht.
       
       taz: Warum wird das nicht gemacht? 
       
       Paditz: Das ist eine hochspezialisierte Diagnostik, die nicht jede Klinik
       macht. Das kann man auch nicht verschicken. Da muss mit dem
       Gerinnungsspezialisten gesprochen werden. Da muss das Labor vorbereitet
       sein und dann muss die Blutprobe sofort in das spezialisierte Labor. Es
       gibt auch andere seltene Krankheitsbilder, die diese subduralen Hämatome
       erklären. Ich war lange in der Uni-Kinderklinik in Dresden. Nicht nur bei
       Schütteltrauma, generell bei unklaren Krankheitsbildern machten wir eine
       Liste, was alles abgeklärt werden muss, damit man seltene Dinge nicht
       übersieht.
       
       taz: Weiß man, wie oft das bei Schütteltrauma-Verdacht passiert? 
       
       Paditz: Strafrechtlich kommt es in 59 Prozent der Fälle zum Freispruch oder
       zur Einstellung des Verfahrens, das besagt eine rechtswissenschaftliche
       Studie aus dem Jahr 2020. Diese Fehlerquote deutet auf die Schwierigkeit
       der Diagnosefindung hin. Es ist schrecklich, dass es [4][diese Verletzung
       gibt]. Auch ich sah Kinder, die gestorben sind, und wo es ziemlich klar
       war, dass das ein Schütteltrauma war. Aber sicher ist es eigentlich bloß,
       wenn es einen glaubwürdigen Zeugen oder ein glaubhaftes Geständnis gibt.
       Mir sagte eine Kinderradiologin, das ist eine der schwierigsten Diagnosen,
       die sie überhaupt haben. Man sieht eine Blutung unter der harten Hirnhaut,
       vielleicht auch Blutungen in den Augengefäßen. Aber das ist nur die
       Beschreibung von zwei Befunden. Was die Ursache ist, das steht ja da nicht
       drauf.
       
       Und an der Stelle ist auch juristisch nicht ausreichend geklärt, ob eine
       Klinik beim Verdacht berechtigt ist, Staatsanwaltschaft, Jugendhilfe und
       Rechtsmedizin einzubeziehen. Oder ob man dies erst dann tun sollte, wenn
       man keine anderen Erklärungen findet.
       
       taz: In der Regel wird ja auch das Jugendamt aktiv. 
       
       Paditz: Ja, das ist ja der Punkt. Deshalb sage ich eben: Füße stillhalten,
       für die Sicherheit des Kindes in der Kinderklinik sorgen. Die Finanzierung
       ist gesichert über das Sonderentgelt, sodass es nicht nach zwei, drei oder
       vier Tagen wieder entlassen werden muss. So kann man mit den Eltern in Ruhe
       sprechen und einen vertrauensvollen Kontakt herstellen und noch nicht einen
       gewerteten Vorwurf vortragen, der möglicherweise noch nicht ausreichend
       begründet ist. Denn wenn diese Stellen informiert sind, sind diese [5][im
       Handlungszwang].
       
       taz: Wie viel Zeit vergeht, bis ein Gericht ein Elternteil freispricht? 
       
       Paditz: Das kann in Einzelfällen mehrere Jahre dauern. Manche Eltern nehmen
       psychologische Hilfe in Anspruch. Sie berichten von Belastungsstörung,
       Angst, Verfolgungswahn und Depressionen. Der emotionale Druck auf die
       Eltern ist enorm, wenn schon bei der ersten oder zweiten Begegnung relativ
       deutlich gesagt wird: Hier ist ein Schütteltrauma passiert, hier muss ein
       Täter gefunden werden. Eltern bringen ihr Kind aus Sorge in die Klinik, und
       dann dreht sich der Spieß um. Da könnte man ein bisschen länger abwarten
       und eine Partnerschaft mit den Eltern schließen und sagen: Oh, da ist etwas
       Schlimmes bei Ihrem Kind und wir wollen die Ursachen finden.
       
       11 Jul 2026
       
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