# taz.de -- Netzverschwörungen zu Stade: Suche nach dem verlorenen Verstand des Herrn X
       
       > Das rechtspopulistische Hetzportal „Nius“ und die sozialen Netzwerke
       > überschlagen sich mit irren Verschwörungserzählungen zum Fall Stade.
       
 (IMG) Bild: Nach der Gewalttat: Während Menschen in Stade trauern, treibt „Nius“ Verschwörungsideologien durch die Kleinstadt
       
       Der [1][Fall Stade, wo ein Mann sechs Sozialarbeiter*innen
       erschossen hat,] ist mir – aus verschiedenen, persönlichen Gründen – sehr
       nahe gegangen. So nah, dass ich am liebsten überhaupt nichts mehr darüber
       schreiben wollte und froh war, in den Urlaub entschwinden zu können. Leider
       [2][hat das rechtspopulistische Hetzportal „Nius“] nun dafür gesorgt, dass
       sich in Hannover eine bizarre Neuauflage der „Verlorenen Ehre der Katharina
       Blum“ abspielt.
       
       Ich verkneife es mir hier, ihren Namen oder irgendwelche Details auch nur
       in abgekürzter Form zu verwenden – die junge Frau hat mit ihrer Familie
       genug auszustehen, weil die Trolle natürlich nicht locker lassen, wenn sie
       einmal Beute wittern. Nur so viel: Sie trägt den gleichen Namen wie die
       Frau, die „Nius“ als „Mitbewohnerin“ des mutmaßlichen Täters von Stade
       tituliert. Sie wohnt halt bloß in einer anderen Umlandkommune. Aber mit
       solchen Details halten sich versierte Pseudo-Rechercheure natürlich nicht
       auf.
       
       Die Namensgleichheit reichte, um ihr Berufsleben unter die Lupe zu nehmen.
       Und siehe da: Auf wundersame Weise passte mal wieder alles – irgendwas mit
       türkischstämmig, irgendwas mit Migration, vielen Dank, das reicht schon.
       Schwups gehörte auch das Fluchtfahrzeug eigentlich ihr.
       
       Jetzt muss sie sich Sorgen um die Sicherheit ihrer kleinen Kinder machen
       und bekommt – wie übrigens auch ihr Arbeitgeber – Mord- und
       Vergewaltigungsdrohungen frei Haus. Beide haben juristische Schritte
       eingeleitet, aber abgesehen von einer halbgaren Korrektur auf dem Portal
       bringt das natürlich wenig.
       
       Überhaupt dieses Fluchtfahrzeug und sein Kennzeichen. Eine verblüffende
       Vielzahl von Verschwörungsmythen rankt sich darum. Seit zwei Wochen bekomme
       ich Mails zum Thema, sie bilden eine Art Liveticker zum Abstieg in den
       Kaninchenbau.
       
       Anfangs wurde ich nur dazu aufgefordert, doch endlich mal zu recherchieren,
       wie eine 65-jährige NGO-Aktivistin an so eine teure Zuhälterkarre kommt.
       Bestimmt von Steuergeldern bezahlt. Wobei nicht einmal klar ist, ob ihr der
       Wagen wirklich gehört, ihrem Arbeitgeber aber mit Sicherheit nicht.
       
       ## Alle stecken unter einer Decke
       
       Warum eine Bremerin mit einem Hannoverschen Kennzeichen durch die Gegend
       fährt, erschließt sich auch noch nicht so richtig. Vielleicht hat der
       mutmaßliche Täter das Auto an sie abgegeben, vielleicht auch nur geliehen,
       um nicht kontrolliert zu werden – man weiß es schlicht nicht. Der Prozess
       wird das klären.
       
       Aber natürlich passt das einfach zu schön in die Erzählung, die sich gerade
       aus der extremen Rechten in konservative Kreise ausbreitet: [3][NGOs sind
       samt und sonders des Teufels]. Vor allem, wenn sie sich mit Migration oder
       Diskriminierung befassen.
       
       ## Verschwörungsideologie treibt noch andere Blüten
       
       In diesem Fall treibt die Verschwörungsideologie aber noch ganz andere
       Blüten. Das Kennzeichen enthält die Buchstaben „KD“. Das, finden gleich
       mehrere E-Mail-Schreiber, sollte ich mir unbedingt näher ansehen. Ich habe
       ein Weilchen gerätselt, wofür das stehen soll: Kundendienst?
       Kriminaldirektor? Kills/Deaths in bestimmten Computerspielen, schlägt die
       Internetsuche vor.
       
       Aber nein, meinen die Schreiber, das steht für Deniz Kurku rückwärts. Der
       niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe hat doch
       eingeräumt, dass die Fluchtwagenfahrerin seine Schwiegermutter ist! Der
       hängt da mit drin! Und hat er nicht auch ein Empfehlungsschreiben für
       diesen betrügerischen [4][Integrationsverein auf dem Kronsberg] verfasst?
       Da sieht man es mal wieder: alle unter einer Decke!
       
       Ich warte jetzt eigentlich stündlich darauf, dass mir jemand erklärt, wie
       Belit Onay, Cem Özdemir und das Biontech-Gründerpaar da mit drin hängen.
       Und der ganze Deep State. Es gibt allerdings eine konkurrierende Theorie.
       „KD“ könnte auch für den Arbeitgeber der Frau stehen, die genauso heißt wie
       die Mitbewohnerin des Täters. Die hat zwar nichts damit zu tun, aber
       trotzdem …
       
       Ich habe auch noch eine eigene Theorie entwickelt: Wenn man die Quersumme
       der Ziffern in dem Kennzeichen mal zwei nimmt, kommt man nämlich auf 22.
       Und wenn man ein „F“ wie in „Fxxx xxx“ dazu stellt, kommt man auf den
       ICD-10-Code für anhaltende wahnhafte Störungen.
       
       17 Jul 2026
       
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