# taz.de -- Tote in Stade: Was wir aus Stade lernen sollten
       
       > Nein, das war keine Clankriminalität und auch kein Femizid. Stade lenkt
       > den Blick auf ein unterbelichtetes Problem: den Schutz von
       > Sozialarbeitenden.
       
 (IMG) Bild: Ein Forensiker arbeitet am Tatort: In Zukunft müssen Sozialarbeitende besser geschützt werden
       
       Man kann nach einer so [1][brutalen, erschütternden Gewalttat wie in Stade]
       den eigenen Reflexen bei der Arbeit zusehen. Dem geradezu übermächtigen
       Drang, möglichst schnell eine Erklärung, ein Muster, eine klare
       [2][Gut-böse-Zuordnung] zu finden, die ein solches Ereignis in die schon
       vorhandenen Weltbilder einfügt. Das ist menschlich, niemand kann sich davon
       freimachen. Trotzdem führt es nicht selten in die Irre. In diesem Fall
       vermuteten die einen schnell Clankriminalität (türkischstämmig!
       Mercedes-AMG-Fahrer!), die anderen schnell einen [3][Femizid] oder
       erweiterten Femizid. Durch die Ermittlungen schält sich nun immer mehr
       heraus: Der Hintergrund war ein [4][lang anhaltender Sorgerechtsstreit] –
       und zwar nicht zwischen den beiden Elternteilen, sondern den Eltern und dem
       Jugendamt.
       
       Diesen hat die Patentante des drei Monate alten Babys und mutmaßliche
       Fluchtwagenfahrerin schon Tage vor der Tat in einer langen E-Mail an
       verschiedene Medien geschildert. Demnach hatte das Jugendamt das Kind aus
       der Familie genommen, weil bei einer Notfallbehandlung in der Medizinischen
       Hochschule Hannover (MHH) der Verdacht aufgekommen war, das Baby könnte
       geschüttelt worden sein. Wobei nicht klar ist, von wem: Es könnten der
       Vater, die Mutter oder auch andere Kontaktpersonen gewesen sein. Die
       Familie leugnet das, spricht von einem unglücklichen Zusammenstoß, einem
       Unfall. Sie opponiert gegen eine Notoperation, genauso gegen die
       Inobhutnahme. Mitarbeitende der Medizinischen Hochschule zeigten nicht nur
       die mutmaßliche Kindesmisshandlung an – sondern auch den Vater, von dem sie
       sich bedroht fühlten.
       
       Die Mitarbeiter*innen in der Mutter-Kind-Einrichtung in Stade und im
       zuständigen Jugendamt der Region Hannover haben also geahnt, dass dieses
       Hilfeplangespräch eskalieren könnte. Das lässt sich auch am Personaleinsatz
       ablesen. Wer je mit diesem Bereich zu tun hatte, weiß: Man sitzt da
       normalerweise nicht mit sechs Personen am Tisch und noch seltener mit
       gleich zwei Männern. Der Bereich ist chronisch überlastet, leidet unter
       Personalmangel, die überwiegende Anzahl der Mitarbeitenden ist weiblich.
       
       Aber sie haben vermutlich nicht damit gerechnet, dass der Vater, der nun
       wegen des begründeten Verdachts eines sechsfachen Mordes in
       Untersuchungshaft sitzt, eine Waffe mitbringt. Das ist nicht so unlogisch,
       wie es scheint: Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Hannover bezog sich
       auch die Anzeige aus der MHH zunächst einmal „nur“ auf verbale Bedrohungen,
       nicht auf einen tätlichen Angriff oder eine Körperverletzung. Zudem ist
       Waffenbesitz in Deutschland eben nicht so häufig wie in den USA.
       
       Trotzdem lenkt dieses Geschehen den Blick auf ein Themenfeld, in dem es
       tatsächlich einen hohen Verbesserungsbedarf gibt: den Schutz von
       Sozialarbeitenden. Der läuft – trotz großer Debatten um häufiger werdende
       Angriffe auf Beschäftigte des öffentlichen Dienstes – chronisch unter dem
       Radar. Es gibt kaum Forschungsliteratur und so gut wie keine Statistiken,
       kaum Schutzkonzepte und Handlungsleitfäden. Das hat vielleicht auch etwas
       damit zu tun, dass Sozialarbeitende oft besser darin sind, Gewalt zu
       erklären als darauf zu reagieren. Oder damit, dass ihr Fokus auf den
       Klienten liegt und weniger beim Selbstschutz. Mancher mag auch aggressive
       Eskalationen als pädagogisches Versagen empfinden.
       
       Man sollte auch sehr vorsichtig sein, an dieser Stelle nicht das Kind mit
       dem Bade auszuschütten. Im politischen Raum und auf der Führungsebene
       könnte die Versuchung entstehen, auf plakative Maßnahmen zu setzen, die
       zwar ein sichtbares Zeichen setzen, aber mehr schaden als nutzen:
       Sicherheitsdienste und Metalldetektoren in Bezirks- und Bürgerämtern,
       Jugend- und Wohneinrichtungen Schutzbefohlener. So etwas hat man ja an
       Schulen schon gesehen. Wirksam waren die Maßnahmen nicht unbedingt.
       
       ## Supervision, die den Namen verdient
       
       Was es aber tatsächlich braucht, glänzt weniger und kostet Arbeit und Zeit:
       beispielsweise Leitlinien zur Gefährdungsabschätzung – so wie sie es für
       den Bereich häuslicher und Partnerschaftsgewalt bereits gibt. Eine
       Supervision, die den Namen verdient, Eskalationsspiralen frühzeitig
       durchbricht und Verhärtungen verhindert. Schutzkonzepte und konkrete
       Verhaltenshinweise für den Ernstfall – Notfallknöpfe, Fluchtwege, klug
       eingerichtete Begegnungsräume. Das heißt nicht, dass solche Maßnahmen eine
       Katastrophe wie in Stade sicher verhindert hätten. Eine hundertprozentige
       Sicherheit gibt es nie. Aber schon die Existenz eines Plans A, B und C kann
       eine Situation grundsätzlich verändern. Weil sie auch das Auftreten der
       handelnden Personen verändert.
       
       Wenn sich in diesem Bereich nicht in naher Zukunft etwas ändert, riskiert
       man, noch mehr Mitarbeitende zu verlieren – unter dem Eindruck von so
       singulären Ereignissen wie in Stade, aber auch, weil die zahllosen,
       alltäglichen Attacken unbeantwortet und unbearbeitet bleiben. Wenn das
       passiert, verschärft sich erst recht etwas, was hier mit ziemlicher
       Sicherheit auch eine Rolle gespielt hat: das Feindbild Jugendamt, das von
       manchen nur noch als überlastete, kalte, fahrig oder willkürlich agierende
       Institution wahrgenommen wird. Was wiederum in einem krassen Gegensatz zum
       Selbstbild der Mitarbeitenden steht, die diesen Job ja irgendwann einmal
       angetreten haben, weil sie helfen wollen.
       
       Das gilt bestimmt auch für die Menschen, die in Stade ihr Leben gelassen
       haben. Weil sie ihren Job gemacht haben. Nichts kann das ungeschehen
       machen. Aber für die, die zurückbleiben und irgendwie weitermachen müssen,
       wäre es vielleicht ein kleiner Trost, wenn man daraus wenigstens irgendwas
       gelernt hätte.
       
       1 Jul 2026
       
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