# taz.de -- DFB-Elf muss Heimreise antreten: Dämlicher deutscher Hochmut
> Die Nationalmannschaft wird überschätzt. Bundestrainer Julian Nagelsmann
> hat einen großen Anteil daran. Schuld ist ein verhängnisvoller Satz.
(IMG) Bild: Geknickt: So weltmeisterlich, wie eigentlich angedacht, hat das deutsche Team dann doch nicht gespielt
Zu den berühmtesten Sätzen, auf die man im deutschen Fußball liebend gern
verzichtet hätte, zählt gewiss der Ausspruch von Franz Beckenbauer nach dem
Gewinn der Weltmeisterschaft 1990: „Es tut mir leid für den Rest der Welt,
aber wir werden auf Jahre hinaus unschlagbar sein.“ Dämlicher deutscher
Hochmut, der den nachfolgenden Fußballgenerationen noch lange auf die Füße
fallen sollte.
Von mindestens ähnlich arroganter Dürftigkeit [1][ist dieser Satz von
Julian Nagelsmann] vor zwei Jahren gewesen, der das deutsche Team seither
gnadenlos verfolgt hat – bis ins Elfmeterschießen am Montag in Boston gegen
Paraguay. Anders als Beckenbauer genügte aber Nagelsmann schon ein aus
seiner Sicht glanzvolles Ausscheiden im EM-Viertelfinale gegen Spanien, um
die Deutschen als WM-Favorit ins Spiel zu bringen. Es tue weh, erklärte er
wenige Minuten nach Schlusspfiff, „dass man zwei Jahre warten muss, bis man
Weltmeister wird“.
In der Euphorie eines guten Spiels gegen einen guten Gegner vor eigenem
Publikum in Stuttgart waren Nagelsmann nicht nur die miserablen Auftritte
der DFB-Elf bei der WM in Russland 2018 und Katar 2022 nicht mehr
erinnerlich, auch die gar nicht mal so überzeugenden Partien gegen
Mittelklasseteams wie Ungarn (2:0) oder die Schweiz (1:1) störten das
prächtige Selbstbild nicht.
Darin liegt die Tragik von Nagelsmanns Satz. Das Problem der
Selbstüberschätzung im Elitekreis des DFB war noch nicht einmal richtig
aufgearbeitet, da setzte er schon wieder die nächste Marke. Und das strahlt
auf das gesamte Umfeld aus.
## „Sonst habe ich zwei Jahre wieder Stress“
Die Rezeption von Länderspielen wird immer sprunghafter. Ein 7:1 gegen
Curaçao machte die DFB-Elf fast schon zum Weltmeister. Nach der
Vorrundenniederlage gegen Ecuador korrigierten Neueinschätzungen das Team
eher auf Fußballzwergengröße herab.
Zumindest schwieg der Bundestrainer am Montag, als ihm schon wieder das
nächste Stöckchen hingehalten wurde. Berti Vogts, erinnerte
Magenta-Moderator Johannes B. Kerner, habe ja nach dem WM-Scheitern in den
USA den EM-Titel geholt. Nagelsmann wollte nichts dazu sagen, „sonst habe
ich zwei Jahre wieder Stress“.
Nun, den Stress hatte vor allem sein Team, das sich in einem Klima
überdimensionierter Erwartungen zurechtfinden musste. Bereits die
Niederlage in der WM-Qualifikation in der Slowakei rief in Deutschland
unter Fußballfans eine dystopische Stimmung hervor, die nach dem 6:0 im
Rückspiel wieder wie weggeblasen war. So unbeständig wie die Gefühlslagen
sind zudem etliche Entscheidungen, die Julian Nagelsmann in den vergangenen
Wochen und Monaten getroffen und wieder verworfen hat.
Besonders bemerkenswert war die Volte gegen Paraguay. Lange hatte der
Bundestrainer immer wieder genervt erklärt, [2][warum Deniz Undav] dem Team
als Joker mehr helfen würde als in der Startelf und weshalb Joshua Kimmich
in dieser Elf auf der Außenverteidigerposition mehr zum Erfolg beitragen
kann als im defensiven Mittelfeld. Man kann das auch anders sehen, aber die
Gründe von Nagelsmann waren ebenfalls nachvollziehbar.
Im Sechzehntelfinale setzte er dann doch auf Undav in der Startelf und
erbrachte ungewollt den Beweis, dass dies tatsächlich nicht die beste Idee
war. Sportdirektor Rudi Völler rechtfertigte vor Anpfiff den Wechsel: „Die
Nation wollte es schon lange.“ Das Ansehen von Nagelsmann als Bundestrainer
kann diese Bemerkung nicht stützen.
Und als die Verzweiflung dann während der Partie Überhand nahm, beorderte
dieser noch Kimmich ins defensive Mittelfeld, obwohl er zuvor versichert
hatte, das sei für dieses Spiel keine Option.
Vor der WM hatte er über zwei Jahre Oliver Baumann als Nachfolger von
Manuel Neuer immer wieder den Rücken gestärkt, um ihm kurz davor
mitzuteilen, dass er doch [3][lieber auf den 40-jährigen FC
Bayern-Torhüter] setzen würde. Dessen einschüchternde Aura auf den Gegner
wurde groß- und seine Verletzungsanfälligkeit kleingeredet. Vom Turnier
wird ein Torhüter Neuer in Erinnerung bleiben, der sich kaum auszeichnen
konnte und wenn es doch möglich gewesen wäre, dies dann nicht tat.
Und einen deutschen Bundestrainer, der im Vorfeld einer Weltmeisterschaft
seinem formstärksten Stürmer (Undav) auch nach einem Treffer seine
schlechte Leistung in der Phase davor vorhielt, das hat es so auch noch
nicht gegeben.
## Ein weiteres Zeichen der Selbstüberschätzung?
Unverständlich ist vielen zudem geblieben, warum Nagelsmann die WM-Partie
gegen Ecuador als gute Gelegenheit deklarierte, damit sich seine Stammelf
besser einspielen könne und just zu dem Zeitpunkt, als die entscheidenden
Minuten anbrachen, alle möglichen Ergänzungsspieler ohne wirkliche
Einsatzperspektiven mit Spielzeit beschenkte. Auch das kann als ein Zeichen
der Selbstüberschätzung verstanden werden.
Völlig rat- und hilflos wirkte Julian Nagelsmann ob des frühen Scheiterns:
„Ich bin sehr enttäuscht, weil ich das Gefühl habe, dass wir eine sehr
homogene Mannschaft haben, die Eindrücke aus dem Training waren immer gut.“
30 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Johannes Kopp
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