# taz.de -- Nach dem frühen WM-Aus der Türkei: Paraguay, ich küsse eure Hände
> Die Türkei ist bei der WM früh gescheitert – an Paraguay. Den Deutschen
> ist es auch nicht besser ergangen. Eine Liebeserklärung an
> Fußballverhinderer.
(IMG) Bild: Duell: Fußballverhinderer Matías Galarza gegen Fußballspieler Michael Olise
Die Weltmeisterschaft war [1][für die Türkei ein einziges Desaster]. Der
20. Juni fühlt sich inzwischen an, als läge er Jahre zurück: Als die ganze
Stadt noch schlief, verlor die Türkei 0:1 gegen Paraguay und schied als
zweites Team nach Haiti aus.
In der Türkei dürfte die Enttäuschung inzwischen längst vom gewohnt
turbulenten Nachrichtenzyklus verschluckt worden sein: etwa vom Nato-Gipfel
oder vielmehr den Festnahmen, die ihm vorausgingen. Für mich war das
Ausscheiden etwas komplizierter.
Nach dem Aus der Türkei lief ich – auch wegen der schlaflosen Nacht – einen
halben Tag lang mit einem Loch in der Brust herum. Bis mir etwas einfiel:
Ich bin ja inzwischen auch deutscher Staatsbürger. Warum versuche ich
ausnahmsweise nicht Deutschland zu unterstützen? Doch dann scheiterte auch
Deutschland am selben Gegner. Was für ein Glück!
Gegen die Türkei spielte Paraguay nach einer roten Karte eine ganze
Halbzeit lang in Unterzahl. [2][Dem Präsidenten Paraguays fehlte der nötige
Einfluss], um mit Fifa-Präsident Gianni Infantino zu verhandeln, ob die
Sperrung aufgehoben werden könnte. Gegen Deutschland ließen sie kaum eine
echte Torchance zu und wurden zur ersten Mannschaft seit einem halben
Jahrhundert, die die Deutschen in einem Elfmeterschießen bezwang. Für Fans
könnte folgendes türkisches Sprichwort gelten: Die Hand, die man nicht
biegen kann, muss man küssen.
## Bloß nicht der letzte Loser sein
Zufälligerweise bin ich im Viertelfinale zwischen Paraguay und Frankreich
in einer Bar in einer Kleinstadt in der Bretagne. Nicht eine französische
Flagge ist zu sehen, und das Spiel scheint hier niemanden allzu sehr zu
interessieren. Vielleicht war man sich einfach sicher, dass Frankreich
Paraguay ohne größere Mühe schlagen würde. Dabei ist Paraguay alles andere
als leicht besiegbar.
Allen Widrigkeiten zum Trotz bin ich, während alle anderen zu Frankreich
halten, insgeheim für Paraguay. Das ist gar kein ungewöhnliches Gefühl.
Manchmal möchte man einfach sehen, wie ein Team, das die eigene Mannschaft
rausgeworfen hat, komplett auseinandergenommen wird. Und in anderen
Momenten wünscht man sich, dass derselbe Gegner möglichst weit kommt –
einfach damit man sich weniger wie der größte Loser fühlt. Am Ende scheidet
Paraguay aber aus. Doch Frankreich braucht einen Elfmeter in der 70.
Minute, um überhaupt den Weg zum Tor zu finden.
Nach dem Spiel überschlugen sich die TV-Experten. Paraguay habe mit seinen
„dark arts“ den Fußball zerstört, ihre Vorstellung sei eine Schande
gewesen. Der frühere französische Stürmer Thierry Henry, bringt diese
Haltung mit einem Satz auf den Punkt: „Am Ende hat der Fußball gewonnen.“
War das, was Paraguay zeigte, kein Fußball?
Paraguays einzige realistische Chance bestand darin, dem Spiel jeden
Rhythmus zu nehmen. Die Türkei im EM-Achtelfinale 2024 gegen Österreich in
den letzten 30 Minuten hat doch eine ähnliche Spielweise gezeigt. Oder
Galatasaray in der letzten Saison in der Champions League gegen Liverpool.
Klar, man kann einzelne Aktionen rauspicken und zeigen, wie hässlich das
alles ist.
Schwalben, minutenlanges Liegenbleiben, Fouls abseits des Balles, sogar das
Bearbeiten des Elfmeterpunkts. Seit wann ist der Außenseiter verpflichtet,
den Favoriten – das mit 1,5 Milliarden Dollar teuerste Team aller Zeiten –
mit schönem Fußball zu besiegen? Paraguay hat verloren, und trotzdem so
viel Hass. [3][Am Ende bleibt mir nur Respekt]. Paraguay, ich küsse eure
Hände.
6 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ali Çelikkan
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