# taz.de -- Seuchenschutz gefährdet Schweinehof: Kein Zuhause mehr für glückliche Schweine?
       
       > Die Nutztierarche Swiensgaarn im niedersächsischen Alfeld kämpft mit
       > Auflagen des Veterinäramtes. Die Besitzer sind kurz davor, aufzugeben.
       > Ein Besuch.
       
 (IMG) Bild: Ferkel des dänischen Protestschweins. Sie könnten im Swiensgaarn gut leben, nur nicht nach an Großbetrieben orientierten Regeln
       
       Wenn man die Ferkel mit fliegenden Ohren neben Heike Haubrok durch die
       Stallgasse nach draußen traben sieht, wähnt man sich für einen Moment in
       [1][einem längst ausgestorbenen Bauernhofidyll]. Hier hätte auch der Film
       „Ein Schweinchen namens Babe“ gedreht werden können.
       
       Allerdings unterscheiden sich Haubrocks Ferkelchen auf ihrem Hof in Limmer
       bei Alfeld in Niedersachsen optisch ein wenig vom rundum rosigen
       Filmschweinchen. Sie sind in unterschiedlichen Ausprägungen rot-braun
       gefärbt und nur in der Mitte, auf Höhe der Schultern rosa. Sie gehören
       einer alten Haustierrasse an, die schon einmal ausgestorben war und erst in
       den 1980er Jahren durch Rückkreuzungen und Neuzüchtungen wieder hergestellt
       werden konnte: dem rot-bunten Husumer, die zu den Sattlerschweinen gehören
       und auch auf den grundsympathischen Namen „Dänisches Protestschwein“ hören.
       
       Gezüchtet wurden sie bevorzugt von der dänischen Minderheit in Schleswig,
       denen Ende des 19. Jahrhunderts das Hissen ihrer Flagge verboten wurde. Aus
       Protest hielten sie dann eben Schweine, deren Zeichnung an den rot-weißen
       Danebrog erinnerte.
       
       Es sind Weideschweine, robust, langlebig und genügsam – die erwachsenen
       Eber entwickeln eine so lange, borstige Behaarung, dass man ihnen die
       Abstammung vom Wildschwein deutlich ansieht. Das, sagt Heike Haubrok, sei
       auch einer der Gründe gewesen, warum sie sich in diese Tiere verliebt habe.
       Als Jägerin habe sie Wildschweine immer faszinierend gefunden: Ihre
       Intelligenz, ihr komplexes Sozialverhalten in der Rotte.
       
       ## Der Erhalt alter Haustierrassen ist wichtig
       
       Seit fast zwanzig Jahren züchtet Haubrok diese Schweine nun. Das ist mehr
       als eine nostalgische Spielerei: Den Genpool solcher alten Arten zu
       erhalten ist auch deshalb wichtig, weil der durch die Konzentration auf
       wenige Hochleistungsrassen in der Massentierhaltung strukturell verarmt.
       Diese Tierbestände sind dann anfälliger für Krankheiten und nicht mehr in
       der Lage, sich veränderten Umweltbedingungen oder Futterverfügbarkeiten
       anzupassen.
       
       Haubroks Bestand gehört zu den größten und wichtigsten für diese spezielle
       Rasse, auch wissenschaftliche Institute wenden sich an sie, wenn sie Bedarf
       haben. Zahlreiche andere Herdbuchzuchten, wie das Stammbuch in diesem
       Bereich heißt, gründen auf Tieren aus ihrem Bestand.
       
       Die Mastschweine verarbeitet Haubroks Mann, Heinrich Thielke, als gelernter
       Schlachtermeister selbst. Das Fleisch und die Wurstwaren werden nur auf
       regionalen Märkten verkauft, wo sich die beiden über die Jahre eine treue
       Stammkundschaft erarbeitet haben.
       
       Doch seit ein paar Jahren haben sie den Eindruck, sie werden vom Pech
       verfolgt. Zuerst wurde ihnen die Hofstelle in Capellenhagen gekündigt, weil
       der Verpächter andere Pläne hatte – sie mussten also ein neues Zuhause
       suchen, und zwar für sich und die Schweine. Das war schon kein leichtes
       Unterfangen, hat viel Zeit und Nerven gekostet. Freunde der beiden
       gründeten extra einen Förderverein und setzten ein Crowdfunding auf.
       Nachdem sich der ein oder andere hoffnungsvolle Plan zerschlagen hatte,
       fanden sie endlich Unterschlupf in Limmer bei Alfeld.
       
       ## Kleine Halter in der Zange der großen Fleischindustrie
       
       Hier sah es zunächst so aus, als könnte etwas ganz Großes entstehen. Denn
       hier steht ein altes, verfallendes Rittergut, für das es zunächst
       hochfliegende Pläne gab. Mit mehreren Pächtern und Mietern sollte daraus
       eine Art touristisches Kleinod und ein außerschulischer Lernort werden.
       Immerhin hat auch die Gemeinde ein vitales Interesse daran, das
       denkmalgeschützte Ensemble nicht einfach dem allmählichen Zerbröseln zu
       überlassen.
       
       Doch nach Unstimmigkeiten unter den neuen Eigentümern liegen die ganz
       großen Pläne erst einmal auf Eis. Der Swinsgaarn (plattdeutsch für
       Schweinegarten) ist trotzdem eingezogen. Sie haben ein Freilaufgehege
       eingerichtet – vorschriftsmäßig doppelt umzäunt, um einen Eintrag [2][der
       Schweinepest durch Wildschweine zu verhüten]. Und die große Scheune mit
       Stallbuchten belegt, von wo die Tiere im Wechsel in ein Auslaufgehege
       getrieben werden können.
       
       Mit dem Umzug, sagt Haubrok, gerieten sie allerdings auch in das Visier des
       nun zuständigen Veterinäramtes Hildesheim. Und damit fingen die
       Schwierigkeiten an. Schon die Genehmigung einer Freiland- und
       Auslaufhaltung wie ihrer ist ein komplizierter und kostspieliger Prozess.
       Mehrere tausend Euro haben sie in Gutachten stecken müssen.
       
       Doch auch nach der Genehmigung fand das Veterinäramt bei Kontrollbesuchen
       immer wieder etwas zu beanstanden. Bei Haubrok und ihren Unterstützern
       setzte sich der Eindruck fest, dass das Veterinäramt mit den Besonderheiten
       dieses Betriebes nichts anzufangen weiß. „Die legen hier die gleichen
       Maßstäbe an wie bei einem konventionellen Betrieb mit Massentierhaltung“,
       klagt sie. Das funktioniere so aber nicht.
       
       Unterstützung erhält sie von Eberhard Prunzel-Ulrich, der sowohl für die
       Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) als auch den Verband
       norddeutscher Direktvermarkter tätig ist. „Das ist leider ein altbekanntes
       Problem in diesem Bereich“, seufzt der erfahrene Biolandwirt und
       Agraringenieur.
       
       Die Vorschriften, vor allem die der Schweinehaltungs-Hygieneverordnung,
       dienen letztlich dazu, [3][das Geschäft der großen Erzeuger und ihrer
       internationalen Vermarktung] zu schützen. Man versucht, die riesigen Ställe
       der Massentierhalter mit Hygieneschleusen und [4][Zugangsbeschränkungen vor
       dem Eintrag der Schweinepest zu schützen].
       
       Die kleinen Halter, auch wenn sie gar nicht auf den internationalen Märkten
       mitspielen, sind darin mitgefangen, weil sich die Verwertungskreisläufe oft
       nicht sauber trennen lassen. Futterlieferanten, Gülletransporter,
       Schlachthöfe, Zerlegebetriebe bedienen beide und können theoretisch die
       Viruserkrankungen weiterverbreiten.
       
       Für Kleinhaltungen wie den Swinsgaarn sind aber viele Anforderungen
       unmöglich umzusetzen. „Man braucht da ein bisschen Augenmaß und
       Kompromissbereitschaft, um zu gucken, was vor Ort tatsächlich machbar und
       praktikabel ist“, sagt Prunzel-Ulrich.
       
       Aber wenn man es mit Amtsveterinären zu tun hat, die damit keine Erfahrung
       haben – weil sie frisch von der Uni kommen oder es in ihrem Bezirk solche
       Betriebe bisher nicht gibt – dann wird das schwierig.
       
       ## Pädagogische Projekte werden unmöglich
       
       Heike Haubrok sieht dadurch ihr Lebenswerk in Gefahr. Denn eigentlich hat
       sie ja eine Mission. Sie will nicht nur diese alte Rasse erhalten und ihre
       Kunden mit hochwertigem Fleisch versorgen, sie will auch Aufklärungsarbeit
       leisten. „Mir ist es wichtig, dass das Schwein wieder als Lebewesen gesehen
       wird – und nicht bloß als Ware“, sagt sie.
       
       Früher hat sie deshalb Projekte mit Kindergärten oder Grundschulklassen
       gemacht. Auch am neuen Standort war schon ein Projekt mit einer
       Förderschule angedacht – das musste sie jetzt absagen. Das Veterinäramt
       verlangt, dass die Kinder eine Hygieneschleuse durchlaufen und
       Einweg-Schutzkleidung anziehen, die nicht von außen mitgebracht werden
       darf. Für den kleinen Betrieb ist das schlicht nicht umsetzbar.
       
       Das Veterinäramt kann sich zu Einzelfällen grundsätzlich nicht äußern, es
       hat Schweigepflicht. Auf taz-Nachfrage räumt die Pressesprecherin des
       Landkreises allerdings ein, dass der Swinsgaarn die einzige Haltung dieser
       Art im Landkreis ist. Grundsätzlich würde man die vorhandenen
       Ermessensspielräume aber selbstverständlich auch nutzen.
       
       Heike Haubrok hat daran so ihre Zweifel. Sie steht neben einem Verschlag im
       Stall und beobachtet seufzend wie ihre Schweine das Futter aus dem Trog
       wühlen und auf dem Boden hin- und herschieben. „Die haben die Anweisung des
       Veterinäramtes auch nicht verstanden“, meint sie bitter. „Die müssen doch
       aus dem Trog fressen.“
       
       Die Fütterung auf dem Boden hatte ihr das Veterinäramt verboten – bei
       konventioneller Schweinehaltung ist das ein Hygieneproblem, die
       empfindlichen Tiere werden schnell krank. Haubroks Protestschweine sind
       aber erheblich robuster und werden mit ganzem Korn und nicht mit
       Kraftfutter gefüttert. Das Wühlen gehört zu ihrem normalen Fressverhalten.
       
       Empört hat sie auch registriert, dass im letzten Bescheid ein zu geringes
       Gewicht einzelner Tiere vermerkt wurde. Das ist bei dieser Rasse eben
       anders als bei denen auf rasche Gewichtszunahme gezüchteten modernen
       Mastschweinen. Hier gibt es Lebensphasen, zum Beispiel im Wachstum, wo sie
       erst einmal Gewicht verlieren.
       
       Das irgendjemand auch nur andeuten könnte, dass es ihren Tieren nicht gut
       geht, empört sie. Drinnen in der Hausmeisterwohnung des Herrenhauses, die
       sie mit ihrem Mann bezogen hat, grunzt gerade die kleine Chrissie aufgeregt
       unter ihrer Wärmelampe, sobald sie hört, dass sich Schritte nähern.
       
       400 Gramm Geburtsgewicht und dann tritt die Mutter auch noch versehentlich
       drauf – in einer normalen Haltung wäre so ein Ferkelchen nicht
       durchgekommen. Nun steht Haubrok nachts alle zwei Stunden auf, um dem Tier
       die Flasche zu geben. Nicht bei allen Tieren erlaubt sie sich so eine enge
       Bindung, das ist klar. Die Mastschweine haben in der Regel keinen Namen,
       sagt sie.
       
       Sonst hätte sie zu große Schwierigkeiten ihnen dabei zuzusehen wie sie
       munter ein letztes Mal in den Hänger traben, nicht ahnend, dass es dieses
       Mal zum Schlachthof geht. Und trotzdem: „Meine Schweine haben ein gutes
       Leben“, sagt sie. Und sie selbst mag sich ein Leben ohne sie auch gar nicht
       vorstellen. Nur wie lange sie das noch durchhalten kann, weiß sie nicht.
       
       9 Aug 2026
       
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