# taz.de -- Quälerische Tierhaltung: Eine Sauerei
       
       > Aufnahmen von Aktivisten sollen Schweine zeigen, die lange in Käfige
       > gesperrt wurden oder kein Wasser bekamen. Kritik gibt es auch an legaler
       > Haltung.
       
 (IMG) Bild: Die alljährliche „Wir haben es satt!“ Demo, letztes Jahr am 18. Januar 2025
       
       Eine Sau liegt eingepfercht in einem Käfig aus Metall, der kaum größer ist
       als sie selbst. Dieser „Kastenstand“ ist so schmal, dass ihre
       ausgestreckten Beine in den anliegenden Käfig ragen. Ihr Körper quillt
       zwischen den Stäben hervor. Zu sehen ist das in einem heimlich
       aufgenommenen Video, das der Tierrechtsverein Uncover exklusiv der taz
       vorgelegt hat. Es zeigt nur eines der Probleme in der industriellen
       Schweinehaltung in Deutschland.
       
       „Im Kastenstand können die Sauen stehen, fressen, liegen und sonst nichts.
       Das ist absolute Tierquälerei“, sagt Matthias Schönborn, Vorstandsmitglied
       von [1][Uncover]. Die Aufnahmen aus drei Nächten im August 2024 und 2025
       würden aus einer Schweinezucht im sächsischen Landkreis Mittelsachsen
       stammen, sagt er. Das Rohmaterial zeigt GPS-Geräte, auf deren Displays die
       Koordinaten der Anlage stehen.
       
       Die Sauen werden im Kastenstand [2][künstlich besam]t. Das geht schneller
       als der natürliche Deckakt, lässt sich besser planen und ist deshalb
       [3][Standard] in der industriellen Schweinezucht. Außerdem verhindert das
       Metallgestell Rangkämpfe zwischen den Sauen. Es spart auch Platz. „Ihre
       grundlegenden Verhaltensweisen können die Sauen in diesen Käfigen jedoch
       nicht oder nur sehr eingeschränkt ausführen“, stellt die [4][Bundesanstalt
       für Landwirtschaft und Ernährung] fest. In einem Kastenstand kann eine Sau
       sich nicht umdrehen und nur langsam hinlegen.
       
       Unter Druck von Gerichten hat der Bund deshalb 2021 in der Verordnung zum
       Tierschutz in der Nutztierhaltung die zulässige Zeit im Kastenstand auf
       wenige Tage reduziert. In Anlagen aber, die vor Februar 2021 genehmigt
       worden sind, dürfen Sauen bis 2029 „bis maximal 4 Wochen nach der Besamung
       im Kastenstand“ gehalten werden.
       
       ## Angekündigte Überprüfung
       
       „Doch nach abgefilmten Unterlagen des Betriebs in Sachsen wurden dort 2024
       und 2025 Hunderte Sauen länger als erlaubt in diesen Kastenständen
       gehalten, manche acht Wochen“, sagt Schönborn. Als Beleg nennt er die in
       den Videos gezeigten „Sauenkarten“, A4-Blätter, die über jedem Tier hängen
       und etwa das erwartete Datum der Geburt der Ferkel festhalten. Mithilfe
       dieser Infos haben die Tierschützer nach eigenen Angaben errechnet, wie
       lang die Sauen schon im Kastenstand eingesperrt waren.
       
       Dabei gingen sie davon aus, dass die Tiere zwischendurch nicht mit mehr
       Platz gehalten wurden. Denn: „Praktisch ist das nicht üblich“, sagt Anne
       Hamester, Agrarwissenschaftlerin und Schweinehaltungsexpertin der
       Umweltorganisation Greenpeace. Schließlich würde es „super viel Arbeit“
       bereiten, die Sauen mehrmals in die Einzelkäfige zu treiben.
       
       Die taz hat das umfangreiche Material stichprobenartig überprüft und den
       Betrieb zu den Vorwürfen befragt. Der wollte sich aber nicht äußern,
       dementierte also auch nicht.
       
       Das zuständige Landratsamt Mittelsachsen teilte der taz mit, es habe nach
       einer anonymen Anzeige, unter anderem zu möglichen Überschreitungen der
       Fristen für die Haltung im Kastenstand, den Betrieb am 19. August
       überprüft. Die Vorwürfe „konnten nicht bestätigt werden“.
       
       Schönborn hat allerdings Zweifel daran, wie aussagekräftig dieses Ergebnis
       ist. Denn die Behörde hatte die Kontrolle nach eigenen Angaben am Tag davor
       angekündigt. Zudem verriet das Amt trotz mehrmaliger Nachfrage nicht, wie
       viele Sauenkarten es tatsächlich überprüft hat. Als die taz ihm daraufhin
       Screenshots der fraglichen Karten zur Verfügung stellte, behauptete es, die
       Bilder seien aus einem Bereich der Anlage mit offenen Kastenständen, also
       mit nicht arretierten Türen.
       
       ## „Kein Zugang zu Trinkwasser“
       
       Hat das Amt also kontrolliert, ob die Gänge so breit sind wie in einer
       Anlage mit offenen Kastenständen vorgeschrieben? Diese Frage der taz
       bejahte die Behörde nicht, sondern versprach nur, das später zu überprüfen.
       
       Nicht nur deshalb stellt Tierschützer Schönborn die Darstellung des Amtes
       infrage. „Es würde überhaupt keinen Sinn ergeben, Sauenkarten aufzuhängen,
       wenn die Sauen sowieso die Position selbstständig wechseln. Im Nu wäre die
       Zuordnung dahin“, sagt Schönborn. Und: „Auf den Videos ist zu keinem
       Zeitpunkt eine Sau im Gang zu sehen.“
       
       Das Agrarunternehmen in Mittelsachsen ist nicht das einzige, in dem
       Tierschützer recherchiert haben. Einer Schweinemastanlage in Sachsen-Anhalt
       wirft Uncover vor, die Tränken „dauerhaft abgestellt“ zu haben. „Die Tiere
       hatten in mindestens drei Nächten 2024 und 2025 keinen Zugang zu
       Trinkwasser“, sagt Schönborn. Tatsächlich zeigen Videos Tränken, die kaum
       oder kein Wasser abgeben, wenn sie gedrückt werden.
       
       Dabei verlangt die entsprechende Verordnung, dass „jedes Schwein
       [5][jederzeit Zugang zu Wasser] in ausreichender Menge und Qualität hat“.
       Der Betrieb schalte die Tränken vermutlich ab, damit die Tiere mehr
       Flüssignahrung zu sich nehmen und schneller Gewicht zulegen, sagt
       Schönborn. Anders als vorgeschrieben habe es nachts auch kein Licht in den
       Ställen gegeben. Das brauchen die Schweine, um sich orientieren zu können.
       
       Auch der zweite Betrieb antwortete nicht auf eine Anfrage der taz. Er wird
       vom Veterinäramt des Landkreises Wittenberg beaufsichtigt, das auf
       taz-Anfrage antwortete: „Die Behörde kontrolliert nicht in der Nacht.
       Deshalb liegen hier keine Informationen vor, ob das Tränkwasser in den
       benannten Nächten abgestellt war.“ Amtssprecher Alexander Baumbach
       kritisiert aber, dass die Vorwürfe der Tierschützer „sehr wahrscheinlich
       auf Erkenntnissen aus unbefugten Betretungen der Stallanlagen“ beruhten.
       Diese Aktionen seien nicht nur strafbar, sondern auch „ein erhebliches
       Gesundheitsrisiko“, wenn sie die Tiere „potenziellen Krankheitserregern“
       aussetzten.
       
       ## „Gesetze nur tagsüber“
       
       Zudem stellt er infrage, ob solche Informationen verlässlich sein können.
       „Sollten bei solchen illegalen Aktionen tatsächlich Missstände beobachten
       worden sein, wäre eine unverzügliche Meldung an die zuständigen Behörden
       zwingend notwendig gewesen“. Da die unbefugten Betretungen Gegenstand eines
       Ermittlungsverfahrens sind, werde er die Anfrage der taz an die damit
       befasste Ermittlungsbehörde weiterleiten.
       
       Tierschützer Schönborn weist diese Vorwürfe zurück. Die „ehrenamtlichen
       Tierschutzkontrolleure“ würden „einem peniblen Hygieneprotokoll mit unter
       anderem einmalig verwendeter Schutzkleidung und Desinfektionsschritten“
       folgen. Systematisch fehlendes Tränkwasser sei „eine unglaubliche
       Grausamkeit“ und verletze das im Grundgesetz verankerte Staatsziel
       Tierschutz. „Dass die Behörde trotz Kenntnis die Kontrolle dieses
       erheblichen Verstoßes verweigert, ist für mich verstörend. Anscheinend
       müssen Schweinemäster im Landkreis Wittenberg die Gesetze nur tagsüber
       einhalten.“ Wegen der Haltung der Behörde hätte es auch nichts gebracht,
       den Verstoß dort anzuzeigen.
       
       Statt gegen die Aktivisten zu ermitteln, sollte ermittelt werden, warum den
       Tieren nachts kein Wasser zur Verfügung gestanden habe und warum die
       Behörde nicht einschreite. Schönborn weist darauf hin, dass Gerichte in der
       Vergangenheit Tierschützer vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs
       freigesprochen hätten, wenn Anzeigen zuvor wirkungslos geblieben seien.
       
       Im Mai 2025 hatte das MDR-Fernsehmagazin „Exakt“ auf Grundlage von
       Uncover-Videomaterial über mutmaßlich illegale „Nottötungen“ von Ferkeln in
       zwei Schweinezuchtanlagen in Thüringen und Sachsen-Anhalt berichtet. Die
       Betriebe hätten tierschutzwidrig gehandelt, Tiere zum Beispiel bei
       Bewusstsein getötet.
       
       Das für den sachsen-anhaltischen Betrieb zuständige Veterinäramt
       Mansfeld-Südharz bestätigte in einem der taz vorliegenden Schreiben an die
       Firma: „Die Tötung erfolgte nicht sachgerecht und mit Leidenszufügung.“ Das
       für die Anlage in Thüringen zuständige Veterinär- und
       Lebensmittelüberwachungsamt Jena-Saale-Holzland teilte der taz mit, es habe
       „Strafanzeige bei der Kriminalpolizei wegen des Verdachts auf Verstöße
       gegen das Tierschutzgesetz gestellt“.
       
       ## „Wir haben es satt!“
       
       Schweine dürfen allerdings auch legal unter fragwürdigen Bedingungen
       gehalten werden. Zum Beispiel haben die meisten Schweine nie Auslauf, der
       Mehrheit wird der geringelte Teil des Schwanzes abgeschnitten. Das soll
       verhindern, dass sich die Tiere vor lauter Langeweile gegenseitig die
       Schwänze blutig beißen. Einem 50 bis 110 Kilogramm schweren Mastschwein
       müssen [6][nur 0,75 Quadratmeter] zur Verfügung stehen.
       
       In einer 2024 veröffentlichten Umfrage für das bundeseigene Thünen-Institut
       gaben [7][71 Prozent] der teilnehmenden Verbraucher an: Die
       landwirtschaftliche Mastschweinehaltung ist „verbesserungswürdig“. Auch
       deshalb gehen am 17. Januar in Berlin Tausende auf die Straße unter dem
       alljährlichen Demomotto „Wir haben es satt!“.
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://uncover-recherche.de/
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=VgQIQK1FPKU
 (DIR) [3] https://www.landschafftleben.at/lebensmittel/schwein/herstellung/ferkelproduktion#:~:text=90%20Prozent%20der%20Sauen%20werden,ob%20die%20Sau%20tr%C3%A4chtig%20ist.
 (DIR) [4] https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/tier/schweine/wie-werden-sauen-fuer-die-ferkelerzeugung-gehalten
 (DIR) [5] https://www.gesetze-im-internet.de/tierschnutztv/__26.html
 (DIR) [6] https://www.bmleh.de/DE/themen/tiere/nutztiere/schweine/schweine.html
 (DIR) [7] https://link.springer.com/article/10.1007/s00003-024-01482-z/tables/3
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jost Maurin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Tierschutz
 (DIR) konventionelle Tierhaltung
 (DIR) Schweinemast
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 (DIR) Grüne Woche
 (DIR) Schwerpunkt Bio-Landwirtschaft
 (DIR) Clemens Tönnies
 (DIR) Schwerpunkt Bio-Landwirtschaft
 (DIR) Schweinefleisch
       
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       katastrophal.