# taz.de -- ADHS im Alter: Der letzte Witz macht das Licht aus
       
       > Seit 80 Jahren lebt die Mutter unserer Autorin zwischen extremer
       > Lebenslust und totaler Erschöpfung. Jetzt macht ihr Körper den Zirkus
       > nicht mehr mit.
       
 (IMG) Bild: Unangepasst, impulsiv, „zu viel“: In den 1950ern galt ADHS bei Kindern meist als Charakterfrage statt als Diagnose
       
       Liebe Mama, jetzt hat Dich Dein Körper doch noch ruhig gekriegt. Du liegst
       tagein, tagaus [1][in Deinem Pflegebett im Wohnzimmer] und kannst Dich kaum
       noch rühren. Da Du schon lange kein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis
       mehr hast, kommen gefühlt täglich fremde Leute, um Dich zu waschen, zu
       wickeln, zu füttern. Doch in Dir drin, da brennt noch Licht, ein ziemlich
       helles sogar.
       
       Neulich kam der Herr G vorbei, ein Nachbar, der schon lange nicht mehr da
       gewesen war. Er schüttelte immer wieder den Kopf. „Früher hat man Sie
       überhaupts ned bremsen können, Frau Riedel!“ Du hast ihm gravitätisch den
       Kopf zugedreht, drohend Zeigefinger und Augenbraue gehoben und mit heiserer
       Stimme gesagt: „Passen’S fei auf, was Sie sagen, gell?“
       
       Mama, ich frage mich oft, was gewesen wäre, [2][wenn Dir in Deiner Kindheit
       jemand gesagt hätte, dass Du ADHS hast]. Wenn Du Medikamente bekommen
       hättest – Ritalin gibt es in Deutschland seit 1954. Wenn Dein Umfeld
       gewusst hätte, was so eine Reizfilterschwäche, so eine mangelhafte
       Exekutivfunktion bedeuten.
       
       Du gehörst zu den ersten Babyboomern und den letzten Vertreterinnen der
       „Silent Generation“. Jegliches Psychogequatsche gilt Euch als Schwäche, Ihr
       und Eure Eltern hattet Schlimmeres mitgemacht. Den Fokus auf die
       individuelle Befindlichkeit empfinden viele älteren Leute noch heute als
       selbstzentriertes Gedöns. „Was uns nicht umbringt …“, und so weiter.
       
       Dass Du komplett anders warst, als alle anderen, sah trotzdem jeder, spürte
       jeder, wusste jeder – aber es gab Worte der Normalität dafür: hektisch,
       temperamentvoll, impulsiv, explosiv.
       
       ## Keine Grenze – auch die eigene nicht
       
       Manche bewunderten Deine Kraft, Deinen Kampfgeist, liebten Deinen Charme,
       Deine Spontaneität, nie war es langweilig mit Dir. Andere fürchteten Deine
       Rauflust, vor allem meine Lehrer, auf die Du ab meiner Grundschulzeit
       Deinen Hyperfokus gerichtet hattest. Dein Ziel war nichts weniger, als das
       autoritätsgläubige bayerische Schulsystem aus den Angeln zu reißen.
       
       Nach meinem zweiten verschärften Verweis, mit dem ich zugleich vom
       Unterricht suspendiert wurde, bist Du zum Erdkundelehrer gegangen: „Den
       Verweis können Sie sich auf Ihr Klo hängen!“, so hast Du es uns am Abend
       erzählt und wir haben uns totgelacht. „Glauben Sie, das ist eine Strafe,
       wenn meine Tochter drei Tage nicht in die Schule darf?“ Ich hab' Dich dafür
       abgefeiert, dass Du Dich immer vor mich gestellt hast. Aber am Ende flog
       ich trotzdem. Wahrscheinlich konnten die Lehrer auch Dich nicht mehr
       ertragen.
       
       Aber auch ich war oft wütend auf Dich. Du konntest kein mir noch so
       wichtiges Geheimnis bewahren, hast keine Grenze respektiert, egal wie sehr
       ich Dich darum gebeten hatte. Deine eigene übrigens auch nicht. Danach tat
       es Dir manchmal leid, aber wenn ich Dich zur Rede gestellt habe, hast Du
       weggeschaut und laut irgendwas vorgelesen, was gerade in Dein Gesichtsfeld
       kam.
       
       [3][Eine Diagnose hast Du nie bekommen.] Als ich 1990 getestet wurde, war
       die „Hyperkinetische Störung“ noch neu. Dass ADHS ein Leben lang bleibt,
       weiß man erst seit Kurzem. Profitieren können junge Leute, auch 40- oder
       50-Jährige. Für Dich ist es zu spät. Und trotzdem hilft das Wissen – denn
       ich habe keinen Zweifel – Dich zu verstehen.
       
       ## Der Zwang zur Opposition
       
       Deine Erschöpfung, Deine Schmerzen in den Muskeln – wir haben Deinen
       Leidensdruck nicht ernst genommen, denn kurz darauf warst Du ja wieder der
       Orkan, der alles mit sich riss. Freundinnen und Ärzte haben gesagt: „Du
       musst Dich mal entspannen, Du musst Dich mehr bewegen“, „Sie müssen
       abnehmen, sich gesünder ernähren.“ Dass Du im nächsten Moment das Gegenteil
       machst – das ist klassisches ADHS-Verhalten. Ein „Muss“ provoziert unser
       Gehirn zur Opposition – auf unsere eigenen Kosten.
       
       Seit 80 Jahren ist in Deinem Kopf die Hölle los, Mama. Bist Du wirklich
       dement? Oder hat sich Deine Strategie den Reizoverload zu verdrängen über
       die Zeit einfach verselbstständigt? Wenn Du nur willst, funktioniert noch
       alles. Du siehst den Kanzler in der Tagesschau und weißt sofort: „Ach, der
       Merz, dieses Arschloch!“
       
       Obwohl, es ist weniger eine Frage des Willens, als der Energiereserve. Und
       ja, die geht zur Neige, wie bei allen alten Leuten. Und trotzdem: Dein
       Humor, Deine Lust am Leben, die sind noch da. Und ich glaube, sie werden
       die letzten sein, die das Licht ausmachen.
       
       28 Jun 2026
       
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