# taz.de -- Emotionale Dysregulation bei ADHS: Die urgewaltige Wut, in der ich alles niederbrennen kann
> Das Schlimmste an ADHS sind nicht Unkonzentriertheit oder
> Vergesslichkeit, sondern die heftigen Gefühlsausbrüche. Doch das Drama
> gehört zu mir.
(IMG) Bild: Nach dem Feuer bleibt das Gefühl, den Affekten ausgeliefert zu sein wie ein kleines Treibholz auf dem Ozean
Seit Teenagerzeiten habe ich einen wiederkehrenden Albtraum: Ich wasche mir
die Hände auf der Toilette eines Einkaufszentrums. Als ich rauskomme, steht
die Polizei da, um mich wegen dringenden Mordverdachts festzunehmen. Im
Hintergrund machen meine Eltern betroffene Gesichter, sie können jetzt auch
nichts mehr tun. „Oh nein“, denke ich voller Reue, „ich muss ins Gefängnis,
mein Leben ist ruiniert! Warum nur habe ich jemanden umgebracht?“
Träume sollte man nicht überbewerten, aber das Gefühl, mich selbst nicht
zuverlässig steuern zu können, verfolgt mich nicht nur nachts. Als Kind
fuhr ich mal in einer offenen Seilbahn rund 70 Meter über einen
Wasserstrudel bei den [1][Niagarafällen,] und meine größte Angst war, dass
ich über die Brüstung springe. Gesagt habe ich das niemandem, es kam mir
schon mit fünf Jahren verrückt vor, so zu denken.
Die Angst ist mit der Zeit kleiner geworden – aber nur, weil ich als
Erwachsene selbst entscheiden kann, wann und wohin ich gehe. Was aber
bleibt, ist das Gefühl, meinen Affekten ausgeliefert zu sein wie ein
kleines Treibholz dem Ozean: Mal wird es von einem wilden Tropensturm durch
die Luft gepeitscht oder in einen alles verschlingenden Strudel gerissen;
dann wieder dümpelt es tagelang in einer Bucht unter der sengenden Sonne
vor sich hin. Eine Zeit lang liegt das Hölzchen am Strand herum, doch dann
kommt einer und schmeißt es zurück ins Wasser.
Einen Termin vergessen, dreimal durch die Fahrprüfung fallen, nächtliche
Anrufe beim Ex-Freund, [2][Oversharing] mit Kollegen – all dies sind
peinliche Resultate meiner schlechten Impulskontrolle. Aber mit zeitlichem
Abstand und den richtigen Leuten lässt sich darüber lachen. Wirklich
zerstörerisch sind die Emotionen.
## Hilfe, ein Gefühlsausbruch!
Die urgewaltige Wut, in der ich für den Bruchteil einer Sekunde imstande
bin, alles um mich herum niederzubrennen. Und die sich nur zwei Minuten
später in helle Begeisterung verwandeln kann, für eine Person, einen Song,
einen Thunfisch Nigiri; beglückend, wie die krampfhaften Lach-Flashs, die
andere Erwachsene nur noch unter Zuhilfenahme bestimmter Substanzen
bekommen; und dann diese Trostlosigkeit, das einzige Gefühl, das ich schon
von Weitem kommen sehe und das in seiner niederdrückenden Langsamkeit
besonders schlimm ist.
Die erderschütternde Intensität dieser ständig wechselnden Gefühle,
ausgelöst durch ein einzelnes Wort, einen Blick, einen Lufthauch, ohne dass
ich das auch nur ansatzweise regulieren könnte – das ist vielleicht die
größte Belastung in meinem Leben mit ADHS. Weil es unsagbar anstrengend
ist, so fremdgesteuert herumgewirbelt zu werden; weil die Heftigkeit der
Zustände mich selbst erschreckt; weil die eigene Unberechenbarkeit das
Leben komplett unplanbar macht. Und vor allem, weil es die Beziehungen zu
anderen beschädigt.
Und sosehr ich auch denke: „Liebe Gefühle, könntet ihr euch nicht mal etwas
mäßigen? Ich dreh durch mit Euch. Ständig hinterlasst Ihr Scherbenhaufen,
die ich wieder zusammenkehren muss!“ – so sehr muss ich auch anerkennen,
dass dieses Drama zu mir gehört wie Neurodermitis oder lange Wimpern zu
anderen.
Und tatsächlich haben mich meine Gefühle und ihre Ausbrüche auch vor vielem
bewahrt. Sie haben allzu fordernde Leute verjagt, genervte Mitmenschen
wieder versöhnt, mir bescheuerte Jobs vermasselt, langweilige Partys
aufgelöst und andere Katastrophen verhindert.
Sie haben mich im vergangenen Jahr jedes Mal wahnsinnig gemacht, wenn ich
in nur wenigen Stunden einen [3][Dopaminimum]-Text schreiben sollte – weil
ich natürlich nie rechtzeitig angefangen habe –, und mit mir gefeiert, wenn
ich ihn am Ende doch abgeliefert habe. Und jetzt, wo diese Kolumne zu Ende
geht, lasse ich sie einfach mal sein, wie sie sind: traurig, erleichtert
und dankbar.
23 Aug 2026
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## AUTOREN
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