# taz.de -- Regisseur über seinen Film „Dry Leaf“: „Mich interessiert bei Bildern das, was verborgen bleibt“
       
       > In Alexandre Koberidzes Spielfilm „Dry Leaf“ spielen verlassene
       > Bolzplätze eine große Rolle. Er spricht über alte Handys als Kameras und
       > Georgiens Politik.
       
 (IMG) Bild: Leicht unscharfe Eindrücke von verlassenen Fußballfeldern unterwegs in „Dry Leaf“
       
       Alexandre Koberidze zählt zu den eigenwilligsten Stimmen des europäischen
       Kinos. Spätestens seit seinem internationalen Durchbruch mit „Was sehen
       wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ verbindet der 1984 in Tbilissi geborene
       Regisseur, der an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin
       studierte und bis heute zwischen beiden Städten pendelt, magischen
       Realismus mit genauer Beobachtung des Alltags und einer großen Liebe zu
       Zufällen, Tieren und Fußball. Sein neuer Film „Dry Leaf“ führt diesen Weg
       konsequent fort. Ein Vater reist durch Georgien auf der Suche nach seiner
       verschwundenen Tochter und folgt den Spuren einer Reportage über verlassene
       Fußballplätze. Gedreht auf einem ausrangierten Mobiltelefon, verwandeln
       sich Landschaften in flirrende Farbflächen, Menschen verschwinden
       buchstäblich aus dem Bild und die Reise wird zu einer Erkundung eines
       Landes im politischen und gesellschaftlichen Wandel. Im Gespräch erzählt
       Koberidze von der Schönheit der Unschärfe, vom Vertrauen in den Zufall und
       davon, warum Kunst für ihn keine Antworten liefern muss. 
       
       taz: Herr Koberidze, Ihr Film „Dry Leaf“ handelt weniger vom Verschwinden
       als vom Suchen, von der Reise selbst. Wie entstand diese Idee?
       
       Alexandre Koberidze: Meine vorherigen Filme waren sehr stark mit Städten
       verbunden. Ich wollte schon lange durch Georgien fahren, Orte sehen, die
       ich noch nicht kannte, und andere wieder besuchen. In den vergangenen
       Jahren beschäftigt uns hier angesichts der politischen Situation immer
       stärker die Frage, was dieses Land eigentlich ist, was unsere Identität
       ist. Eine Suche schien mir dafür geeigneter als ein klares Ziel.
       
       taz: Wie entstand die Route? 
       
       Koberidze: Ich wollte gemeinsam mit dem Film suchen. Ich hatte vorher
       recherchiert oder Menschen gefragt, wo es interessante Fußballplätze geben
       könnte. Alles andere blieb offen. Genau wie die Figuren kamen wir irgendwo
       an und fragten: Gibt es hier einen Bolzplatz? Abends wussten wir oft noch
       gar nicht, wohin wir am nächsten Morgen fahren würden. Das war manchmal
       beunruhigend. Gleichzeitig lernt man Vertrauen. Dinge werden passieren. Und
       wenn einmal nichts Besonderes geschieht, ist es eben meine Aufgabe als
       Filmemacher, gerade darin etwas Interessantes zu entdecken.
       
       taz: In „Dry Leaf“ existieren unsichtbare Menschen ganz selbstverständlich.
       Warum erklären Sie dieses fantastische Element nie? 
       
       Koberidze: Mich interessiert, Dinge, die nicht zu unserer Wirklichkeit
       gehören, in die Welt eines Films einzuführen, ohne sie besonders
       hervorzuheben. Etwas Unvorstellbares vorstellbar machen. Was diese Figuren
       letztlich bedeuten, weiß ich selbst nicht genau. Natürlich denke ich
       darüber nach. Aber ich bin mindestens genauso gespannt darauf, welche
       Bedeutung das Publikum darin entdeckt.
       
       taz: Ist das für Sie Teil des Filmemachens – den Film irgendwann
       loszulassen? 
       
       Koberidze: Ich hatte viel weniger Antworten als Fragen. Meine Erfahrungen
       müssen gar nicht dieselben sein wie die des Publikums. Neulich hörte ich
       einen Wissenschaftler sagen, Leben sei der Versuch des Universums, sich
       selbst zu verstehen. Dieser Gedanke hat mir sehr gefallen. Ich glaube,
       Kunst funktioniert ähnlich. Alles, was wir tun, ist ein Versuch zu
       verstehen – und nicht zu behaupten.
       
       taz: Fußballplätze strukturieren den ganzen Film. Was erzählen diese Orte
       über Georgien? 
       
       Koberidze: Viele Plätze, die es noch vor zehn Jahren gab, existieren heute
       nicht mehr. Manche Dörfer sind fast leer geworden, viele Familien in die
       Städte gezogen. Während des Drehs habe ich diese Plätze einfach so gefilmt,
       wie wir sie vorgefunden haben. Dabei sind sie nicht unbedingt verlassen.
       Wenn man genau hinsieht, erkennt man oft, dass dort noch gebolzt wird. Bei
       anderen ist alles überwuchert. Solche Orte spiegeln, was sich in Georgien
       verändert.
       
       taz: Sie sprechen über Fußball oft so, als würden Sie zugleich über das
       Filmemachen sprechen.
       
       Koberidze: Vor allem im Profifußball fasziniert mich dieses Verhältnis von
       Kontrolle und Freiheit. Es gibt Mannschaften, die alles kontrollieren
       wollen und jeden Zufall ausschließen. Und es gibt Mannschaften voller
       genialer Spieler, die fast ohne Struktur spielen. Meistens scheitern beide
       Extreme. Spannend wird es dazwischen. Man braucht eine sehr präzise
       Vorbereitung, und gleichzeitig muss innerhalb dieser Ordnung etwas
       entstehen können, das niemand geplant hat. Ich glaube, beim Filmemachen ist
       das ähnlich.
       
       taz: Inwiefern?
       
       Koberidze: Beim Drehen arbeitet man ebenfalls unter sehr strengen
       Bedingungen. Vor allem die Zeit ist knapp. Man plant unglaublich präzise
       und weiß gleichzeitig, dass der Plan niemals vollständig aufgehen wird. Bei
       „[1][Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“] begann zum Beispiel
       plötzlich ein Gewitter. Alles, was wir monatelang vorbereitet hatten, war
       innerhalb weniger Minuten unmöglich geworden. Gerade daraus sind später
       einige meiner Lieblingsszenen entstanden.
       
       taz: Sie haben mit einem alten Sony-Ericsson-Handy gedreht. Warum?
       
       Koberidze: Meinen ersten Film habe ich ebenfalls mit diesem Telefon
       gedreht. Mich interessiert bei Bildern das, was verborgen bleibt. Dieses
       Telefon nimmt einem einen Teil dieser Arbeit ab. Es zeigt weniger, und
       gerade dadurch entsteht Raum für Fantasie. Außerdem wollte ich unbedingt
       wieder selbst hinter der Kamera stehen. Die praktischen Vorteile – dass das
       Telefon klein ist, den ganzen Tag hält und kaum Equipment braucht – kamen
       erst danach.
       
       taz: Ihr Vater spielt die Hauptrolle, Ihr Bruder hat die Musik geschrieben.
       Was verändert diese Nähe?
       
       Koberidze: Es war eigentlich die einzige Möglichkeit. Wir haben über Monate
       gedreht. Es gab sehr viel Warten, viel Unsicherheit und viele Momente, in
       denen ich selbst nicht wusste, wie es weitergeht. Mit Menschen zu arbeiten,
       die einem so nahestehen, bedeutet, dass man sich solche Freiräume erlauben
       kann. Unser Leben überschneidet sich ohnehin ständig. Deshalb wusste ich
       immer: Wenn ich Zeit brauche, um nachzudenken oder unsicher zu sein, dann
       ist das völlig in Ordnung. Dieses Vertrauen war für diesen Film sehr
       wichtig.
       
       taz: Sie leben seit vielen Jahren in Berlin und Georgien. Was hat Ihnen
       Berlin gegeben?
       
       Koberidze: Vor allem Distanz. Ich glaube, man versteht einen Ort oft erst,
       wenn man ihn verlässt. Für mich war das mit Georgien so. Heute passiert mir
       etwas Ähnliches mit Berlin. Wenn ich in Tbilissi bin, denke ich oft an
       Berlin. Und wenn ich dort bin, denke ich an Georgien. Die Deutsche Film-
       und Fernsehakademie war dabei unglaublich wichtig. Dort habe ich nicht nur
       gelernt, Filme zu machen. Dort habe ich überhaupt erst entschieden,
       Regisseur zu werden. Mindestens genauso wichtig waren die Gespräche über
       Filme, das gemeinsame Schauen, die Kinemathek und das [2][Arsenal].
       
       taz: Das georgische Kino erlebt eine Blütezeit, zugleich befindet sich die
       Filmszene seit einigen Jahren in einer schwierigen Situation.
       
       Koberidze: Politisch hat sich sehr viel verändert. Das Georgische
       Filmzentrum, unsere wichtigste Förderinstitution, wurde praktisch vom
       Kulturministerium übernommen. Daraus entstand ein jahrelanger Konflikt.
       Paradoxerweise hat uns das als Filmschaffende enger zusammengebracht. Viele
       kannten sich vorher nur flüchtig. Heute sind wir eine wirkliche
       Gemeinschaft, unterstützen uns gegenseitig. Es geht allerdings längst um
       mehr als um Filmförderung. Freunde und Kollegen sitzen im Gefängnis.
       Kulturinstitutionen geraten zunehmend unter staatliche Kontrolle. Förderung
       gibt es praktisch nur noch für regierungsnahe Projekte. Im Moment geht es
       vor allem darum, überhaupt weiterarbeiten zu können.
       
       2 Jul 2026
       
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