# taz.de -- Film „The Lights, They Fall“: Sie fliehen vor Gefühlen
> Regisseur Saša Vajda zeigt im Spielfilm „The Lights, They Fall“ zwei
> Menschen in einem Übergangsraum. Er inspiriert zu einer neuen Art des
> Zuschauens.
(IMG) Bild: In Ilay (Mohammed Yassin Ben Majdouba) brodelt es in „The Lights, They Fall“
Darauf angesprochen, dass seine Mutter im Sterben liegt, antwortet Ilay
(Mohammed Yassin Ben Majdouba) mit einem brüsken: „Das stimmt nicht!“ Der
16-Jährige lebt in seiner eigenen Welt. Oder ist es andersherum? Die Welt
existiert, aber ihn gibt es darin gar nicht?
Gleichzeitig sieht man Ilay in lauter höchst realistischen, dabei völlig
alltäglichen Situationen: Er leistet Sozialstunden, in denen er Nadelbäume
in die sandige, märkische Erde pflanzt; er jobbt in einem Logistikzentrum,
er versucht ein paar Wertgegenstände wie Handys und eine Armbanduhr zu Geld
zu machen, und er hängt zwischendurch mit Kumpels ab. Und doch sagt er von
sich, er fühle sich wie ein „Geist“.
Um was es dem Münchner Regisseur Saša Vajda in seinem ersten abendfüllenden
Spielfilm geht, ist nicht leicht in Worte zu fassen. Auch die Figuren reden
nicht viel. Außer Ilay lernt man überhaupt nur noch eine weitere Person
näher kennen, das ist die Palliativpflegerin Ana (Flor Prieto Catemaxca),
die Ilays krebskranke Mutter Maria versorgt.
Ana hat ihre eigenen Probleme. In einer Selbsthilfegruppe erzählt sie von
einer Schmerzmittelsucht, die sie zwar aufgegeben, aber noch nicht ganz
verarbeitet hat. Ihre Arbeit mit todkranken Menschen hat sie schon so
manche Dinge erleben lassen, die man als übernatürlich oder esoterisch
bezeichnen könnte. Dass ein Arzt einen Tod bescheinigt, der Tote danach
aber noch mal die Augen aufmacht und sogar spricht, erscheint ihr
jedenfalls nicht weit hergeholt.
## Ein Alltag, der selten Höhepunkte bietet
Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es in „The Lights, They Fall“
nicht. Der Film zeigt Ilay und Ana in verschiedenen Konstellation und
Stimmungen und einem Alltag, der selten Höhepunkte bietet. Ana wäscht die
bereits apathische Mutter. Ilay sucht wegen seiner Schlaflosigkeit eine
psychologische Praxis auf.
Ein Gewitter überrascht Ilay und seine Kumpels auf offenem Feld und lässt
sie im Halbdunkel unterm Regen kauern vor dramatischer Kulisse. Sie
verrichten diverse Besorgungen. Nie hören sie Musik, gehen essen oder ins
Kino oder Ähnliches. Und doch bekommt man über die Zeit des Films ein immer
besseres Gespür für die beiden und das, was sie ausmacht. Sowohl Ilay als
auch Ana leben in einer Art „liminal space“, einem Übergangsraum.
Bei Ana ist das durch ihren Beruf bedingt, den sie mit Geschick, Liebe und
großer Sicherheit verrichtet – Laiendarstellerin Catemaxca ist auch im
wahren Leben Palliativpflegerin –, und der sie immer wieder an den Rand von
Leben und Tod führt. Im Fall von Ilay ist es einerseits das
Erwachsenwerden, das mit dem nahen Tod der Mutter beschleunigt wird, und
andererseits seine prekäre Existenz in den Randbezirken von Berlin, wo er
zwar Freunde hat und sich auskennt, sich aber doch nicht zu Hause fühlt.
Beim Goldhändler, bei dem er seine Armbanduhr schätzen lässt, hängen an der
Wand zwei jener Weltuhren, die die Zeit in Tokio und in Dubai anzeigen.
Über dem Schild „Berlin“ aber fehlt die Uhr. Und genauso scheint sich Ilay
zu fühlen.
Nachdem [1][Vajda mit seinem mittellangen Film „Jesus Egon Christus“ 2021
in die Berlinale-Sektion „Perspektive deutsches Kino“ eingeladen war],
feierte „The Lights, They Fall“ 2026 seine Premiere in der Sektion
Generation, wo er überraschend viel Zuspruch fand.
Man würde eigentlich denken, dass gerade ein junges Publikum bei einem
„Slow Cinema“-Film wie diesem schnell die Geduld verliert. Schließlich
lässt der Film seine Zuschauer*innen über die meisten Dinge im Unklaren.
Aus welchem Land Ilay und seine Mutter ursprünglich kommen, wird genauso
wenig angesprochen wie die Frage, warum der 16-Jährige Bäume pflanzen geht
oder an welchem Krebs die Mutter leidet.
## Die meisten Dinge bleiben im Unklaren
Der Mangel an Erklärungen inspiriert zu einer anderen Art des Zuschauens:
Man ist aufgefordert, sich hineinzudenken in die Welt dieser Figuren, mit
ihnen mitzufühlen. Mit Ana, die ihren schwierigen Beruf mit so viel
Souveränität meistert, aber auch sehr einsam wirkt. Besonders aber mit
Ilay, der nach außen wenig über sich verrät, aber in dessen Innerem es
gewissermaßen brodeln muss. Statt irgendwelcher Plotverwicklungen spürt man
den Themen, die für Ana und Ilay in der Luft liegen, nach: Trauer und
Verlust, Alltagsstress, Realitätsflucht und Flucht vor Gefühlen.
Vajda arbeitet hier ausschließlich mit Laiendarstellern, was seinem Film
zwischendurch den Anstrich des Dokumentarischen verleiht, auch wenn die
Szenen „gescriptet“ sind. Die Gespräche, die Ilay mit seinen Freunden
führt, zeichnet ein authentischer Duktus aus, der selten ist im deutschen
Kino. An einer Stelle unterhalten sie sich über den Ausdruck „Keiner Fliege
etwas zuleide tun können“. Trotz ihres raubeinigen Auftretens
identifizieren sie sich damit.
Am Ende stirbt Ilays Mutter; die meisten Fragen bleiben unbeantwortet.
Eines aber begreift man als Zuschauer*in trotzdem ziemlich genau: wie Ana
und Ilay sich fühlen.
18 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Schweizerhof
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