# taz.de -- Landessuchtbeauftragte über Crack: „Rauchexpressräume könnten eine Lösung sein“
       
       > Die mit dem Crackkonsum verbundene Verelendung und Verwahrlosung nimmt
       > zu. Die Landessuchtbeauftragte Heide Mutter über Hilfsstrategien in
       > Berlin.
       
 (IMG) Bild: Crack wird in Berlin seit etwa 2020 zunehmend konsumiert
       
       taz: Frau Mutter, in der Innenstadt sind immer mehr verelendete
       Crackabhängige zu sehen. Anwohner beschweren sich über offenen Konsum und
       Verwahrlosung vor ihren Haustüren. Wie gut sind Sie über die Lage an den
       Treffpunkten der Drogenszene informiert?
       
       Heide Mutter: Prinzipiell bin ich regelmäßig an den Orten und Treffpunkten
       der Drogenszene. Das letzte Mal war ich am 25. Juni in der
       Kurfürstenstraße, auch dort ist die Beschwerdelage der Anwohnerschaft sehr
       hoch. Am 29. Juni war ich am Kottbusser Tor. Wir hier in meinem Referat
       wollen und müssen verstehen, was sich auf der Straße abspielt.
       
       taz: Was für ein Anblick bot sich Ihnen in der Kurfürstenstraße? 
       
       Mutter: Sehr viele Menschen, die Drogen konsumieren, halten sich dort im
       öffentlichen Raum auf, teilweise haben sie ein Lager aufgeschlagen und
       leben dort. Viele sehen sehr mitgenommen aus. Ich vermute, ihre
       gesundheitliche Situation ist sehr schlimm und die psychische Verfassung
       auch, in Kombination mit den Drogen, die konsumiert werden.
       
       taz: In der Kurfürsten-/Ecke Frobenstraße brennt es gerade ziemlich. Gibt
       es Pläne für Sofortmaßnahmen? 
       
       Mutter: Wir sondieren gerade, ob wir dort ein Drogenkonsummobil aufstellen
       können. Wir prüfen auch, ob es vielleicht doch noch Räume gibt, die als
       Drogenkonsumraum genutzt werden können. Aber soviel ich weiß, sucht der
       zuständige Gesundheitsstadtrat von Tempelhof-Schöneberg in der Gegend schon
       seit mehreren Jahren vergebens Räume.
       
       taz: Gerade ist bekannt geworden, dass der Einrichtung Olga zum Sommer 2027
       gekündigt worden ist. Damit würde die einzige Anlaufstelle für süchtige
       Sexarbeiterinnen in der Kurfürstenstraße wegfallen. In den Medien hieß es,
       neu in den Kiez gezogene Anwohner, denen die Klientel von Olga ein Dorn im
       Auge sei, hätten dem Vermieter Druck gemacht. 
       
       Mutter: [1][Der Wegfall von Olga wäre eine Katastrophe]. Wir werden auf
       alle Fälle mit dem Vermieter das Gespräch suchen. Das Beispiel verdeutlicht
       ein grundsätzliches Dilemma, wenn wir Räume für neue Einrichtungen der
       Suchthilfe suchen. Vermieter sagen ganz oft: „Das wertet unser Wohnumfeld
       ab.“ Wir erleben auch ganz oft, dass sich Menschen in der Nachbarschaft
       über die durch öffentlichen Drogenkonsum bedingten Zustände beschweren,
       aber keinen Konsumraum in der Gegend dulden.
       
       taz: Möglicherweise geschieht das aufgrund der Befürchtung, dass sich die
       Drogenszene vor solchen Einrichtungen sammelt. Vor dem Konsumraum am
       Kottbusser Tor etwa ist das ja so. 
       
       Müller: Es ist andersherum. Wir bringen unsere Angebote vorwiegend dorthin,
       wo sich diese Menschen bereits aufhalten. Wir haben ja keine überbordenden
       Ressourcen, wir überlegen uns das sehr genau, und dann fangen wir an, im
       Umfeld zu eruieren: Wie ist die Beschwerdelage? Was könnte ein guter Ort
       für ein Konsummobil sein? Wir sind niemals leichtfertig. Uns ist klar, wir
       müssen die Einwohnerschaft mitnehmen und wir haben es ja auch an etlichen
       Standorten geschafft. Bei den vorhandenen Drogenkonsumräumen gibt es
       insgesamt betrachtet wenig Beschwerden.
       
       taz: Wie viele Drogenkonsumräume gibt es aktuell in Berlin? 
       
       Mutter: Wir haben fünf Drogenkonsumräume und vier Konsummobile. Nahezu alle
       Drogen können dort konsumiert werden. In allen Einrichtungen gibt es auch
       Rauchplätze, sodass auch Crack-Konsumierende sie aufsuchen können.
       
       taz: Wann ging das mit Crack los? 
       
       Mutter: In Berlin ist Crack relativ spät aufgekommen, im Unterschied zu
       Frankfurt am Main oder Hannover oder im Ruhrgebiet. Ich würde sagen, es war
       so um 2020 herum, dass verstärkt Rückmeldungen aus den Einrichtungen kamen,
       von Trägern der Konsumräume. In der Coronazeit und den Folgejahren ist es
       deutlich sichtbarer geworden.
       
       taz: Was macht Crack mit den Menschen? 
       
       Mutter: Die Substanz wirkt sehr, sehr schnell, führt sehr, sehr schnell zu
       einer Abhängigkeit und erzeugt deswegen auch einen sehr hohen Konsumdruck.
       14 Mal und häufiger pro Tag wird zum Teil konsumiert. Teilweise werden die
       Leute sehr auffällig in ihrem Verhalten, denn der Konsumdruck ist so groß,
       dass sie zum Teil tagelang nicht schlafen. Viele befinden sich in einer
       absolut prekären Situation, sie haben keine Wohnung, sind noch nicht mal
       krankenversichert.
       
       taz: In der Crackstudie, die Ihr Haus dieses Jahr veröffentlicht hat,
       steht, dass die Hilfseinrichtungen mit der Crack-Klientel zum Teil
       überfordert sind. 
       
       Mutter: Man muss da differenzieren. Crack-Konsumenten und
       Crack-Konsumentinnen sind nicht gleich. Nicht alle sind auffällig. Manche
       sind allerdings sehr schwer händelbar. Einige sind hochaggressiv, werden
       auch in den Einrichtungen gewalttätig und gehen auf andere los. Dann muss
       man ihnen die Tür weisen, in allen Einrichtungen gilt: keine Gewalt. Für
       die Fachkräfte ist das eine große Herausforderung. Wir haben noch nicht die
       richtige Antwort gefunden, wie man diese Menschen in den Konsumräumen gut
       integrieren kann. Das hat auch damit zu tun, dass viele die Einrichtungen
       wegen des hohen Konsumdrucks gar nicht aufsuchen und dort konsumieren, wo
       sie gerade sind.
       
       taz: Also braucht es andere Konzepte, um diese Menschen vom Konsum auf der
       Straße abzuhalten? 
       
       Mutter: So ist es. Rauchexpressräume könnten eine Lösung sein. Räume, die
       nur zum Konsumieren genutzt werden können, nach dem Prinzip: rein, raus.
       Aber unsere Suche ist bislang auch hier an der Immobiliensituation
       gescheitert. Wir suchen ja weitere Objekte für Drogenkonsumräume und werden
       nicht fündig. Allerdings versuchen wir gerade auch, mit dem Aufbau von
       Suchthilfezentren neue Wege zu gehen.
       
       taz: Suchthilfezentren nach dem Vorbild von Zürich, wie es auch Köln plant,
       mit allen Angeboten unter einem Dach? 
       
       Mutter: Wir in Berlin nennen das Haus der Hilfe. Unterkunft,
       Notschlafplätze, Konsumraum, Expressraum, Beratungsstelle, medizinische
       Versorgung – möglichst die gesamte Bandbreite der Suchthilfe sowie
       Unterbringungsmöglichkeiten sollen dort angeboten werden. Die Überlegung
       gibt es schon seit ein paar Jahren. Die konkretere Befassung damit hat mit
       dem Sicherheitsgipfel begonnen …
       
       taz: … den der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) im Sommer 2023 in
       Reaktion auf mutmaßlich schwere Straftaten im Görlitzer Park einberufen
       hatte und der in die Einzäunung des Parks mündete. [2][Für die meisten der
       über den Zaun hinaus beschlossenen sozialen und gesundheitspolitischen
       Maßnahmen gab es nur eine zweijährige Finanzierung]. Was ist beim Haus der
       Hilfe der Stand? 
       
       Mutter: Wir hier in der Gesundheitsverwaltung haben für den Doppelhaushalt
       2026/27 die Mittel bewilligt bekommen, dieses Haus in Kooperation mit
       anderen Senatsverwaltungen als Komplexangebot zu entwickeln. Wir haben
       bereits ein Objekt im Auge, was nicht mitten in einem Wohngebiet wäre.
       Damit könnten auch Einwendungen der Nachbarschaft vorgebeugt werden. Dann
       kommt der Planungsweg und dann die Frage der Finanzierung. Es ist davon
       auszugehen, dass wir vier Zentren brauchen. Diese müssten im Stadtgebiet
       gut verteilt sein, weil Menschen, die konsumieren, eine Raumbindung haben.
       Sie fahren nicht vom [3][Leopoldplatz] nach Neukölln, um dort zu
       konsumieren.
       
       taz: Im September sind in Berlin Wahlen. Glauben Sie, dass eine anders
       gefärbte Regierungskoalition, Rot-Rot-Grün etwa, den Findungs- und
       Finanzierungsprozess beschleunigen könnte? 
       
       Mutter: Mein Eindruck ist, dass die Fragestellung bei allen demokratischen
       Parteien angekommen ist. [4][Nicht umsonst gibt es das Ziel, eine
       gesamtstädtische Strategie] an den Start zu bekommen. Wir hätten ja auch
       jetzt schon die Möglichkeit, mehr Konsumräume zu etablieren. Es scheitert
       an der Frage, wo die Räume herkommen. Was man natürlich tun könnte, wäre,
       die städtischen Wohnungsbaugesellschaften mehr in die Pflicht zu nehmen.
       Aber das ändert nichts am Widerstand der Anwohnerschaft: Not in my
       backyard. Das ist ein Kreislauf, den wir kaum aufgelöst bekommen.
       
       taz: Klingt ganz schön frustrierend. Woher nehmen Sie da noch Ihren Elan? 
       
       Mutter: Ich bin Pragmatikerin. Demokratische Prozesse brauchen einfach
       Zeit. Dazu kommt: Was wir hier in der Öffentlichkeit sehen, ist nur die
       Spitze des Eisbergs. Die organisierte Kriminalität schläft nicht. Die
       Entwicklung der Drogen auf dem Markt geht schneller, als wir unsere
       Angebote an den Start bekommen. Was wir tun können, ist, Türen zu öffnen,
       damit die drogenabhängigen Menschen nicht auf der Straße konsumieren,
       sondern in Einrichtungen versorgt werden. Das ändert aber nichts daran,
       dass die Gesellschaft zu einem gewissen Grad mit dem Phänomen des Konsums
       im öffentlichen Raum leben muss.
       
       15 Jul 2026
       
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