# taz.de -- Vertreibung von Obdachlosen: Kein Platz mehr unter der Brücke
> Unter der Lessingbrücke in Moabit suchten Obdachlose Schutz vor Hitze und
> Regen. Nun sperrte die Stadt den Platz aufgrund von Sicherheitsbedenken.
(IMG) Bild: Kein Schlafplatz, sondern ein Zaun: Der Senat greift durch
Es ist ein heißer Sommertag, aber unter der Lessingbrücke in Moabit ist es
angenehm kühl. Die Brücke spendet Schatten, von der Spree zieht ein
leichter Luftzug herüber. Zwischen den mächtigen Brückenpfeilern erstreckt
sich eine breite Betonfläche. Seit Jahren nutzen obdachlose Menschen den
Platz als Schlafplatz – im Sommer bietet er [1][Schutz vor Sonne und
Hitze], im Winter vor Regen und Wind. Einer der Bewohner hatte dort sogar
einen kleinen Bücherstand aufgebaut. Romane, Reiseführer und Sachbücher
konnten gegen eine Spende mitgenommen werden.
Doch seit einigen Tagen ist der Platz nicht mehr zugänglich. Ein knapp drei
Meter hoher Metallzaun versperrt den Zugang zum Bereich unter der Brücke,
in dem bislang übernachtet wurde. Der Uferweg an der Spree bleibt zwar
passierbar, doch hinter den Gitterelementen ist der Platz menschenleer. Vor
dem Zaun liegen noch immer einige Bücher, als hätte jemand den kleinen
Stand überstürzt zurücklassen müssen.
Errichtet wurde die Einzäunung von der Senatsverwaltung für Mobilität,
Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Auf taz-Anfrage teilt ein Sprecher mit,
die Maßnahme habe 4.900 Euro gekostet. Den Vorwurf, damit Obdachlose
vertreiben zu wollen, weist die Senatsverwaltung zurück. Die Einzäunung
diene dem Schutz der Brücke. „In der Vergangenheit wurden einzelne Brücken
aufgrund von Brandeinwirkungen zum Teil erheblich geschädigt. Eine
Bauwerkskontrolle ergab Hinweise, dass unter der Lessingbrücke auf dem
Widerlagersockel wiederholt und widerrechtlich Feuerstellen eingerichtet
worden waren“, teilt der Sprecher mit. Aus diesem Grund sei der Bereich
abgesperrt worden.
Dass Feuer unter Brücken ein Sicherheitsproblem darstellen können, stellt
die Berliner Stadtmission nicht infrage. „Das ist nachvollziehbar, was der
Senat da sagt“, sagt Sprecherin Barbara Breuer zur taz. Das eigentliche
Problem werde dadurch jedoch nicht gelöst. „Für obdachlose Menschen gibt es
in dieser Stadt immer weniger Orte, an denen sie sich noch aufhalten
dürfen. Die große Frage ist: Wo dürfen sie sein?“ Breuer zählt auf: „Nicht
in Einkaufszentren, nicht auf Bahnhöfen, nicht in Parks, nicht auf
Spielplätzen, nicht in Hauseingängen, nicht in den S- und U-Bahnen – diese
Liste ist beliebig erweiterbar, weil sie eigentlich nirgends sein sollen.
Aber sie können sich auch nicht in Luft auflösen.“
## Feindliche Architektur
Die Obdachlosen von der Lessingbrücke, so Breuer weiter, müssten sich nun
einen neuen Schlafplatz suchen und erhielten zugleich die Botschaft: „Ihr
seid hier unzumutbar, wir müssen uns vor euch schützen!“ Seit Jahren
fordert die Stadtmission deshalb zusätzliche Tagesaufenthalte für
Obdachlose, deren Zahl zudem Jahr für Jahr steigt. „Es müsste mehr
[2][‚Safer Places‘] geben, mit Mindeststandards der Hygiene, wo Menschen
sich aufhalten können und erwünscht sind“, sagt Breuer. Dort könnten
Fachkräfte individuell auf die Menschen eingehen und gemeinsam nach Wegen
suchen, ihre Lebenssituation zu verbessern.
Doch der Trend geht in die andere Richtung: Seit Jahren wird über
sogenannte „defensive“ oder [3][„obdachlosenfeindliche Architektur“]
diskutiert. Gemeint sind bauliche Maßnahmen, die verhindern sollen, dass
obdachlose Menschen öffentliche Orte zum Sitzen, Liegen oder Übernachten
nutzen. Dazu gehören etwa Metallbügel auf Parkbänken, stark unterteilte
oder gewölbte Sitzflächen, helle Dauerbeleuchtung, Beschallung mit Musik
oder Durchsagen sowie eben Absperrungen unter Brücken.
Ob der Zaun unter der Lessingbrücke als notwendiger Brandschutz oder als
weiteres Beispiel für obdachlosenfeindliche Architektur zu werten ist, mag
unterschiedlich gesehen werden. Unabhängig davon steht er exemplarisch für
eine seit Jahren zu beobachtende Entwicklung: Die Orte, an denen obdachlose
Menschen bleiben können, werden immer weniger.
30 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Raphael Schmeller
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