# taz.de -- Debatte über queere Kunst in der DDR: Lesbische Ikonen und der Sozialismus
       
       > Ein Podium will dem Leitbild der sozialistischen Ehe entkommen. Daher
       > wurde dort das Schicksal lesbischer Künstlerinnen in der DDR
       > aufgearbeitet.
       
 (IMG) Bild: Zwei sitzende Mädchen, 1922-1940er Jahre, Bronze von Dorothea von Philipsborn
       
       Es könnte einer jener stillen Momente sein, die man an Badeseetagen kurz
       vor Einsetzen der Abendmelancholie beobachtet: Zwei Frauen sitzen
       vorsichtig aneinandergelehnt, die Oberkörper zwischen den nach hinten
       gestützten Armen eingehängt. Das Knie der einen berührt das Bein der
       anderen. Ihre Blicke sind gesenkt, intim, aber auch traurig.
       
       [1][Dorothea von Philipsborn] hat den Moment mit ihrer Bronze-Skulptur
       „Zwei Mädchen“ eingefangen. Noch bis diesen Sonntag ist sie in der
       Ausstellung „Queere Kunst in der DDR?“ in der Berliner Galerie „neue
       Gesellschaft für bildende Kunst“ zu sehen. Man merke den Werken an, dass
       lesbische Künstler:innen Ausgrenzung erfuhren, sagt Birgit Bosolt: „Die
       Künstlerinnen gucken aus einer queeren Erfahrung heraus. Auch wenn sie ein
       Auto oder eine Straße malen, sieht man diese Erfahrung.“
       
       Bosolt ist Vorstandsmitglied des Schwulen Museums Berlin. Bei einer
       Podiumsdiskussion in der Berliner nGbK sprach sie am Mittwoch mit der
       Radio-Autorin Judith Geffert und der Literaturwissenschaftlerin Nina Weller
       über lesbische Kunst in der DDR. Von Beginn an weitete das Podium den Blick
       über die DDR hinaus, denn auch in der Bundesrepublik seien die wenigsten
       Menschen, die man heute als queer bezeichnen könnte, offen lesbisch
       aufgetreten.
       
       Zwar sei queeres Leben in der DDR juristisch weniger verfolgt worden als in
       Westdeutschland, erklärt Bosolt. Doch auch dort seien Lesben stigmatisiert
       worden. „Die [2][sozialistische Ehe] war schon das Leitbild.“
       
       ## Anlaufstelle für queeres Leben
       
       Rita „Tommy“ Thomas konnte sich diesem Leitbild entziehen. 1931 geboren,
       lebte sie in einer offen lesbischen Beziehung in Ostberlin und betrieb dort
       einen Hundesalon. Ihre Privatwohnung war ab den 1960er Jahren eine
       Anlaufstelle für queeres Leben in der Stadt. In ihren Fotografien, die in
       der Ausstellung zu sehen sind, hielt sie diese Zeit fest. Immer wieder ist
       sie darauf auch selbst zu sehen, in Hose, mit Elvis-Frisur und einem sehr
       großen Hund an ihrer Seite.
       
       Es sind Ikonen, die man in der Ausstellung kennenlernt. „Wir gewinnen
       Vorbilder, an denen wir uns orientieren können“, sagt Judith Geffert. Sie
       beschäftigt sich in Radiobeiträgen und ihrer Forschung mit feministischen
       Gruppen in der DDR. Das Bedürfnis nach solchen Ikonen führt sie darauf
       zurück, dass lesbisches Leben in der Geschichtsschreibung systematisch
       verdrängt werde. Das Podium widmete sich einer Aufarbeitung.
       
       So richtig um die DDR ging es dabei allerdings nicht, eine Leerstelle, der
       sich die drei Sprecherinnen bewusst waren. Ist in den Werken etwa ein
       bestimmtes Frauenbild zu erkennen? Unter welchen Bedingungen entstand die
       Kunst, insbesondere die jener Frauen, die sich nicht wie die
       Skulpturbildnerin Dorothea von Philipsborn mit Großaufträgen etablieren
       konnten?
       
       Von Philipsborn zum Beispiel, die auch für die Nationalsozialisten
       gearbeitet hatte, konnte durch Staatsaufträge ihre fünf Lebenspartnerinnen
       mitversorgen. Es wird nicht zuletzt ihre Haltung zum DDR-Regime gewesen
       sein, die ihr die Freiheit ermöglichte, einen Moment der Ruhe und Intimität
       zu erleben.
       
       25 Jun 2026
       
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