# taz.de -- Führung zu queerer Kunst: „Die Guides geben den Touren einen persönlichen Touch“
> Erotische Gött*innenbilder, Homosexualität und Zweiväterfamilien: Einmal
> im Monat gibt es in Hamburgs Kunsthalle eine Führung mit queerem Blick.
(IMG) Bild: Friedrich Carl Gröger und Heinrich Jakob Aldenrath hatten eine Tochter. Sie haben sich auch als Paar im selben Bild porträtiert
taz: Jenny Saitzek, warum ist Queerness nicht nur ein Trend?
Jenny Saitzek: Queerness gab es schon immer – nur nicht unter diesem Namen.
[1][Gleichgeschlechtliches Begehren] sowie vielfältige Identitäten und
Lebensweisen hat es in allen Zeiten gegeben. Früher wurden sie nur anders
oder gar nicht bezeichnet.
taz: Welche Bedeutung hat und hatte das Queersein in der Kunst?
Saitzek: Queersein hat in der Kunst eine große Bedeutung – früher wie
heute. Queerness bedeutet auch Gemeinschaft: Künstler*innen haben sich
oft zusammengeschlossen und tun dies auch heute noch, um sich gegenseitig
zu unterstützen. Außerdem prägen queere Künstler*innen und Ally-Artists
die Kunst mit ihren Themen und Perspektiven. Ihre Werke sind ein wichtiger
Teil der Kunstgeschichte und der Gegenwart.
taz: Sie bieten ja eine Tour in der Hamburger Kunsthalle an, wobei Sie zu
diesem Thema Kunstwerke beleuchten. Wie kann man sich diese Tour
vorstellen?
Saitzek: Die Tour ist eine dialogische Führung über queere Perspektiven in
der Kunstgeschichte. Das heißt, das Publikum wird angeregt, in den Dialog
mit den Kunstvermittler*innen etwa zu queerer Geschichte und queeren
Identitäten zu gehen. Die wechselnden Guides geben den Touren jeweils einen
persönlichen Touch. Die inhaltlichen Schwerpunkte orientieren sich hierbei
an der Symbolik von Binarität, erotische Ausdrücke in
Gött*innenliebschaften, die Homosozialität und Homosexualität in
Freundinnen- und Heiligenbildern sowie den neuzeitlichen
Auseinandersetzungen zu Queerness und dem sozialen Geschlecht. Die
Spannbreite erstreckt sich über acht Jahrhunderte Kunstgeschichte bis in
die Gegenwart.
taz: Sind da Kunstwerke dabei, die durch ihre Geschichte besonders
herausstechen?
Saitzek: Ja, zum Beispiel das „Selbstbildnis mit der Pflegetochter Lina
Gröger und dem Maler Heinrich Jakob Aldenrath“ von [2][Friedrich Carl
Gröger] von 1804. Das Gemälde veranschaulicht die oft unbenannte Queerness
in der Kunstgeschichte. Zu sehen sind zwei Hamburger Maler und deren
Pflegetochter. Oft liest man über die beiden Zuschreibungen wie
„Männerfreundschaft“ und man muss ein wenig recherchieren, um dann
herauszufinden, dass sie ein offen schwules Leben geführt und als
Regenbogenfamilie gelebt haben. Bei vielen sorgt gerade dieses Bild
deswegen für einen Aha-Moment.
taz: Kann Queerness in der Kunst heute wesentlich offener gelebt werden?
Saitzek: Ja, ich würde sagen, insgesamt ist Queerness in der Kunst heute
sichtbarer und kann oft offener gelebt werden als früher. Gleichzeitig ist
Offenheit keine Selbstverständlichkeit und nicht überall gleichermaßen
gegeben. Deshalb bleibt es wichtig, queere Perspektiven sichtbar zu machen,
darüber zu sprechen und sie aktiv zu unterstützen. Kunst kann dazu
beitragen, Vielfalt sichtbar zu machen und gesellschaftlichen Dialog zu
fördern.
taz: Warum ist es heute relevant, einen Kontext zu queerer Geschichte
herzustellen?
Saitzek: Queere Geschichte ist Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Dennoch
werden queere Perspektiven auch heute noch oft übersehen oder bewusst
ausgeblendet. Unsere Führungen schaffen einen Ort, an dem sich queere
Menschen gesehen fühlen, und laden gleichzeitig Menschen ohne
Berührungspunkte dazu ein, sich mit queerer Geschichte auseinanderzusetzen.
Kunst kann Brücken bauen und für unterschiedliche Lebensrealitäten
sensibilisieren. Gerade in einer Zeit, in der der gesellschaftliche
Gegenwind wieder stärker wird, ist es wichtig, Haltung zu zeigen.
27 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Innerfeministische-Debatten/!5838342
(DIR) [2] /Projekt-Queer-History-Month/!6006132
## AUTOREN
(DIR) Berenike Oldenburg
## TAGS
(DIR) Soziale Bewegungen
(DIR) Queer
(DIR) Kunsthalle Hamburg
(DIR) Queer
(DIR) Uganda
(DIR) Kolumne Diskurspogo
(DIR) Kunst
(DIR) DDR
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Queeres Theater in der Kirche: Die Kirche sagt Sorry
Queer, bunt, musikalisch: Das Theaterstück „Queeratorio“ in der Neuköllner
Genezarethkirche lädt dazu ein, über Gemeinschaft und Glauben nachzudenken.
(DIR) Abschiebung aus Deutschland: „Wenn du das hier liest, bin ich schon weg“
Uganda hat eines der schärfsten Anti-LGBTQ-Gesetze weltweit. Dennoch hat
Deutschland nun eine junge lesbische Frau in ihre alte Heimat abgeschoben.
(DIR) Kultur verteidigen: Gegen den Kulturkampf kämpfen
Kulturabbau ist Teil von Demokratieabbau – das haben Rechte verstanden.
Deshalb ist es Zeit, dass Linke dem was entgegensetzen.
(DIR) Debatte über queere Kunst in der DDR: Lesbische Ikonen und der Sozialismus
Ein Podium will dem Leitbild der sozialistischen Ehe entkommen. Daher wurde
dort das Schicksal lesbischer Künstlerinnen in der DDR aufgearbeitet.
(DIR) Ausstellung „Queere Kunst in der DDR“: Sie gehörten zur Familie
Doch es gab sie: „Queere Kunst in der DDR“. Eine Berliner Ausstellung füllt
Lücken in der Kunstgeschichte und erzählt von filmreifen Lebenswegen.