# taz.de -- Hitzewelle in Frankreich: „Hundstage“ wie noch nie
       
       > In Bordeaux werden erstmals 44 Grad gemessen. Eigentlich sollte
       > Frankreich vorbereitet sein auf die extreme Hitze. Doch überall wird
       > improvisiert.
       
 (IMG) Bild: Hitzewelle in Frankreich, auf den Baustellen wird trotzdem gearbeitet
       
       Es steigt und steigt, das Thermometer, [1][auf der Wetterkarte der
       Fernsehmeteorologen] ist fast ganz Frankreich tiefrot eingefärbt. Das
       bedeutet: Achtung, Hitzealarm! Der Alltag wird eine Überlebensfrage. Sehr
       heiße Sommer hatte das Land ja schon mehrfach erlebt, doch derzeit werden
       neue Rekorde registriert: bis 42 Grad in der Hauptstadt, bis 44 Grad in
       Bordeaux im Westen.
       
       Geradezu kühl machen sich die Messungen an der Côte d’Azur aus, wo die
       Temperatur mit knapp über 30 Grad angenehm bleibt. Eine verkehrte Welt, wie
       dies eigentlich mit der Klimaerwärmung zu erwarten war.
       
       Dennoch gibt sich Frankreich total überrascht. Denn überall wird
       improvisiert, um das Schlimmste zu verhüten: eine Tragödie wie 2003, sowie
       für alle, die irgendwie für andere Verantwortung tragen, spätere Vorwürfe
       und Anschuldigungen. Wer übrigens dachte, dass aus dem Desaster vom
       [2][Hitzesommer 2003] alle möglichen und notwendigen Lehren gezogen wurden,
       hat sich getäuscht.
       
       Damals wurde von der (zu Recht heftig kritisierten) Regierung angeordnet,
       dass der [3][Pfingstmontag künftig kein Feiertag mehr] sei. Dank der
       „Fronarbeit“ an diesem bisherigen Feiertag sollten Milliarden eingenommen
       werden, die dem Hitzeschutz der Schwächsten dienen sollte. Klimaanlagen und
       die Einstellung und Ausbildung von mehr Personal in den Altenheimen,
       Kinderkrippen und Schulen sollten so finanziert werden. Seit mehr als 20
       Jahren fragt man sich in Frankreich, wohin das Geld geflossen ist. Sehr
       populär war die Idee mit dem abgeschafften Pfingstmontag ohnehin nicht, die
       meisten wollen ihren arbeitsfreien Tag.
       
       Heute liegt der Anteil der mit effizienten Klimaanlagen ausgestatteten
       Wohnungen und Geschäfte im Ländervergleich mit 25 Prozent weiter hinter
       Italien. Dort sind es rund 50 Prozent, in Japan angeblich sogar 90.
       
       Was sich bislang aus ökologischer Sicht durchaus positiv ausgemacht hat,
       wird nun als Rückstand bedauert. Im Fernsehen erklärte sogar ein Experte
       des Weltklimarats IPCC, François Gemenne, die umweltbewussten Franzosen
       müssten kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie eine Klimaanlage
       installieren lassen. Jeder ist sich selbst der Nächste, um bei dieser Hitze
       zu überleben.
       
       ## 800 Schulen kurzerhand geschlossen
       
       Behörden und Unternehmen improvisieren. Für viele ist es möglich, im
       Homeoffice zu arbeiten. 800 Schulen wurden in dieser Woche kurzerhand
       geschlossen, weil die Räume ofenheiß sind. Mittelschulexamen werden in der
       Hoffnung auf kühlere Tage verschoben.
       
       Wie viele hat auch der Bürgermeister des Pariser Vororts
       Issy-les-Moullineaux die Eltern per Mail informiert, sie sollten ihre
       Kinder vorzugsweise mittags nach Hause holen, weil in den öffentlichen
       Schulen der Unterricht nur am Vormittag stattfindet. Am Nachmittag gibt es
       nur einen minimalen Hütedienst ohne LehrerInnen.
       
       Der Großteil der Eltern ist überrumpelt und nicht immer können Großeltern
       oder Nachbarn einspringen. Und abgesehen davon: Zu Hause ist die Hitze für
       die Kleinen nicht weniger unerträglich als in der Schule.
       
       ## Alkoholverbot bei der Fête de la Musique
       
       Die Behörden haben wenig Fantasie: [4][Bei der Fête de la Musique am 21.
       Juni wurde kurzerhand der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit untersagt],
       manche Kommunen haben die Party einfach abgesagt. So kann ihnen niemand
       sagen, sie hätten nichts unternommen und seien unvorbereitet gewesen.
       
       Nur für die Medien ist diese Hitze ein tolles Thema. Sie zeigen beim
       Pariser Kanal Saint-Martin Tausende, die baden, und Jugendliche, die (trotz
       amtlichem Verbot) von einer Metallbrücke ins Wasser springen. Und vor
       Kameras erklären alle wie einstudiert, jetzt müsse man viel trinken und
       Tags über die Fenster und Rollläden schließen.
       
       Und dann lässt sich endlos auch über die Herkunft des Worts „Canicule“
       debattieren. Aufgrund der Etymologie und der lateinischen Wurzel Canis für
       Hund liegt nahe, dass damit schlicht die Hundstage gemeint sind. Nur können
       da speziell erhitze Gemüter einwenden, [5][Canicula (auch Sirius genannt)]
       sei ein besonders hell leuchtender und darum wohl heißer Fixstern, der seit
       der Antike an den heißesten Tagen seit der Antike beobachtet werde,
       [6][belehrt uns Le Figaro].
       
       24 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://meteo.franceinfo.fr/vigilance-meteo-france
 (DIR) [2] /Eine-Mordshitze/!716360/
 (DIR) [3] /Ein-Feiertag-fuer-Frankreichs-Alte/!688239/
 (DIR) [4] /Fete-de-la-Musique/!6189431
 (DIR) [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Sirius
 (DIR) [6] https://www.lefigaro.fr/langue-francaise/actu-des-mots/chaleur-qui-grimpe-de-la-vague-au-pic-20260602
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Balmer
       
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