# taz.de -- Rekordhitze in Italien: Der Fluch der Klimaanlage
       
       > Von Venedig bis Rom herrscht in Italiens Großstädten die höchste
       > Hitzealarmstufe Rot. Doch Hitzepläne aufzustellen, ist Sache der
       > Kommunen.
       
 (IMG) Bild: Brunnen an jeder Ecke: neben Klimaanlagen die zweite Säule der Hitzeresilienz
       
       Eintönig ist das Wetter gegenwärtig in Rom. Schon seit Tagen klettert das
       Thermometer mittags auf 36 Grad im Schatten – und noch auf Tage hinaus,
       mindestens bis Ende Juni, soll es so bleiben, soll gar am Sonntag und
       Montag eine Spitze von 39 Grad erreicht werden.
       
       Wirkliche Abkühlung bringen auch die Nächte nicht, selbst um vier Uhr
       morgens werden noch 24 Grad gemessen. Mit solchen Werten steht Rom
       keineswegs allein da; noch härter schlägt die Hitzewelle gegenwärtig in der
       norditalienischen Poebene, in Bologna oder Mailand, zu. In Florenz wiederum
       dürfte in den nächsten Tagen auch die 40-Grad-Marke geknackt werden. Und
       [1][in Süditalien wüten erste Waldbrände].
       
       Die Regierung rief daraufhin die höchste Hitzealarmstufe Rot für 16
       Großstädte Nord- und Mittelitaliens aus, von Turin über Venedig, Mailand
       und Bologna bis nach Rom. Es war [2][nicht das erste Mal in diesem Jahr].
       Statt Taten hat das Gesundheitsministerium allerdings vor allem warme Worte
       für die Bürger*innen. So gibt es etwa die Anregung, man solle sich am
       besten in den heißesten Stunden, von 11 bis 18 Uhr, nicht in der Sonne
       aufhalten. Stattdessen solle man in der eigenen Wohnung den kühlsten Raum
       aufsuchen. Und selbstverständlich solle man sich leicht und luftig kleiden,
       am besten Baumwolle oder Leinen, am besten in hellen Farben.
       
       ## Hitzepläne sind Sache der Kommunen
       
       Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass sich an diese Maßgabe sowieso alle
       halten: Wirklich niemand unter den wenigen, die sich mittags vor die Tür
       wagen, ist in Winterjacke oder auch nur im Hoodie unterwegs. „Viel Wasser
       trinken“ ist ein weiterer, gut gemeinter Ratschlag – ebenso wie der, doch
       auf schwere Kost wie Lammbraten zugunsten von reichlich Obst und Gemüse zu
       verzichten.
       
       Ein bisschen was tut der Staat aber auch praktisch. So haben zahlreiche
       Regionen [3][vom Piemont im Norden über die Toskana und das Latium in
       Mittelitalien zu Apulien und Kalabrien im Süden] für die Landwirtschaft und
       den Bausektor Arbeitsverbote verfügt. Bei großer Hitze ist in diesen
       Branchen jede Tätigkeit im Freien von 12.30 Uhr bis 16 Uhr einzustellen.
       Die Regierung in Rom unterstützt diese Maßnahmen, indem sie die
       Kurzarbeitskasse zum Lohnausgleich für die so ausfallenden Arbeitsstunden
       öffnete.
       
       Ansonsten sind „Hitzepläne“ Sache der Kommunen – und die reagieren sehr
       unterschiedlich. Die Stadt Rom hat als konkrete Maßnahme vor allem für alle
       über 70-Jährigen fünf Gratistickets in diversen Schwimmbädern der Stadt zu
       bieten; außerdem gibt es eine Notfallnummer für alte Leute.
       
       ## Hitzevorsorge trifft man privat
       
       Eine Notfallnummer hat auch Turin – bietet aber ansonsten einiges mehr. So
       sind quer über die Stadtviertel insgesamt 19 „klimatisierte Zentren“
       geöffnet, in denen hitzegeschädigte Bürger*innen in den
       Nachmittagsstunden zwischen 14.30 Uhr und 19 Uhr durchatmen können.
       Außerdem werden quer übers Stadtgebiet auf den Straßen Stände aufgebaut, an
       denen Ärzt*innen der Kundschaft den Blutdruck messen und im Gespräch
       kritische Situationen herauszufinden suchen.
       
       Vorsorge aber treffen die Menschen in Italien vor allem privat. Eine
       Erhebung der ärztlichen Vereinigung für Umweltmedizin ergab, dass
       mittlerweile rund 60 Prozent der 26 Millionen Wohnungen im Land
       klimatisiert sind, und dass sich diese Zahl allein in den Jahren seit 2013
       verdoppelt hat. Über die „aria condizionata“, die [4][Klimaanlage],
       verfügen in Italien standardmäßig auch so gut wie alle Büros und
       Ladengeschäfte ebenso wie die öffentlichen Verkehrsmittel, in denen gerne
       auch schon mal Kühlschranktemperaturen herrschen.
       
       Kaum jedoch wird debattiert, wie zweischneidig diese Antwort ist – und das
       nicht bloß, weil sie wie zum Beispiel in Turin wegen Überlastung des Netzes
       immer wieder für Stromausfälle sorgt. Entscheidender wohl – und kaum
       angesprochen – ist der Punkt, dass die Klimaanlagen dafür sorgen, dass es
       drinnen angenehm frisch ist, dass ihre reichliche Nutzung per Abwärme und
       steigendem Energieverbrauch jedoch zur weiteren Erhitzung der Städte und
       damit direkt zur Klimakrise beiträgt.
       
       23 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5438059
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Braun
       
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