# taz.de -- Erinnerung an Fatih Saraçoğlu: Bis heute nichts
> Der Regensburger Fatih Saraçoğlu wurde in Hanau von einem
> Rechtsextremisten ermordet. Angehörige und Freunde kämpfen für eine
> Stätte des Gedenkens.
(IMG) Bild: Familie und Freunde von Fatih Saraçoglu in Regensburg am 17. Juni: Savas Göksu, Hayrettin Saraçoğlu, Derya Saraçoğlu, Magamod Yusupov
Sie sprechen lebhaft, manchmal erzählen sie von schönen, von heiteren
Erlebnissen mit ihm. Manchmal lachen sie auch. Sie sitzen draußen in einem
Restaurant am Rande der Regensburger Altstadt.
„Er war mein bester Freund“, sagt Derya Saraçoğlu, die später den älteren
Bruder heiratete, also seine Schwägerin wurde. „Er war diszipliniert,
ehrlich, humorvoll“, berichtet Magamod Yusupov, sein einstiger Boxtrainer
bei der katholischen Jugendfürsorge.
Savas Göksu erinnert sich an Begegnungen im Jugendzentrum: „Ein cooler
kleiner Junge mit Cap, immer freundlich.“ Yusuf Yesilova erzählt: „Mit
sechs oder sieben Jahren haben wir uns kennengelernt. Mit dem Fahrrad sind
wir in die Moschee gefahren, und wir haben viel Fußball gespielt.“ Und der
ältere Bruder, Hayrettin Saraçoğlu, spricht von einem schönen Urlaub in
İskilip in der Türkei, dem Heimatort der Eltern. „In einem alten,
historischen Haus.“
Man meint, dass der, um den es hier geht, mit am Tisch sitzt – Fatih
Saraçoğlu, ein Mann aus Regensburg, im April 1985 geboren. Doch er ist
nicht da. Fatih wurde am 19. Februar 2020 ermordet, weil er türkische
Wurzeln hatte, er wurde 34 Jahre alt. Ermordet [1][in Hanau] von einem
Rassisten und Verschwörungsanhänger. Bei dem rechtsterroristischen Attentat
erschoss er neun Menschen mit migrantischen Wurzeln, ein Mann starb später
an den Folgen seiner Verletzungen. Im Anschluss brachte der Täter seine
Mutter um und verübte Suizid.
## Gegen das Schweigen
Bis jetzt, mehr als sechs Jahre danach, haben die Menschen in Regensburg,
die Fatih nahe waren – und nicht nur die –, keinen Ort des Gedenkens, der
Erinnerung, der Trauer. In Hanau gibt es den [2][Platz des 19. Februar],
ein Mahnmal ist in der hessischen Stadt beschlossen und in Arbeit. Auch für
alle zehn Mordopfer des Nationalsozialisten Untergrunds (NSU) sind in deren
Heimatstädten [3][ständige Gedenkorte] errichtet worden – Mahnmale, Tafeln,
Steine. Plätze wurden nach ihnen benannt.
Nur in Regensburg gibt es nichts. Die Verwandten und Freunde sitzen am
Schwanenplatz. Hier hat der Künstler Jonas Höschl eine „Intervention“ gegen
das Schweigen in der Stadt gemacht in Zusammenarbeit mit dem Neuen
Kunstverein. Gut zwei Monate lang bis Ende Mai wurde der Ort zum
„Fatih-Saraçoğlu-Platz“.
Ein großes Schild mit dieser Aufschrift stand an der „Kunsthaltestelle“.
Jede halbe Stunde lief das Gedicht „In der Sprache des Mörders“ vom Band.
Verfasst hat es die Schwägerin Derya Saraçoğlu. Der Nürnberger Autor
[4][Mutlu Koçak] hat sich schon viel für die Hanau-Hinterbliebenen und das
Gedenken an die Opfer eingesetzt. Über die Aktion sagt er: „Fatih Saraçoğlu
gehört zu Regensburg – nicht nur für diese Zeit, sondern für immer.“
Schon vor Jahren hatten sich der Bruder Hayrettin Saraçoğlu und seine Frau
Derya an die Stadt Regensburg und die damalige Oberbürgermeisterin Gertrud
Maltz-Schwarzfischer (SPD) gewandt.
## Sie hat bereut
Wohlgemerkt: Sie sind auf die Stadt zugegangen, diese war von sich aus nie
mit den Angehörigen in Kontakt getreten. Was dann geschehen oder eben nicht
geschehen ist, lässt sich nicht mehr ganz genau herausarbeiten.
Die Familie sagt, Maltz-Schwarzfischer habe das erste Mal direkt mit ihr
gesprochen, nachdem Derya Saraçoğlu in einer Rede auf einer
Antirassismusveranstaltung im März 2025 die Stadt wegen des Nichtstuns
massiv angegangen hatte. Ein Brief von der Stadt ist offenbar in den Mühlen
der Verwaltung untergegangen.
So ungefähr erzählt das auch Daniel Gaittet von der
Grünen-Stadtratsfraktion. Er traf den Bruder und die Schwägerin erstmals
2025. „Es ist ein guter Kontakt entstanden“, sagt er. Über die
Stadtverwaltung meint er: „Ich glaube nicht, dass da böser Wille
dahintersteckt. Hier trifft einfach berechtigte Emotion auf kalte
Verwaltungskultur.“
Laut Derya Saraçoğlu habe die frühere Oberbürgermeisterin versprochen, sich
um einiges zu kümmern. Die Rede sei gewesen von einer Grabsteinlegung,
einer Ausstellung, einem Denkmal und der Benennung einer Straße nach Fatih
Saraçoğlu. Von all dem gibt es bis heute nichts.
## Wie entsetzlich dieser Mord ist
Gertrud Maltz-Schwarzfischer ist laut Pressestelle der Stadt derzeit
verreist und nicht erreichbar. Zu der Kunstintervention jetzt im April und
Mai kam sie. Derya Saraçoğlu sagt: „Sie hat bereut, dass nichts passiert
ist. Und wünschte, dass sie viel früher Kontakt aufgenommen hätte.“
Fatih Saraçoğlu hatte Schweißer gelernt, zwei Jahre vor seiner Ermordung
war er nach Frankfurt am Main gezogen. Dort wollte er sich als
Schädlingsbekämpfer selbstständig machen. In Hanau, 30 Kilometer von
Frankfurt entfernt, begleitete er einen Bekannten zu einer Bar, vor ihr
wurde er auf offener Straße erschossen. Weil er wie ein Mensch mit
Migrationswurzeln aussah.
Bei dem Gespräch mit den Angehörigen und Freunden bricht erst nach einer
Weile auf, wie entsetzlich dieser Mord ist und wie unglaublich grausam auch
die Folgen sind.
Hayrettin und Derya Saraçoğlu hatten einen Handel mit türkischen
Spezialitäten, sie gingen auf Märkte, verkauften im Internet. Derya sagt:
„Durch den Tod haben wir das aufgegeben.“ Sie hat den Shop eine Zeit lang
weiterbetrieben, ihr Mann konnte nicht mehr. „Er hatte Wahnvorstellungen,
ist nachts aufgestanden, um den Bruder zu suchen.“ Beide leiden an
Depressionen.
## Die CSU-Fraktion reagiert nicht
Das Paar hat sich getrennt. Derya Saraçoğlu meint: „Ich habe Fatih und
meinen Mann verloren. Wir sind Freunde, aber kein Ehepaar mehr.“ Hayrettin
Saraçoğlu ist Frührentner, er pflegt seinen schwer kranken bettlägerigen
Vater. Sie macht gerade eine Umschulung zur Kauffrau und betreut die drei
Kinder, diese sind 11, 16 und 18 Jahre alt. Und sie sagt: „Ich schäme mich
dafür, glücklich sein zu dürfen.“
Kommt nun ein Denkmal, eine Straßenbenennung? Verwaltungen können langsam,
aber auch sehr schnell sein. Der Grüne Gaittet ist der Ansicht: „Die Stadt
muss sich um ein angemessenes Gedenken kümmern.“
Und zwar zusammen mit den Angehörigen. Der neue Oberbürgermeister, Thomas
Burger (SPD), antwortet auf konkrete Fragen wolkig: „Die Tat in Hanau wird
nicht vergessen.“ Gedenken habe es schon bei Veranstaltungen gegeben.
SPD-Fraktionschef Alexander Irmisch schreibt: „Wir unterstützen die Idee,
am früheren Wohnhaus von Fatih Saraçoğlu eine Erinnerungsplakette
anzubringen.“ Zudem sollte an zentraler Stelle „ein Ort entstehen, der an
die Opfer rassistischer und extremistischer Gewalt erinnert“. Die
CSU-Fraktion hat auf eine Anfrage der taz nicht reagiert.
„Ich schreie, aber kein Ton kommt aus mir heraus, niemand hört mich.“ Das
schreibt Derya Saraçoğlu in ihrem Gedicht. Sie sagt, sie verarbeitet damit
viel. Auch zeichnet sie. So hat sie ein Porträt von Fatih Saraçoğlu
gefertigt. Und nicht nur von ihm, sondern von allen neun Ermordeten.
24 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Patrick Guyton
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