# taz.de -- Elspeth Barker „O Caledonia“: Die Unverstandene
       
       > Barkers einziger Roman „O Caledonia“ spielt in der romantischen
       > Landschaft der schottischen Highlands. Der Humor ist finster.
       
 (IMG) Bild: Eine unausgesprochene, aber stets präsente Verbündete hat die Heranwachsende: die Natur
       
       Dieser Roman beginnt, gothic genug, mit der Leiche einer jungen Frau,
       malerisch hingegossen in der großen Halle eines alten Schlosses in
       Schottland, „verdreht und zusammengesunken in blutigem, mörderischem Tod“.
       Aber dieses Eingangsbild, das wie einem klassischen Schauerroman entnommen
       wirkt, sollte wohl nicht zu buchstäblich genommen werden, sondern eher als
       Quintessenz der Fantasien eines jungen Mädchens, das, hochbegabt und
       hypersensibel, in einer Umgebung aufwächst, die ihre Eigenart nicht zu
       schätzen weiß.
       
       „O Caledonia“, der einzige Roman der schottischen Autorin Elspeth Barker
       (1949–2022), ist eine Coming-of-age-Geschichte der besonderen Art. Es ist
       anzunehmen, dass sie sich zu großen Teilen aus eigenen Jugenderlebnissen
       der Urheberin speist.
       
       Außergewöhnlich ist bereits das Setting: Auchnasaugh, wie der vermutlich
       unaussprechliche Name des Schlosses lautet, auf dem die junge Heldin
       aufwächst, liegt abgelegen im schottischen Hochland, inmitten einer
       melancholischen Landschaft aus Heide und Moor, in der Janet, die Älteste
       einer fünfköpfigen Geschwisterschar, oft einsame Spazierritte auf ihrem
       Pony unternimmt.
       
       Das Alleinsein in der Landschaft entspricht der Einsamkeit in Janets
       Innerem. All ihre kleinen Schwestern scheinen besser geraten als sie
       selbst, sind hübsche, freundliche, dem Leben zugewandte Wesen, während
       Janet selbst meist liest oder reitet, in ihrer eigenen Welt lebt und sich
       von den Eltern ungeliebt fühlt.
       
       ## Sie ist ein „Misfit“, eine Außenseiterin
       
       Solange sie jünger ist, muss sie in dem Jungeninternat, das ihr Vater auf
       dem Schloss betreibt, am Unterricht teilnehmen und wird von den Jungen
       gepiesackt; als Teenagerin wird sie fortgeschickt in ein Mädcheninternat,
       in das sie ebenso wenig passt. Wohin sie auch geht: Janet ist und bleibt
       ein misfit.
       
       Aus dieser tendenziell deprimierenden Grundkonstellation schlägt Elspeth
       Barker zahllose Funken finster blitzenden Humors, die sich zu einem
       selbstbewussten, trotzigen Antierziehungsroman summieren. Denn Janets
       eigentümlichem Wesen ist schlicht mit keinerlei erzieherischen Maßnahmen
       beizukommen. Und obwohl sie oft an ihrer Unfähigkeit verzweifelt, der Welt
       und ihren Erwartungen gerecht zu werden, ist gleichzeitig ihr Blick auf
       diese seltsame Welt und die Menschen darin von unbestechlicher
       Klarsichtigkeit.
       
       Eine unausgesprochene, aber stets präsente Verbündete hat die
       Heranwachsende: die Natur, deren Ungezähmtheit in schroffem Kontrast zur –
       damals in der Jugendzeit der Autorin – immer noch sehr calvinistisch
       geprägten schottischen Gesellschaft steht. Von vorn bis hinten ist der
       Roman durchzogen von nebenbei mitgelieferten Beschreibungen
       landschaftlicher Schönheit als zuverlässiger Trost und Ausgleich für die
       Zumutungen des Lebens.
       
       ## Die Liebe zu einem Vogel
       
       Aus dieser Natur kommt auch das einzige Geschöpf, das Janet aus ganzem
       Herzen lieben kann und von dem sie ebenso zurück geliebt wird: eine junge
       Dohle, die sie rettet und großzieht. Anders als das Mädchen kann der Vogel
       fliegen, wohin er will, kehrt aber immer wieder zu ihr zurück.
       
       Janets erste Verliebtheit in einen Menschen dagegen verläuft natürlich
       unglücklich – und lädt, wenn man sich entscheidet, das blutige Anfangsbild
       des Romans als Metapher zu lesen, zur finstersten, selbstzerstörerischsten
       Fantasie von allen ein: der Vorstellung eines blutigen, dramatischen Todes
       durch fremde Hand.
       
       Das (Selbst-)Bild der Protagonistin als unverstandenes, besonderes Wesen
       ist highly relatable für Heranwachsende zu allen Zeiten; doch „O Caledonia“
       ist keineswegs in erster Linie als Jugendbuch zu lesen. Bereits der Titel
       markiert den deutlich weiter gefassten Fokus.
       
       ## Gleichzeitig ein Porträt Kaledoniens
       
       Das dem Mädchen Janet angeborene Unvermögen, im Mainstream
       gesellschaftlicher Erwartungen mitzuschwimmen, stellt gleichzeitig ein
       Gesellschaftsbild ex negativo dar: ein Porträt Kaledoniens, also
       Schottlands, in den 50er und frühen 60er Jahren, als harscher Puritanismus
       und Konformitätsdruck noch recht schmerzhaft mit dem Bedürfnis nach
       individueller Eigenart zusammentreffen können. Janets Persönlichkeit ist
       auch ein Spiegel der ungezähmten Natur, die sie umgibt. Ein Coming of age
       als zahmes junges Fräulein der guten Gesellschaft ist ihr schlicht nicht
       möglich. Sehr erfrischend.
       
       1 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Granzin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Roman
 (DIR) Schottland
 (DIR) Coming-of-Age
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Skandinavien
 (DIR) wochentaz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Neuer Roman „GPS“: Lost in Google Maps
       
       Im Thriller „GPS“ verschwindet auf rätselhafte Weise eine Freundin. Autorin
       Lucie Rico nutzt eine seltene Erzählweise und vermischt Reales und
       Irreales.
       
 (DIR) Roman „Acht Jahreszeiten“: Zu tief sitzen die Vorurteile
       
       Eindrucksvoll und wütend: Mit ihrem Roman „Acht Jahreszeiten“ gibt Kathrine
       Nedrejord der Minderheit der Sámi in Norwegen eine Stimme.
       
 (DIR) Jill Johnson „Nachtschattengewächse“: Grünzeug des Unheils
       
       Eustacia Rose züchtet Giftpflanzen und wird eines Tages verdächtigt, einen
       Giftmord begangen zu haben. Ein Krimi mit skurrilem britischen Humor.