# taz.de -- Jill Johnson „Nachtschattengewächse“: Grünzeug des Unheils
       
       > Eustacia Rose züchtet Giftpflanzen und wird eines Tages verdächtigt,
       > einen Giftmord begangen zu haben. Ein Krimi mit skurrilem britischen
       > Humor.
       
 (IMG) Bild: Eisenhut, Herbstzeitlose, Tollkirsche, Goldregen oder hier die Engelstrompete blühen zwar schön, sind aber giftig
       
       „Kussmundblume“ werde die Psychotria elata im Volksmund genannt, erfahren
       wir – wie vieles andere aus dem Bereich der Pflanzenkunde – aus diesem
       Krimi. Wer das Gewächs googelt, sieht auf den ersten Blick, dass der Name
       berechtigt ist (ein Stück unnützen Wissens am Rande: Einer seiner
       englischen Spitznamen lautet „Mick Jagger’s Lips“).
       
       Eustacia Rose, die nicht ganz zuverlässige und außerdem autistische
       Ich-Erzählerin des Romans, hat die Angewohnheit, Personen anhand ihrer
       charakteristischen Eigenschaften mit Pflanzennamen zu belegen. „Psycho“,
       eben nach jener Psychotria elata, nennt sie, nur so für sich, eine
       attraktive junge Frau, die sie von ihrem Dachgarten aus durch ein Teleskop
       zu beobachten pflegt.
       
       Seitdem Eustacia, eigentlich Professorin für Botanik, wegen eines unklaren
       Vorfalls von ihrem Uni-Job suspendiert wurde, liegt ihr ganzer Lebenssinn
       in diesem Dachgarten, der einzigartig ist, weil er die wohl größte private
       Sammlung von Giftpflanzen in ganz London enthält.
       
       Von den Menschen hält Eustacia sich fern und nimmt am Leben anderer nur
       durch das Teleskop teil – bis sie die schöne „Psycho“ mit den
       pflanzengleich vollen Lippen entdeckt und der Wunsch in ihr übermächtig
       wird, die Begehrenswerte kennenzulernen. Eustacia begibt sich also hinaus
       in die Welt der Menschen, und das Unheil nimmt seinen Lauf.
       
       ## Kein dekoratives Grünzeug, sondern Gift
       
       Dass Unheil nicht nur von Menschen, sondern auch von Pflanzen ausgehen
       kann, wird oft übersehen. Eustacia aber erkennt dort, wo andere Leute nur
       dekoratives Grünzeug wahrnehmen, unablässig gefährliche Substanzen und kann
       es selbst bei einem Cafébesuch nicht lassen, die Kellnerin vor Giftpflanzen
       zu warnen, die scheinbar harmlos in nächster Nähe von Nahrungsmitteln
       herumstehen.
       
       Doch gerade die Tatsache, dass die besessene Botanikerin eine so
       ausgewiesene Expertin auf ihrem Sachgebiet ist, macht sie zur Verdächtigen,
       als tatsächlich ein Mord geschieht: Jonathan Wainwright, ein einstiger,
       nicht sehr sympathischer Uni-Kollege, stirbt durch eine Substanz, die
       normalerweise nur sehr schwer zu bekommen, aber in einer Pflanze enthalten
       ist, die in Eustacias Dachgarten wächst.
       
       Und noch während die Giftgärtnerin sich bei der Polizei rechtfertigen muss,
       geschieht in ihrer Abwesenheit ein Einbruch in ihr geheiligtes Reich.
       Außerdem scheint die schöne Psycho, mit der Eustacia mittlerweile
       freundschaftliche Bande anknüpfen konnte, entführt worden zu sein, spielt
       aber eine undurchsichtige Rolle bei den zunehmend verworrener werdenden
       Geschehnissen. Eine wichtige Spur führt nach Brasilien. Und schließlich
       taucht eine Person aus Eustacias Vergangenheit auf, mit der es noch
       unfinished business gibt …
       
       ## Entspannende Gute-Nacht-Krimilektüre
       
       „Nachtschattengewächse“ ist auf ziemlich britische Art skurril und lebt
       sehr von seiner originellen Hauptfigur und deren speziellem Blick auf die
       Welt. In der Kategorie „gehobener Unterhaltungsroman“ macht der Roman eine
       ausgesprochen gute Figur. Als Kriminal- oder Spannungsroman funktioniert
       er, da im streckenweise verworrenen Plot wenig Überrumpelungspotenzial
       steckt, im Genre-Vergleich eher mittelmäßig, ist aber dafür prima als
       entspannende Gute-Nacht-Krimilektüre geeignet.
       
       10 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Granzin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Krimi
 (DIR) Literatur
 (DIR) Mord
 (DIR) Gift
 (DIR) Pflanzen
 (DIR) Margaret Atwood
 (DIR) wochentaz
 (DIR) wochentaz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Memoiren von Margaret Atwood: Der Report der Margaret A.
       
       Die kanadische Bestseller-Autorin hat die Geschichte ihres Lebens
       geschrieben. In „Book of Lives“ blickt sie auf Bücher und Männer,
       Freundinnen und Feindinnen zurück.
       
 (DIR) Michal Ajvaz „Die andere Stadt“: Der Hai auf dem Kirchturm
       
       Magisches Prag: In Michal Ajvaz’ „Die andere Stadt“ öffnen sich hinter
       urbanen Fassaden suggestive surreale Erzählwelten.
       
 (DIR) Thriller „Das Beste sind die Augen“: Deine blauen Augen machen mich so hungrig
       
       Eine junge Frau zeigt in Monika Kims Thriller zunächst kleine Obsessionen.
       Surrealistische Splatterfantasien werden jedoch narrative Wirklichkeit.